Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Freitag, 13. November 2020

#27: ein offener Brief an Ärzte

… die Befreiungen von der Maskenpflicht nicht akzeptieren.

(Eigentlich war es ein Brief an einen ehemaligen Arzt von mir, der etwas gesagt hatte, was darauf schließen ließ, dass er das nicht tut, obwohl es im Endeffekt nicht mal stimmte, aber ich mag diesen Brief als Erklärung dafür, warum manche Menschen die Masken nicht tragen können, also dachte ich, ich poste ihn hier mal.) Der absolute Ehrenarzt, an den das ging, hat mich übrigens gefragt, ob er den Brief ans gesamte Behandlungsteam weiterleiten darf, für mehr Aufklärung über psychische Probleme!

Hallo [Name],

ich bin nicht mehr [bei Ihnen] in Behandlung, jedoch schreibe ich Ihnen, weil ich Ihren Corona-Newsletter lese und ich eine Stelle daraus als diskriminierend empfinde. Ich bin mir sicher, es ist nicht Ihre Absicht, irgendeine Gruppe von Menschen zu diskriminieren, deshalb wollte ich Ihnen erklären, warum ich das so empfinde.
Und zwar geht es um den Absatz bezüglich der Maskenpflicht. Sie schreiben, dass in der Klinik davon keine Ausnahmen gemacht werden, da in Studien keine Gesundheitsgefährdung durch das Tragen einer Maske festgestellt werden konnte. Da kann ich Ihnen natürlich nicht widersprechen, die Masken haben einen enormen Vorteil und der Bereich der Medizin ist ohnehin Ihr Fachgebiet, nicht meins.

Als Kinderprostitutionsopfer möchte ich Ihnen dennoch eine andere Seite der Maskenpflicht aufzeigen, die in Ihren Überlegungen vermutlich bisher nicht vorgekommen ist (was auch verständlich ist, wenn Sie sich bisher nicht mit dem Thema beschäftigen mussten, was man hoffen möchte).
Ich habe sehr viele Bekannte, die in ihrer Kindheit mehrfach vergewaltigt wurden und nahezu alle (inklusive mir) haben dasselbe Problem: das Tragen der Maske erinnert sie an traumatische Erlebnisse. Es ist dem Gefühl sehr ähnlich, den Mund zugehalten zu bekommen, einmal wegen der Bedeckung, aber auch aufgrund des Gefühls schlechter Luft zu bekommen. Leider passiert dies während einer Vergewaltigung sehr häufig, damit das Opfer keine Möglichkeit hat, auf sich aufmerksam zu machen.
Natürlich ist das Tragen einer Maske nichts schlimmes und es passiert auch nichts schlimmes dadurch, aber das ist eben leider nicht wie Trauma funktioniert. Eine PTBS verändert eben leider wie das Gehirn auf Reize reagiert und dagegen kann man nichts machen, zumindest kurzfristig nicht (langfristig hilft natürlich Therapie).
Ich kenne einige Menschen, die die Maske nur für eine sehr begrenzte Zeit tragen können (z.B. 5 Minuten), bei längerem Tragen haben sie ziemlich sicher einen Flashback. Und ja: ein Flashback macht keine gesundheitlichen Schäden. Niemand stirbt durch einen Flashback. Aber Menschen sterben durch Suizid, jeden Tag. Und Menschen sterben durch Dauerstress, der entsteht, wenn man mehrfach am Tag durch solche Flashbacks belastet ist.

Auch aus diesen Gründen gibt es Befreiungen von der Maskenpflicht. Wenn Sie schreiben 'wir machen keine Ausnahmen bei der Maskenpflicht', dann machen Sie Ausnahmen bei der Behandlung. Für all die Leute, deren PTBS zu schlimm ist, als dass sie eine Maske über einen längeren Zeitraum tragen könnten. Für all die Kinder, die regelmäßig vergewaltigt werden, von denen es auch in [Ihrer Klinik] welche gibt. Für all die Eltern und Erwachsenen Überlebenden. Wir existieren auch. Und wir brauchen solche Ausnahmen.

Ich schreibe Ihnen das, weil ich mir sicher bin, dass es Ihnen schlichtweg nicht bewusst ist. Sie betreuen Menschen mit [Name der Krankheit], keine Menschen mit psychischen Erkrankungen. Aber es gibt eben auch [Menschen mit der Erkrankung] mit psychischen Erkrankungen, mit Trauma, mit Überlebenshintergrund aus der Kinderpornografie oder von übergriffigen Eltern, Nachbarn, Familienmitgliedern, … Und wir können keine Masken tragen. Zumindest in vielen Fällen.
Ich hoffe, dass Sie sich dessen bewusst werden und Menschen, die von der Maskenpflicht durch Hausärzte, Psychiater, etc. befreit sind, zumindest anhören bezüglich ihrer Gründe, bevor Sie ihnen, schlichtweg aus Ignoranz, die Behandlung verweigern.

Dienstag, 3. November 2020

#26: Trauma, DIS und Sexualität II

Riesige Triggerwarnung für's Thema Sex/Sexualität an dieser Stelle.

Das Trauma spürt man in jedem Moment.
Jedes Mal, wenn wir jemandem nah sind, achten wir auf Atem, Bewegungen, Geräusche. Weil wir so sehr gelernt haben, dass man uns nicht nahe sein kann, ohne Sex mit uns haben zu wollen. Dass gleich irgendetwas passiert, auf das man vorbereitet sein muss. Damit man das Nein schon minutenlang vorher im Kopf proben kann.
Früher haben wir uns immer mit Menschen angefreundet, die dann versucht haben, auszunutzen, dass wir so schlecht Grenzen setzen können. Wir haben es immer angesprochen, dass wir sexuelles Trauma haben und dass wir nicht oder nur sehr schlecht Nein sagen können, obwohl wir nichts davon wollen und bei jedem Treffen ist trotzdem irgendetwas in die Richtung passiert. Dadurch haben wir gelernt, dass jeder grundsätzlich nur Sex mit uns möchte. Und jetzt ist es so in unser Gehirn eingebrannt.

Wir können Menschen nicht körperlich nahe sein, ohne erregt zu werden. Das fühlt sich widerlich an zuzugeben, vor allem, da ein überwiegender Teil von uns tatsächlich (nicht sexuelle!) Nähe braucht. Herzlichen Glückwunsch, jetzt wissen alle unsere Freunde, was bei uns passiert, wenn wir sie kuscheln.
Aus diesem Grund werde ich nie müde zu betonen, dass Erregung nichts schlimmes ist und nichts, was man irgendwie kontrollieren kann. Erregung ist eine unbewusste Reaktion auf einen sexuellen Reiz. Und weil wir fast unser gesamtes Leben lernen durften, dass Nähe ohne Sex nicht existiert, ist Nähe für unser Gehirn mittlerweile ein Zeichen dafür, dass gleich Sex folgt. Oder eben eine Vergewaltigung. Jedenfalls etwas, was man körperlich schon mal vorbereiten muss.
Dasselbe würde passieren, wenn man jedes mal Pfefferminztee trinkt, bevor man Sex hat - und ausschließlich dann. Dann würde man irgendwann davon erregt werden, Pfefferminztee zu trinken, selbst wenn man gerade mitten in der Stadt in einem Café ist. Man findet dann weder Pfefferminztee sexuell erregend, noch will man Sex mit der Person haben, die einem den Tee gerade gemacht hat.

Es hat auch nichts damit zu tun, was passiert. Wir haben nie irgendwen von uns aus angefasst außer unsere Beziehungspartner und werden es auch nicht tun. Wenn jetzt trotzdem jemand angewidert ist und uns nicht mehr umarmen will, kann ich es trotzdem verstehen. Es ist dennoch ein Missbrauchssymptom. Es heißt, dass wir jahrelang vergewaltigt wurden. Und sonst nichts. Das muss man dazu sagen.
Zumindest muss ich es dazu sagen. Weil ich mich widerlich dafür fühle, aber nichts dafür kann und es nichts bedeutet und ich nicht widerlich bin und mich auch sonst niemand widerlich finden sollte, nur weil mein Körper traumatisiert reagiert. Dass ich es verstehen kann, ändert nichts daran, dass es eine grauenvolle Reaktion wäre.
Und ich bin fest davon überzeugt, dass es vielen Menschen mit sexuellem Trauma ähnlich geht. Es wird nur nie darüber geredet. Wir tragen alle dieselbe Scham. Nur deshalb schreibe ich es an dieser Stelle überhaupt auf.

Ich bin mir sicher es gibt viele solcher schambehafteten Symptome. Bei denen man vielleicht weiß, Ja, es ergibt Sinn, dass es entstanden ist, aber irgendwie scheint niemand außer man selbst davon betroffen zu sein. Irgendwie redet niemand darüber. Wie klingt denn das auch? Dass der Körper jeden Menschen, der zu nahe kommt, als potentiellen Sexpartner sieht. Garantiert ist nur man selbst so ganz furchtbar widerlich.
Über das hier habe ich nie geredet bis ich neulich beschlossen habe, daran zu arbeiten, dass ich so unglaublich viel Scham aufgrund der hypersexuellen Innenpersonen in unserem System empfinde. Wie soll ich jemals akzeptieren können, dass all das Trauma zu Personen in meinem Körper mit Sexsucht geführt hat, wenn ich nicht mal mich selbst annehmen kann? Also habe ich mit ruru darüber geredet. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass auch andere Menschen uns deswegen widerlich finden werden, zumindest ein paar. Und dann saß ich da und dachte: das kann doch nicht richtig sein. Ich bin doch bestimmt nicht die einzige Person mit sexuellem Trauma, der es genauso geht. Wir können doch nicht kollektiv abgelehnt werden aufgrund der Folgen zu vieler Vergewaltigungen.
Aber ich weiß auch: Verständnis und Akzeptanz entsteht nie in Abwesenheit von Erklärungen. Also erkläre ich jetzt. Erkläre ich für mich und uns und für jede andere Person, die ähnliche Probleme hat. Und wenn mich oder uns irgendjemand widerlich findet deswegen, dann ist das eben so. Wenn mich oder uns deswegen irgendjemand nicht mehr treffen möchte, dann ist das nicht unsere Schuld. Dann war es alleine die Entscheidung der Person. Das hat nichts mit uns zu tun.

[Fortsetzung folgt.]

Mittwoch, 28. Oktober 2020

#25: Trauma, DIS und Sexualität

Riesige Triggerwarnung für's Thema Sex/Sexualität an dieser Stelle.
Falls jemand sich fragt, warum wir 'Sex' ständig mit * schreiben: es gibt halt ziemlich viele sexuelle Dinge, die man machen kann, die nicht direkt Sex sind, aber dafür gibt es irgendwie kein Wort oder zumindest haben wir keins, also schreiben wir halt 'Sex*'.

Die meisten anderen Systeme, mit denen wir bisher über das Thema Sexualität geredet haben, sind fast durchweg asexuell. Damit meine ich, dass 90% des Systems asexuell ist - in fast jedem System gibt es 'sexuelle Anteile'. Das liegt daran, dass so gut wie jedes System massive sexuelle Gewalt erfährt, deren Erleben oft dadurch überlebt wird, einen Anteil zu erschaffen, der das alles tatsächlich "mag". Ich setze dieses Mögen in Anführungszeichen, weil ein sexueller Anteil bei uns nur einmal einvernehmlichen Sex* brauchte, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Vergewaltigungen eigentlich überhaupt nicht schön waren und sie diese gar nicht wirklich mochte.
Dafür, wie das in anderen Systemen ist, kann ich natürlich nicht sprechen. Und vielleicht sind auch gar nicht wirklich so viele Systeme asexuell, wie es für uns den Anschein macht. Vielleicht wird einfach nur nicht viel darüber geredet.

Wir waren lange Zeit darüber verwirrt, ob wir asexuell sind oder nicht, als wir noch dachten, wir wären eine einzelne Person. Die Trauma-Anteile, wie sexuelle Anteile, nahmen wir als Alltagsteam nicht wahr - zu viel Amnesie. Aber Dawn war sehr offensichtlich nie asexuell. Während ungefähr der Rest des Alltagsteams die Vorstellung von Sex entweder widerlich fand oder Angst davor hatte. (Ja. Das ist nicht, was Asexualität ist. Darauf gehe ich gleich ein.)
Tatsächlich schwankten wir lange dazwischen, uns als 'grey-asexuell' oder 'demisexuell' zu bezeichnen. Dabei wussten wir nicht mal, mit Ausnahme von Dawn, ob wir überhaupt sexuelle Anziehung empfinden. Und noch schwieriger war es, zwischen sexueller Anziehung und dem Wunsch, Sex zu haben, zu unterscheiden. Es war alles sexuell. Es war alles grauenvoll. Ende des Gedankengangs.

Das erste mal positive Sexualität haben wir in unserer zweiten Beziehung erlebt, wenn auch nur für kurze Zeit. Dann wurden immer mehr Grenzen missachtet, bis es auch zu Vergewaltigungen kam.
Trotzdem hat uns das nachhaltig geprägt - ja, auch das Positive. Wir sind wesentlich offener für das Thema geworden. Wir haben uns, soweit unserer Möglichkeiten, sogar damit beschäftigt: verschiedene Sexualitäten. Verschiedene Fetische. Verschiedene Menschen.
Unsere eigene Sexualität wurde aber durch die sexuelle Gewalt immer weiter zerstört. Wir waren alle akut traumatisiert. Niemand wollte mehr irgendetwas damit zu tun haben.

Das hielt an bis Melanie sich ein Jahr nach Ende der Beziehung in jemanden verliebte.
Zu dieser Person entstand zuerst eine Freundschaft+ und, nach ein paar Monaten, auch eine Beziehung.
Am Anfang war es schrecklich. Ich weiß nicht, wer damals in diesen Situationen eigentlich draußen war, aber es wurde ständig dissoziiert und traumatisierte Innenkinder kamen raus. (Das war immer noch alles vor der Diagnose.) Irgendwann lernte Melanie zu bemerken, wenn sie anfing zu dissoziieren - was noch nichts brachte, weil sie nicht Stopp oder irgendetwas sagen konnte. Fast niemand von uns konnte das.
Aber ruru gab uns Zeit. Er hörte uns zu und lernte uns kennen und sah all die kleinen Neins und Stopps, die immer wieder missachtet worden waren. Und vor allem fing er an, bei allem zu fragen, ob das okay war, ob wir das wollten und kein einziges mal nahm er unser Schweigen als Ja. Auch kein 'ich mag dich' war ein Ja für ihn. Weil 'ich mag dich' nicht Ja heißt sondern 'Nein, aber ich habe Angst, dass du mich nicht mehr magst, wenn ich das sage'. Zumindest bei uns. Ich weiß nicht, wie das bei nicht traumatisierten Menschen ist.

Ganz langsam lernten wir auch selber Nein zu sagen.
Das ist immer noch ein Prozess, auch über zwei Jahre später. Nicht immer schaffen wir es. Hören tut er es trotzdem immer. Fast immer.
Ich erinnere mich an eine Situation, die sehr uneinvernehmlich war, was er aber nicht gemerkt hat. Das wollte ich ursprünglich nicht erwähnen, weil es ihm unglaublich leid tat und es definitiv nicht seine Absicht war.  Aber irgendwie ist es trotzdem wichtig. So etwas wird es geben, wenn man selbst nicht ausreichend kommunizieren kann, was man möchte, selbst wenn der Partner sich noch so viel Mühe gibt.
Es war nur eine Minute, vermutlich sogar weniger, dann hat er selbst gemerkt, dass irgendetwas fundamental falsch ist. Das ist nichts im Vergleich zu sexuellem Missbrauch. Es ist trotzdem eine Minute, in der man überzeugt ist, es passiert jetzt wieder.

Ich würde mich immer noch als asexuell definieren, denke ich. Wir machen uns inzwischen wenig Gedanken um solche Schubladen. Sexuelle Anziehung spüre ich definitiv nicht und Sex* fühlt sich für mich 99% der Zeit widerlich an. Auch wenn ich inzwischen akzeptieren kann, dass es anderen Innenpersonen anders geht.
Aber viele Innenpersonen, also 80% der Erwachsenen, würde ich sagen, haben das inzwischen (kennen)gelernt: einvernehmliche Sexualität. Mit jemand anderem. Alleine ist ein ganz anderes, viel größeres, Problem. Da hat man selber Kontrolle. Und das geht irgendwie nicht.
In unser Gehirn ist eingebrannt, dass Sexualität mit Kontrollverlust einhergeht. Ein kurzes 'Stopp' ist vielleicht noch okay, da behält trotzdem jemand anders die Kontrolle darüber, was er damit macht. Sich selbst die Kontrolle zu geben? Unmöglich. Zumindest bisher.

Tatsächlich Sex kann noch niemand von uns haben. Vor einiger Zeit hat es jemand versucht, aber wir haben sofort massive Bauchkrämpfe bekommen, was wohl ist, wie unser Körper uns sagen möchte, dass wir das lieber nicht machen sollten.

Und jetzt dissoziiere ich.
[Teil 2 folgt.]

Freitag, 23. Oktober 2020

#24: Wie man Vertrauen lernt

Es gibt eine traurige Wahrheit, die immer wieder vergessen wird: man lernt Dinge nur, indem man sie immer wieder versucht und versucht und darin versagt, versagt, versagt, Fehler begeht, Rückschläge erleidet, um schließlich am Ziel anzukommen, das man sich eigentlich ganz anders vorgestellt hatte.
Es gibt bei uns eine Wahrheit, die (gefühlt) in unsere DNA einprogrammiert ist: nicht jeder Mensch ist böse!
Und trotzdem fragte ich ruru, nach all der langen Zeit, die ich nicht draußen war, ob er mir jetzt wehtun würde. Und ich frage ihn immer noch, ob er mir auch wirklich nicht wehtut und ob er mich auch wirklich beschützt und lieb hat und ob ich wirklich nie wieder so schlimme Dinge tun muss. Jeden Tag.
Vertrauen ist nämlich gar nichts hübsches oder bedingungsloses. Man kann vertrauen und trotzdem Angst bekommen sobald jemand ein wenig genervt klingt, ein wenig wütend klingt, man einen Fehler begeht. Vertrauen ist nicht, grundsätzlich immer zu wissen, dass mir jemand nichts tut, sondern es ist, zu fragen „aber du tust mir doch nichts, oder?“ und sich ein klein wenig besser zu fühlen, nachdem man ein „ich tue dir nichts, versprochen“ als Antwort bekommt.
Aber um zu sehen, dass einem nichts getan wird, muss man erstmal in eine Situation gehen, in der einem etwas getan werden könnte, um dann zu sehen: es passiert gar nichts.
Und dass gar nichts passiert, ist auch eine Lüge.
Nicht jeder Mensch will einem wehtun. Aber ruru hat Mina schon mal gesagt, dass es nervig ist, dass sie immer fragt, ob sie nervig ist. Da hat sie ganz viel geweint und gesagt, aber sie denkt es doch und fühlt sich doch so und er meinte doch, Gefühle sind nie falsch, aber scheinbar findet er ihre falsch, weil er sie nervig findet. Und da hat er sich entschuldigt und sie ganz doll umarmt. Und als Melanie einem Freund von der DIS erzählt hat, hat der gesagt: aber was ist denn, wenn ich die richtige Melanie jetzt gar nicht mag? Weil er das einfach nicht richtig verstanden hatte mit der DIS!
Vertrauen heißt nämlich gar nicht, dass die Person einen nicht verletzen wird, sondern dass man versteht, ob die Person einen verletzen wollte und dass es nichts (am Vertrauen) kaputtmacht, wenn die Verletzung nicht die Absicht war.
Aber natürlich gibt es auch Menschen, die einem absichtlich wehtun, wenn man ihnen vertraut. Aber wenn man es immer und immer und immer wieder macht, merkt man, dass das eigentlich gar nicht so viele sind. Es gibt sehr viel mehr nette Menschen als gemeine! Die tun einem auch ganz oft weh, nur eben nicht absichtlich. Und das ist eigentlich ziemlich schön. Es geht nämlich nicht die Welt unter, weil jemand sich falsch ausgedrückt hat. Das lernt man irgendwann.

Montag, 19. Oktober 2020

#23: ein kurzer Abstecher in die Traumadiagnostik

Die (k)PTBS ist von einer Reihe Symptome aus verschiedenen Symptomkategorien gekennzeichnet, von denen je nach betroffenem Individuum verschiedene zutreffen. Es gibt Symptome, die für die Diagnose definitiv zutreffen müssen, andere, die nicht zwingend zutreffen müssen, aber sehr häufig sind und wieder andere, die zwar ebenfalls auftreten können, aber nicht ganz so häufig sind.

In der Vergangenheit haben wir immer wieder mit Menschen geredet (meist Psychologen), die uns Symptome einreden wollten, die wir gar nicht haben, weil doch aber 95% aller Leute mit PTBS diese Symptome haben oder die bestimmte Symptomausprägungen, die wir haben, übersehen haben, weil sie nicht der "Standardsymptomausprägung" entsprechen. Teilweise haben wir natürlich auch selbst Symptome nicht wahrgenommen, weil diese beispielsweise nur bestimmte Innenpersonen betrafen, zu denen aber starke Amnesie bestand oder teilweise auch aus dem Grund, dass sie uns falsch kommuniziert wurden. Letzteres haben wir vor ein paar Tagen festgestellt und daraus ist im Endeffekt auch dieser Post entstanden.
Vermutlich geht es jeder Person mit einer posttraumatischen Belastungsstörung ähnlich. Es gibt einfach Symptome, die im ICD-10 (oder 11) stehen, die man so einfach nicht unterschreiben kann. Und irgendwie scheinen "alle anderen" auch ganz andere Symptomausprägungen in diese Richtung zu haben. Nur dass es eben immer andere Symptome betrifft.

Deshalb folgt heute eine Liste an Annahmen, die andere Menschen ständig über unsere PTBS machen (oder teilweise auch über die PTBS allgemein), die so einfach nicht stimmen; mit dazugehöriger Erklärung natürlich. Und zudem der erwähnten Falschannahme, die wir selbst jahrelang hatten.

  1. "Bei einer PTBS hat man immer Flashbacks."
    Falsch. Aber tatsächlich sogar vom Fachpersonal häufig so kommuniziert. Die Realität ist allerdings, dass die Diagnoserichtlinien ausschließlich sagen, dass man das Trauma wiederholt nacherlebt - das kann in Form von Flashbacks sein. Es kann jedoch auch in der Form von Intrusionen sein (eine Art Mini-Flashback, bei der einem jedoch voll bewusst ist, dass es sich um eine Erinnerung handelt und gerade nichts passiert). Selbst ein Wiedererleben in der Form von Albträumen ist für die Diagnose absolut ausreichend.

  2. "Bindungsstörungen bedeuten grundsätzlich, dass man misstrauisch gegenüber allen Menschen ist und (nahezu) niemanden an sich heranlässt."
    Ebenfalls falsch. Zwar scheint es bei der Mehrheit der betroffenen Bevölkerung so zu sein (zumindest nach unseren Beobachtungen), aber es gibt auch ein genau gegenteiliges Verhalten, das ebenfalls manchmal bei Bindungsstörungen auftritt: man schmeißt jedem Menschen sein Vertrauen entgegen, als hinge das eigene Leben davon ab. Das mache ich. Herzlich willkommen in meiner Welt voller Liebe und Verletzlichkeit. Ich freunde mich innerhalb von Minuten mit Menschen an, entwickle Gefühle für sie nach ein paar Stunden und muss mich die ganze Zeit zurückhalten, nicht jeden Menschen, den ich treffe, total mit Zuneigung zu überschütten, weil ich gelernt habe, dass das die meisten Menschen vollkommen überfordert. Und wenn ich dann damit anfange, ist es für die meisten Menschen trotzdem immer noch zu früh. Oder sie denken, ich muss in sie verliebt sein, sonst könnte ich mich gar nicht so verhalten. Oder andere Menschen denken das.
    Ich bin nicht naiv. Meine Menschenkenntnis ist größtenteils ziemlich gut, würde ich behaupten. Aber ich binde mich definitiv schneller an Menschen als ich ihre Vertrauenswürdigkeit einschätzen kann - und das ist auch eine Bindungsstörung. Wenn jemand nach drei Tagen sagt, dass er doch kein Interesse an der Freundschaft hat und man sich fühlt, als hätte man einen langjährigen Freund verloren. (Zum Glück halten meine Freundschaften selten lange genug, dass ich tatsächlich langjährige Freunde verlieren könnte, das war bisher in der Regel tatsächlich [re]traumatisierend.)
    Und generell kommt diese Form der Bindungsstörung bei uns auch deutlich häufiger vor als grenzenloses Misstrauen in andere Menschen. Wirklich misstrauisch sind nur eine handvoll von Innenpersonen.

  3. "Bei einer PTBS ist man grundsätzlich dissoziiert von seinem Körper oder hat zumindest ein sehr schwieriges Verhältnis dazu."
    Ich glaube, das ist tatsächlich in den aller-, allermeisten Fällen so; wobei ich mich auch irren könnte. Den Eindruck bekomme ich nämlich nur, weil gefühlt nahezu niemand (positiv) darüber redet. Aber vielleicht wird auch einfach das Thema nicht gemocht.
    Bei mir (und da kann ich an dieser Stelle wirklich nur von mir reden, bei vielen Innenpersonen ist es komplett anders) ist es so: mein Körper und ich, wir sind ein perfektes Team. Er ist echt super. Selbst mit kaputter DNA gibt er sich unendlich viel Mühe.
    Ich kann intuitiv den allermeisten Fällen sagen (ich würde sagen, ich liege so zu 98% richtig), ob Schmerzen, die ich habe, psychisch bedingt sind oder aufgrund einer körperlichen Verletzung/Krankheit auftreten. Letztes Jahr, als mein Immunsystem sich verabschiedet hat und mir von allen Seiten, allen Ärzten, allen Psychologen gesagt wurde: das passiert halt bei komplexen Traumafolgestörungen irgendwann. Das ist normal. Selbst da wusste ich, auch nach einem Jahr noch, dass die Ursache nicht psychisch ist (und siehe da: eine Schimmelbelastung in rurus Wohnung, spezifisch der Matratze, auf der ich bei ihm geschlafen habe, wurde gefunden, nachdem ich monatelang akribisch meine Symptome beobachtet habe). Ich stelle fest, welches Essen mir gut tut und welches nicht, ohne aufwendige Ernährungstagebücher zu führen. Und so weiter und so fort. Mein Körper und ich sind ein tolles Team. (Außer Hungersignale. Die habe ich nicht. Das ist sehr traurig.)

  4. "Vermeidung geschieht bewusst und willentlich."
    Vermeidung ist ein Symptom der (k)PTBS. Es werden Aktivitäten, Situationen oder Menschen vermieden, die einen an das Trauma erinnern, teilweise auch Gedanken daran, insofern das geht. Für uns klang Vermeidung immer nach einer Entscheidung. Natürlich in dem Gedanken getroffen, dass man bei einer bestimmten Aktivität vielleicht einen Flashback oder ähnliches haben könnte, also sehr nachvollziehbar, aber eben nie etwas, was wir gemacht haben. Das haben wir Psychologen auch immer gesagt - dass wir nicht vermeiden. Wir reden über unser Trauma, weil es wichtig für uns ist. Wir machen Dinge, von denen wir wissen, dass sie uns triggern könnten, weil wir sie für die Möglichkeit machen wollen, dass sie das vielleicht nicht tun. Das erste Mal, das wir uns aktiv zu Vermeidung entschieden haben, war Ende 2018, als wir beschlossen haben, dass wir nie wieder nach Hannover fahren würden. Davor nicht. Und niemand hat uns jemals erklärt, wie beschränkt unser Bild von Vermeidungsverhalten ist, bis wir neulich (wie so oft) irgendetwas nicht machen konnten, das wir eigentlich machen wollten, weil wir aus welchem Grund auch immer (ich erinnere mich nicht mehr an das Ereignis) so starke Panik davor hatten, dass es schlichtweg nicht möglich war, überhaupt das Haus zu verlassen, weil wir so doll geweint haben. Und plötzlich haben wir verstanden: das ist auch Vermeidung. Und das haben wir ständig. Wir wollen etwas machen, aber können es einfach nicht. Und hinterher ist Selbsthass, hinterher ist Frustration, hinterher ist Traurigkeit. Aber wir schaffen es eben einfach nicht. Vielleicht bei einem späteren Versuch.
    Im Endeffekt fühlt sich einfach das Wort falsch an. Etwas zu vermeiden klingt so, als würde man es freiwillig tun: ich will das nicht. Dann geht es mir schlecht. Und niemand redet darüber, dass es einfach schlichtweg nicht möglich ist. Dass man einfach auch schlichtweg nicht in der Lage ist, sich zu zwingen. Selbst wenn man die Dinge, die so viel Angst machen, trotzdem gerne machen würde.

    Mir war es wichtig, das insbesondere aufzuschreiben, weil ich nicht weiß, ob es nicht anderen traumatisierten Menschen genauso geht wir uns und sie jahrelang ständig denken: aber ich vermeide ja nichts.
    Vielleicht hatten wir auch einfach besonders viel Pech damit, dass uns nie vernünftig erklärt wurde, was genau mit Vermeidung eigentlich gemeint ist. Vielleicht ist unser Verständnis des Wortes grundsatzfalsch.

    Aber auch wenn es an dieser Stelle bloß ein Missverständnis war:
Euer Trauma ist mehr als Symptome. Davon abgesehen, dass man von einem Trauma nicht zwangsläufig eine PTBS entwickeln muss, um darunter zu leiden - es gibt viele Traumafolgen, die keine posttraumatische Belastungsstörung, aber trotzdem unglaublich belastend sind.
Gleichzeitig sind aber nicht nur wir sondern auch jedes Trauma individuell. Ihr müsst nicht die genau gleichen Symptome haben wie irgendjemand anders, um "richtig" traumatisiert zu sein. Jeder hat seine eigenen Symptome. Seine eigenen Folgen.
Bitte vergleicht eure nicht mit anderen oder andere mit euch und versucht, daran abzuleiten, wie (wenig) valide irgendeine Erfahrungsreaktion ist. Es führt zu nichts.

Sehr viel Kraft & Licht an euch.

Freitag, 16. Oktober 2020

#22: Erste Person Plural II

Und ich denke, wenn man in einer Situation verstanden werden will, die für andere Menschen nicht einfach zu verstehen ist, weil sie eben nicht in der normalen Erlebenswelt eines Menschen vorkommt, muss man oft auch Wünsche äußern. Denn manche Menschen fragen nach, aber andere auch wieder nicht und das liegt nicht zwangsläufig daran, dass es sie nicht interessieren würde, sondern oft auch an der Angst, etwas falsch zu machen oder eigenen traumatischen Erfahrungen, aufgrund derer sie sich ohnehin wie eine Belastung fühlen. Damit möchte ich nicht sagen, dass man für das Verhalten anderer Menschen zuständig ist. Aber es kann vieles einfacher machen, wenn man direkt auf sie zugeht.
Also schreiben wir an dieser Stelle auf, wie wir uns wünschen, dass andere Menschen mit uns umgehen.

Wir sind ein System - das bedeutet für uns, dass wir eine große Familie sind. Nur teilen wir eben ein Leben. Das heißt, uns bekommt man nur zusammen - aber gleichzeitig existieren wir auch alle einzeln. Wir möchten gerne alle als einzelne Personen behandelt werden, zumindest in einem Moment. Wenn man allgemein über uns spricht, ist es total schön, wenn Pluralpronomen benutzt werden und wir auch sonst im Plural angesprochen werden, eben durch Sachen wie "Flauschis" (man kann sich auch was anderes ausdenken, uns ist selbst einfach noch nichts eingefallen). Aber wenn man direkt in einem Gespräch mit uns ist, dann wollen wir (also die Person, die gerade draußen ist) als eigene Person gesehen werden. Das äußert sich dann sowohl in so Sachen wie, dass der Name der Person verwendet wird, die gerade draußen ist (oder dass nach dem Namen gefragt wird, wenn man ihn nicht kennt), als auch, dass man Dinge an die richtige Person adressiert. Also, wenn man zum Beispiel etwas sagen möchte, das spezifisch an eine Person geht (beispielsweise Lana, weil man mit ihr bisher am meisten zu tun hatte) und man weiß aber, dass gerade eine andere Person draußen ist, dass man dann sagt: "Hey, könntest du Lana sagen, dass ...", anstatt die Person anzusprechen mit: "Lana, ich wollte dir sagen, dass ..." Weil die Person eben nicht Lana ist. Und ständig Lana genannt zu werden, obwohl man jemand ganz anderes ist, tut eben weh.
Es äußert sich aber auch in Sachen wie, die Person altersgerecht zu behandeln. Dawn redet beispielsweise gerne über erwachsene Themen. Und natürlich kann man diese dann auch bei ihr ansprechen. Wenn dann stattdessen Skye draußen ist, die ebenfalls erwachsen ist, kann man natürlich fragen: "Kann ich auch mit dir über dieses Thema sprechen?" Aber wenn gerade ein fünfjähriges Kind draußen ist, sollte man es eben einfach lassen. Alles andere ist meistens sehr verängstigend.

Dazu zählt ebenfalls, dass man auf das individuelle Verhältnis, das man mit der jeweiligen Person hat, eingeht. Es reicht eben nicht aus, den richtigen Namen zu benutzen. Wenn man bisher nur mit Lana Kontakt hatte, selbst wenn man sie schon jahrelang kennt und richtig gut mit ihr befreundet ist, ist es einfach unglaublich befremdlich, eine andere Person, die gerade draußen ist, die man noch nie getroffen hat, wie eine jahrelange Freundin zu behandeln. Oder weibliche Pronomen oder Bezeichnungen zu benutzen, bei einer Person, deren Gender man nicht mal weiß, nur weil der Körper und ein Großteil des Systems weiblich sind.
Oft bekommen wir auch Aussagen, die definitiv an eine bestimmte Innenperson gerichtet sind (in der Regel Lana), aber dann einfach systemweit angewendet werden. Es ist einfach verletzend, gesagt zu bekommen "ich finde es schön, dass du immer so gefühlsübersprühend bist", wenn man das gar nicht ist und man weiß, es ist mal wieder Lana gemeint und man selbst wird einfach nicht gesehen und in den Lana-Topf geworfen. Weil Lana die meiste Zeit da ist, werden wir dann kollektiv als sie gesehen und auch so behandelt. Menschen benutzen dann vielleicht den richtigen Namen, aber sie verstehen eben nicht wirklich, was das gerade bedeutet - dass sie wirklich mit jemand anderem sprechen.
Aus demselben Unverständnis heraus werden Lana und Melanie in den allermeisten Fällen entweder als ein und dieselbe oder als zwei vollkommen getrennte Personen gesehen. Aber das ist beides nicht richtig. Lana ist aus den geteilten Erinnerungen zweier Innenpersonen entstanden - Melanie und Caomhe. Das bedeutet, dass 95% von Lanas Charakter auf den Lebenserfahrungen von Melanie aufbaut (Caomhe war ziemlich selten draußen). Dadurch sind auch ihr Charakter und ihre Gefühle so ähnlich. Aber sie ist eben nicht Melanie. Gleichzeitig ist Melanie aber auch keine andere Person. (Dasselbe gilt natürlich für Caomhe.)

ruru erkennt oft einfach am Verhalten oder an der Stimme, wer draußen ist, meistens aber auf jeden Fall, wenn ein Wechsel passiert ist oder wenn jemand anders co-bewusst ist. So etwas kann man nicht erwarten. ruru verbringt eben nur unglaublich viel Zeit mit uns und dann lernt man solche Kleinigkeiten eben. Dann merkt man, dass Fólan ein bisschen tiefer redet, dass Skye weniger Emotionen in der Stimme hat, Dawn überall ein Ausrufezeichen setzt (auch wenn sie redet). Man erkennt den Unterschied zwischen Lanas Stimme, die sehr kindlich klingt und tatsächlichen Innenkindern, die erstens noch kindlicher klingen und zweitens ein anderes Vokabular haben. Man weiß, welche Kinder viel reden und welche wenig und die bestimmten Sätze oder Wörter, die so nur ganz bestimmte Innenpersonen sagen. Oder die Verhaltensweisen, die nur bestimmte Innenpersonen haben. So was kann niemand erkennen, der uns nur selten sieht oder fast ausschließlich schriftlich mit uns kommuniziert.
Aber manchmal werden wir stiller, obwohl wir gerade noch viel geredet haben. Oder unsere Stimme wird kindlicher, selbst dann, wenn man Lanas Tonfall gewohnt ist. Und es wäre unglaublich schön, dann gefragt zu werden: "Wurde gerade gewechselt?" oder "Bist du noch [Name der Person, die vorher draußen war]?"
Manchmal ist das auch gar nicht so. Aber es könnte ja sein.

Gleichzeitig wäre es sehr schön, wenn nicht einfach angenommen werden würde, dass eine bestimmte Person draußen ist (zum Beispiel Lana). Auf Discord ist das okay, weil dort in der Regel im Wechsellog steht, wer gerade draußen ist und falls die Information dort mal falsch sein sollte, dann ist das komplett unser Fehler und man kann da niemandem einen Vorwurf machen.
Wenn man uns jedoch IRL oder in einem Voice Chat antrifft, dann werden wir vermutlich keine Wechsellogs aktualisieren (dann ist unsere Aufmerksamkeit wo anders). Und man selbst schaut dann vermutlich auch gar nicht nach. Also wäre es schön, wenn gefragt werden würde, wer gerade da ist.
So ein Wechsel kann schnell passieren. Mitten in einem Gespräch merkt man es vermutlich, wenn man weiß, dass so etwas existiert, aber wenn man nicht gerade mit der Person redet, ist es sehr unwahrscheinlich, dass man irgendetwas merkt. Vielleicht wäre es ein bisschen viel nach jedem Gang aufs Klo neu zu fragen: "Und, wer ist jetzt draußen?" (auch wenn es definitiv kein Problem wäre und vermutlich sehr schön). Aber wenn einem etwas anders oder komisch vorkommt, wäre es schön, gefragt zu werden. Wir werden in solchen Situationen nämlich oft gefragt, ob alles in Ordnung ist (weil wir uns plötzlich anders verhalten). Und meistens ist alles in Ordnung. Es gab dann eben nur gerade einen Wechsel.

Man könnte jetzt berechtigterweise fragen: warum sprecht ihr das nicht einfach selber an, wenn es einen Wechsel gab, wenn es euch so wichtig ist? Tatsächlich ist das auch der langfristige Plan. Viele von uns handhaben das auch so. Aber es gibt eben gleichzeitig unglaublich viele traumatisierte Anteile, die sich so etwas einfach nicht trauen. Die denken, sie müssen jetzt beispielsweise Lana spielen, sonst sind alle enttäuscht. Und das kann man nur lösen, indem man von sich aus auf sie zugeht und ihnen die Chance gibt, sie selbst sein zu können.

Ein weiterer Punkt wäre Körperkontakt.
Lana liebt Körperkontakt. Sie umarmt nahezu jeden, hält mit nahezu jedem Händchen, headpattet Menschen, wird gerne zurückgeheadpattet und, und, und. Das ist aber längst nicht bei jedem so. Mit ruru wird bei den allermeisten gekuschelt und ebenso Händchen gehalten, weil er Sicherheit bedeutet. Aber wenn dann einfach unsere Hand genommen wird oder wir umarmt werden (weil vermutlich mal wieder davon ausgegangen wird, dass Lana da ist), dann kann das unter Umständen sehr schlimm sein. Denn die meisten traumatisierten Anteile haben große Probleme damit, aber gleichzeitig können sie keine Grenzen setzen. Und dann machen sie eben mit. Weil es wenigstens "nichts richtig schlimmes" ist. Und wenn sie die Person wegschieben, dann tun sie ihr vielleicht weh. Und dann passiert vielleicht doch etwas richtig schlimmes.
Im Endeffekt gehört das natürlich zu dem Punkt, dass man nicht einfach annehmen sollte, dass irgendjemand bestimmtes draußen ist. Aber es geht noch einen Schritt weiter. Denn nur weil dieselbe Person letzte Woche deine Hand gehalten hat, ist es heute vielleicht nicht okay. Also sollte gefragt werden. Weil es auch einfach ist. Nach Berührungen kann man nämlich sogar ohne Worte fragen. Zum Beispiel, indem man die Arme zu einer Umarmung ausbreitet und wartet, was die andere Person tut. Oder indem man die Hand in die Nähe hält und abwartet, ob sie genommen wird. (Natürlich kann man auch einfach fragen. Ich wollte nur veranschaulichen, dass es noch mehr Möglichkeiten gibt, falls man nicht so viel nachfragen möchte.)

Wir haben extra versucht, in dem Text herauszukristallisieren, was einfach nur schön wäre, wenn es gemacht werden würde und was tatsächlich notwendig ist - also, was verletzend oder triggernd ist, wenn es nicht gemacht wird. Weil wir extra betonen möchten, dass nicht alles ein Fehler ist, nur weil man etwas hätte besser machen können. Wir benutzen ja zum Beispiel selbst nicht die ganze Zeit Pluralpronomen, obwohl es sich schöner anfühlen würde, weil wir einfach wissen, dass nicht alle Menschen das verstehen und man manchmal auch einfach keine Lust hat, es zu erklären. Oder weil man einfach so sehr an etwas anderes gewöhnt ist, dass man automatisch singuläre Pronomen verwendet.
Und wenn ihr ein anderes System kennt: bitte fragt dort nach. Dieser Text drückt nur unsere Wünsche aus. In anderen Systemen kann das alles ganz anders aussehen.

Mittwoch, 14. Oktober 2020

#21: Erste Person Plural

In letzter Zeit überlegen wir vermehrt, wie man Menschen so wirklich begreiflich machen kann, was eine DIS zu haben bedeutet. Nicht das Trauma - das versteht in unserem Freundeskreis beinahe jeder nur allzu gut. Sondern das Viele-sein.
Dass wir uns vor allen unseren Freunden und Bekannten "geoutet" haben, ist mittlerweile zehn Monate her. Wir alle sind immer wieder sehr begeistert von einer Freundin (hi!), die ganz natürlich dazu übergegangen ist, Pluralpronomen zu benutzen, wenn sie uns erwähnt und uns den Namen "Flauschis" gegeben hat, um uns irgendwie kollektiv bezeichnen zu können ("Flauschi" war vor der Diagnose unser Spitzname, also wohl am ehesten Melanies und jetzt eben Lanas). Oder von einem Freund (ebenfalls hi!), der oft, wenn er uns anschreibt in unseren Wechsellog schaut (wo wir eine Übersicht darüber führen, wer wann ungefähr draußen ist oder war) und dann die Person namentlich anspricht, die gerade draußen ist. Mit ihm haben wir uns sogar dadurch angefreundet, dass er so viele Fragen über die DIS gestellt hat! Und natürlich von ruru, der für uns alle so viel ist - Beziehungspartner, großer Bruder, bester Freund. Er hat zu jeder Innenperson (die er kennt) ein eigenes Verhältnis.

Natürlich gibt es Unfluffs, die die DIS komplett ignorieren und uns alle mit Lana ansprechen und jede Innenperson, die nicht Lana ist, komplett ignorieren, aber mit denen haben wir gar nicht erst viel zu tun. Stattdessen soll es heute um die Menschen geben, die die DIS einfach nicht richtig verstanden zu haben scheinen, aus welchem Grund auch immer. Die sich viel Mühe geben, aber trotzdem immer wieder dieselben Fehler machen, wie beispielsweise eine Innenperson mit 'Lana' anzusprechen, selbst wenn diese gerade gesagt hat, dass sie nicht Lana ist, oder bei Innenkindern Themen anzusprechen, die definitiv nicht für Kinder geeignet sind. Denen es wirklich leidtut, wenn sie diese Fehler machen, es aber dadurch nicht ändern können, dass die Fehler eben nicht aus Ignoranz entstehen, sondern aus einem grundsätzlichen Nicht-Verstehen der DIS.
"Die Welt ist nicht barrierefrei", hat ruru neulich dazu gesagt: Etwas an einem wird zwar akzeptiert, aber es wird gleichzeitig absolut nicht mitgedacht.

Also versuchen wir an dieser Stelle eine verständlichere Erklärung zu geben, die die DIS eher veranschaulicht als irgendetwas zu erklären. Weil das oft mehr bringt (diese Erklärung richtet sich explizit an Nicht-Systeme):

Stell dir vor, du bist in einer Arbeitsgruppe. So etwas hatte hoffentlich jeder schon, mindestens in der Schule.
Manche Arbeitsgruppen arbeiten gut zusammen, andere überhaupt nicht. Manchmal machen alle ihr eigenes Ding, weil sie die anderen für unfähig halten. Manchmal interessieren sich Teile der Arbeitsgruppe gar nicht für die Arbeit. Manchmal funktioniert auch alles prima, die Arbeit ist gleichmäßig aufgeteilt, alle haben eine Aufgabe.
Alle Arbeitsgruppen haben aber zwei Gemeinsamkeiten: sie haben eine definierte Aufgabe und sie bestehen aus verschiedenen Menschen, mit verschiedenen Ansichten und Meinungen, Persönlichkeiten und Vorlieben, Erinnerungen und Erfahrungen, die alle in die Erfüllung der Aufgabe mit einfließen. Das ist gleichzeitig gut und schlecht, denn jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Wenn ihr es schafft, die Aufgaben optimal aufzuteilen und jeder seine Stärken verwenden kann, dann könnt ihr eure Aufgabe vermutlich sehr gut und ohne Probleme bewältigen. Wenn nicht, dann ist das Ergebnis vermutlich nicht so gut.

Eure Arbeitsgruppe hat ein Problem: zu jeder gegebenen Zeit kann ausschließlich eine(r) von euch an eurem Projekt arbeiten. Andere Personen können maximal Ratschläge geben - allerdings dürft ihr euch nicht in demselben Raum aufhalten. Deshalb habt ihr zum Kommunizieren ein kaputtes Telefon bekommen, welches ihr erst reparieren müsst. Niemand in eurer Gruppe weiß, wie man Telefone repariert und generell wissen das nur sehr wenige Menschen auf der Welt, bei denen man dann lange Wartezeiten hat, um das Telefon zu reparieren. Zudem fällt das Telefonsignal in eurer Stadt regelmäßig aus. Ansonsten könnt ihr über Notizzettel kommunizieren, diese kann jemand anders aber erst dann lesen, wenn er sich selbst im Projekt-Raum befindet.
Leider dürft ihr auch nicht entscheiden, wer gerade an dem Projekt arbeiten darf. Dies wird per Zufall ausgewählt. Zwar ist die Chance, dass eine geeignete Person ausgewählt wird, über 50%, aber ihr könnt euch eben nie sicher sein. Wenn ihr Pech habt, arbeitet eine Person an dem Projekt, die überhaupt nicht gut für den Teil, den ihr gerade machen wolltet oder müsst, geeignet ist.
Das macht natürlich eure abgesprochene Aufgabenverteilung zunichte. Jetzt muss immer derjenige, der gerade da ist, an der Aufgabe arbeiten, egal, ob er die Sachen gut kann oder nicht. Viele Sachen bleiben auch liegen, wenn jemand sie einfach überhaupt nicht kann; die muss dann jemand anders nachholen.

Um das Ganze zu erleichtern, dürft ihr Freunde fragen, ob sie euch helfen. Aber dadurch, dass ihr ja nicht wisst, zu welcher Zeit ihr euch gerade um das Projekt kümmern könnt, muss manchmal einer eurer Arbeitspartner mit euren Freunden reden. Leider sieht dieser für sie aber immer aus wie ihr. Und weil das so seltsam ist, verstehen eure Freunde manchmal nicht, dass ihr das nicht seid.
Auf der anderen Seite seht ihr, immer wenn ihr mit den Freunden eurer Arbeitspartner redet, stattdessen aus wie diese. Also nennen euch manche die ganze Zeit Paul, weil eurer Arbeitspartner so heißt. Dabei heißt ihr gar nicht Paul. Das sagt ihr ihnen auch, aber beim nächsten Treffen haben sie es scheinbar schon wieder vergessen. Und dann behandeln sie euch außerdem, als wärt ihr seit Jahren die besten Freunde - dabei habt ihr euch gerade erst vor fünf Minuten kennengelernt. Und alles nur, weil ihr ausseht wie ihr Freund Paul. Das ist echt frustrierend.
Manche verstehen es aber auch und am Ende freundet ihr euch sogar miteinander an und dadurch ist es dann irgendwie egal, wer gerade da ist, weil ihr euch ja ohnehin alle super versteht.

Die Hälfte eurer Arbeitsgruppe ist übrigens schwer traumatisiert, die andere Hälfte hat andere psychische Krankheiten und mindestens ein Drittel ist unter 10 Jahren alt.
Viel Spaß.
Euer Projekt heißt Leben.

Freitag, 9. Oktober 2020

#20: Platzeinnahme

Ich hasse mich ein wenig dafür, diesen Post zu schreiben, weil ich die Gedanken hasse, die ich habe, aber gleichzeitig empfinde ich es als wichtig, darüber zu sprechen, weil ich vermute, dass es vielen in anderen Situationen ähnlich geht und es auch eigentlich gar keinen Grund gibt, sich dafür zu hassen.

Neulich haben wir dem Teil unserer Familie, mit dem wir noch Kontakt haben, davon erzählt, was unser Vater gemacht hat (unser Vater war Haupttäter bei unserem Ursprungstrauma). Sie haben uns sofort alle geglaubt, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten.

Nachdem wir unserer Schwester einen Katalog an Fragen beantwortet hatten, fing sie an, darüber zu reden, dass sie sich an Dinge erinnerte.
Zuerst waren das sehr harmlose Sachen, die auch sehr viel Sinn machten. Zum Beispiel, dass man ein fremder Mann abends in unsere Wohnung gekommen war, um irgendetwas mit unserem Vater zu besprechen. Oder dass sie uns mal mit unserem Vater zusammen von irgendwo abgeholt hatte, wo sie noch so dachte, dass dort ja aber gar keine Freunde von uns wohnen und sie es dann damit abgetan hatte, dass wir vielleicht eine neue Freundin haben oder jemand umgezogen ist.

Für den nächsten Teil muss ich dazu sagen, dass unsere Schwester ihre halbe Kindheit im Krankenhaus verbracht hat und zahlreiche Operationen und andere Eingriffe hatte, dementsprechend also ebenfalls traumatisiert ist. Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass sie vor ein paar Jahren eine Traumatherapie angefangen hat, die mittlerweile seit einiger Zeit abgeschlossen ist und dass sie nahezu keine traumabedingten Probleme mehr im Alltag hat.

Plötzlich erzählte sie uns, dass sie sich auch an andere Sachen erinnerte. Wir hatten ihr erzählt, dass ein Großteil des Missbrauchs in einem großen weißen Haus mit schwarzen/dunkelgrauen Ziegeln und einem großen Garten, durch den ein Steinweg zur Eingangstür des Hauses führte, stattgefunden hatte. Man könnte es wohl fast schon Anwesen nennen - die Familie, die dort gewohnt hatte, war sehr reich gewesen. Sie hatten außerdem eine Tochter gehabt.

Plötzlich erinnerte sie sich daran, wie sie mit unserem Vater vor dem Haus gestanden hatte, wo sie uns hingebracht hatten, und dass er angefangen hatte zu weinen, als sie weggingen.
Dieses Bild macht hier kollektiv alle wütend und wir wird schlecht dabei. Es passt nämlich nur allzu gut in ihr Narrativ, dass es ihm leidtun muss. Sie hat es uns selbst gesagt: sie wollte ihn damit, was er getan hat, konfrontieren und wir hatten sie gefragt, was sie sich denn davon erhofft. Sie meinte: "Dass er dann anfängt zu weinen und es ihm voll leidtut."
Zudem erinnerte sie sich daran, ein Gespräch zwischen unserem Vater und seinem Vater mitbekommen zu haben, das angedeutet hätte, dass unser Opa unseren Vater sozusagen dazu 'gezwungen' hatte, uns zu verkaufen. Um genau zu sein, hatte er wohl gesagt "ich kann das jetzt nicht länger aufschieben", worauf unser Vater geantwortet hatte "aber nicht [unsere Schwester], sie wurde gerade operiert."

Plötzlich waren angeblich Sachen passiert, während wir noch in einer bestimmten Wohnung gewohnt hatten - als wir dort ausgezogen sind, waren wir 2. Natürlich ist das nicht unmöglich. Aber soweit wir mittlerweile aufdröseln konnten, hat der eigentliche Missbrauch angefangen, als wir 5 waren. In den Jahren davor sind, soweit wir wissen, ausschließlich medizinische Eingriffe passiert, die natürlich ebenfalls sehr traumatisch waren, aber eben kein Missbrauch.
Es kam uns komisch vor, dass sie sich auf einmal an so viele Sachen erinnerte, aber natürlich ergab es auch Sinn - es waren ja alles einfach Erinnerungen, die in dem Moment vermutlich total unwichtig erschienen waren und so etwas vergisst man dann eben einfach und erinnert sich erst wieder daran, wenn es irgendeinen Sinn ergibt.

Dann fand sie das Haus, das wir beschrieben hatten und meinte, sie würde sich erinnern, dass erwähnte erinnerte Szene vor diesem Haus stattgefunden hatte. Nur dass sie uns ein Foto schickte und das Haus passte absolut 0 zu unserer Beschreibung - es war nicht nur ein bisschen anders, sodass man vielleicht hätte sagen können, dass in den letzten 15 Jahren eben Dinge verändert worden waren. Es war schlichtweg ein komplett anderes Haus.
Trotzdem meinte sie sich plötzlich daran zu erinnern, wie wir dort im Garten mit dem Kind der Hausbesitzer gespielt hatten. "Vermutlich war das diese [Name], von der du erzählt hast."

Seitdem sind wir misstrauisch, teilweise wütend, dass sie es einfach so wagt, ganz nebenbei, ihren Namen in den Mund zu nehmen.. Denn wir haben nie mit ihr gespielt. Wir hatten zwar Kontakt zu ihr, aber ausschließlich in Missbrauchskontexten. Sie durfte nämlich nicht mit anderen Kindern spielen. Sie durfte überhaupt nichts. Und dann hat sie sich umgebracht.
Und es tut so weh, das zu lesen. Diese angenommene Wahrheit, die unsere Realität begräbt. Dass unser Trauma plötzlich unserer Schwester gehört - sie ist der Mittelpunkt. Denn sie war eindeutig, ganz ganz eindeutig, auch irgendwie dabei.

Plötzlich erinnerte sie sich daran, wie unser Vater sie auch zu einem fremden Mann gebracht hatte, allerdings an nichts mehr, was dort geschehen war. Sie war aber mit einem mal sehr überzeugt davon, dass sie dort ebenfalls sexuell missbraucht worden war.
Man kennt das ja auch. (ironie) Wenn man sich plötzlich an Trauma erinnert, das bisher 0 Einfluss auf das eigene Leben hatte, nach einer abgeschlossenen Traumatherapie, seit der man kaum noch Symptome hat, bei der nie nur ein Funken Amnesie festgestellt wurde, nicht mal für das eigentliche Krankenhaustrauma (außer natürlich für die Situationen, in denen Betäubungsmittel verabreicht worden waren). Obwohl man mittlerweile seit Jahren in funktionierenden Beziehungen ist, in denen man auch ganz normal und problemlos Sex hat. (Man mag sich erstmal fragen, woher wir das so genau wissen können, aber sie erzählt uns tatsächlich gefühlt jedes kleinste Detail ihres Lebens, schickt uns regelmäßig ihre Tagebucheinträge und Sonstiges.)

Vor ein paar Tagen fing sie dann plötzlich an mit: "Du hattest ja erzählt, dass da so religiöse Rituale stattgefunden haben. Ich meine, mich daran zu erinnern, dass wir bei [Nonne aus unserer Familie] in diesem Kloster waren und sie bei diesem Ritualskram dabei war und so Sachen vorgemacht hat, die wir nachmachen sollten." Natürlich handelte es sich dabei um ganz normale Kirchenrituale. Weil eben niemand an Tieropferungen und Exorzismusrituale denkt, wenn man "komische religiöse Rituale" sagt. Sondern an Brot essen und Traubensaft trinken und lauter solche Dinge, die wir früher in tatsächlichen Kirchen gemacht haben.

Der Höhepunkt ist, dass ihre Psychologin eine ganz neue Idee hatte: die DIS, das ist doch diese Störung, die aus ritueller Gewalt entsteht. Und so etwas gibt es ja meistens familiendurchlaufend. Und außerdem hatten wir ja erwähnt, dass wir glauben, dass unser Vater Amnesie hat. Also hat er bestimmt auch eine DIS. Also ist die Realität bestimmt folgende: dieser Klosterorden ist in echt Teil eines rituellen Gewaltnetzwerks. Unsere gesamte Familie (väterlicherseits) ist tief in diese Strukturen verwickelt. Vermutlich wurden schon unser Vater und seine Schwester in ihrer Kindheit massiv missbraucht. Und so erstreckt es sich nun durch unsere Familie.
Falls irgendjemand uns hier schon lange folgt, wird derjenige wissen, was für eine große Ironie diese Theorie ist. Für alle anderen eine Zusammenfassung: die Theorie hatten wir selber schon, vor über einem halben Jahr. Weil wir extrem uninformiert waren und dachten, viele der Sachen, die wir erlebt haben, finden ausschließlich im Kontext von ritueller Gewalt statt. Wir waren dann sogar eine Zeit lang inaktiv, weil wir durch viele unserer Aussagen darüber andere Menschen verletzt hatten und uns erstmal ausführlicher damit beschäftigen mussten. Im Endeffekt sind dann zu dem Schluss gekommen, dass wir definitiv nicht im Kontext ritueller Gewalt missbraucht wurden, sondern eben nur innerhalb eines "ganz normalen" Kinderpornografierings.
Gleichzeitig möchte unsere Mutter, die sich nie mit der DIS beschäftigt hat, obwohl sie seit März weiß, dass wir sie haben, nun ein Buch über die DIS im Kontext ritueller Gewalt lesen, weil sie der Meinung ist, unseren Vater besser verstehen zu müssen. Ich denke, wir müssen nicht erklären, warum das auf unglaublich vielen Ebenen total falsch ist.

Das Schlimmste für uns ist aber, wie unsere Schwester den Namen von dem Kind der Besitzer des Hauses in den Mund nimmt. So beiläufig. Als wäre sie irgendjemand, einfach irgendein Kind, das zufälligerweise zur selben Zeit am selben Ort war. Als wäre sie nicht genau dort und genau deswegen gestorben.
Wir wissen nicht mehr, was man darauf entgegnet.
Wir wissen nur, dass es sich schrecklich anfühlt, wie unser Trauma plötzlich zur Geschichte des Lebens aller anderen Menschen gemacht wird außer uns - wir sitzen wieder nur am Rand und sind kaum existent, dürfen maximal Fragen beantworten.

Mittlerweile hat unsere Schwester uns das 21. Foto 'des Hauses' geschickt. Natürlich ist es nicht das Haus. Es wird vermutlich nie das Haus sein, weil man nach so vielen Fehlversuchen schlichtweg nicht mehr glauben kann, dass sie tatsächlich jemals dort war (vor allem, da es unglaublich starke Unterschiede zwischen allen Häusern, die sie uns schickt, gibt - und überhaupt nur eins davon annährend unserer Beschreibung entspricht).
Natürlich will aber niemand sagen: "Du lügst."
Weil das die grauenvollste Aussage ist, die man treffen kann.

Im Endeffekt glauben wir auch nicht mal wirklich, dass sie lügt. Wir glauben, dass sie das wirklich glaubt; dass diese Erinnerungen (wie die Gespräche) teils bestimmt auch stimmen und sie teils Erinnerungen hat, die sie dann vollkommen aus dem Kontext reißt und in einen anderen einfügt. Sie 'muss' immer der Mittelpunkt sein, das wissen wir, kann es gar nicht ertragen, wenn es mal länger als ein paar Minuten um jemanden anderen geht, aber gleichzeitig glauben wir auch, dass sie das unbewusst macht und es ihr selbst gar nicht so klar ist. Zudem besteht natürlich die Möglichkeit, dass all diese Erinnerungen eben doch echt sind.

Ich will aber eigentlich etwas sagen: man hat keinen Einfluss darauf, ob man Menschen irgendetwas glaubt. Das haben wir inzwischen gelernt. Man hat nur einen Einfluss darauf, ob man das nach Außen trägt, wogegen wir uns entschieden haben, weil es wenig Schlimmeres gibt, als einer Person ihre tatsächlichen Erfahrungen abzusprechen - und man kann eben nie zu 100% wissen, ob es nicht doch stimmt, was diese Person sagt.
Aber weil wir eben selber einige Zeit lang öfter zu hören bekommen haben, dass wir lügen (inzwischen hat das tatsächlich seit Monaten, glaube ich, niemand mehr gesagt), war meine erste Reaktion auf diese Gedanken, mich zu hassen. Weil es ja nicht sein kann, dass mich das selbst so belastet hat, dass Menschen das gesagt haben und jetzt denke ich einfach selber etwas ähnliches.
Ich glaube, dass es vermutlich vielen Betroffenen so geht, wenn sie selbst zum ersten mal jemandem nicht glauben. Man hat das Gefühl, man würde der Person irgendetwas antun. Dabei macht man eigentlich gar nichts. Man hat nur ein Gefühl. Und auf Gefühle hat man eben wenig Einfluss. Also darf man das auch denken und fühlen - und man darf es auch an anderen Stellen ansprechen, insofern man der Person eben nicht schadet. Das macht einen nicht zu einem schlechten Menschen. Es geht jedem manchmal so.

Wir haben uns persönlich entschlossen, unserer Schwester einfach nichts mehr über unser Trauma zu erzählen. Damit können wir dann selbst einen Beweis haben, falls sie sich jemals an Dinge erinnert, die wir nicht erzählt haben, während wir ihr gleichzeitig nicht mehr Material geben, aus dem sie sich weitere Erinnerungen basteln kann (falls so etwas überhaupt funktioniert - das wissen wir nicht).
Vermutlich ist es auch gut, dass sie jetzt wieder in Therapie ist und diese Dinge mit ihrer Psychologin bespricht (abgesehen von deren Theorien).

Ich möchte nur mir und euch sagen, dass es okay ist, solche Gedanken zu haben.
Niemand ist ein schlechter Mensch deswegen.

Freitag, 25. September 2020

#19: Ich werd diesen Tag bereuen,
denn wir hören ja nicht auf zu träumen.

Soundtrack:

"Meistens sind Täter die ganz netten Menschen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie so was tun würden. Auch nette Menschen machen schlimme Dinge. Aus diesem Grund entstehen Sachen wie die DIS überhaupt erst - weil ein Kind nicht in sich selbst vereinbaren kann, dass es zwei komplett verschiedene Beziehungen zu seinem Täter haben muss. Eine normale Familienbeziehung und eine Missbrauchsbeziehung. Vereinfacht gesagt natürlich. Es ist wichtig, von dem Gedanken wegzukommen, dass Täter psychisch kranke Monster sein müssen. Täter sind ganz normale Menschen", erkläre ich jemand anderem die Dinge, die ich selbst nicht verstehen kann.
Es ist normal, es nicht verbinden zu können, wenn man zwei so unterschiedliche Beziehungen zu jemandem hatte. Noch schwieriger, waren es gleich drei oder vier. Das ist evolutionär bedingt: wir binden uns an Menschen. Und wir verlassen uns auf sie, also können sie nicht so unglaublich wandelbar sein. Also spalten wir die Beziehungen voneinander ab und am Ende können wir nicht verstehen, dass das alles wirklich eine Person gewesen sein soll.
Zumindest ist das, wie ich es gelernt habe.

Aber dann geht es um dich und es ist egal, was ich gelernt habe. Ich vermisse dich trotzdem. Oder die Person, die du warst, bevor du anders warst. Aber eigentlich warst du nie anders. Es waren nur zwei Wochen. Die ich vertrauen lernen musste. Damit ich irgendetwas haben konnte, was so neu schön sein konnte, dass ich bleiben würde, nur um es noch ein einziges mal zu erleben.
Auch das wusstest du vermutlich.
Zusammen mit der Tatsache, dass ich mich an das Wenigste erinnern können würde.

Meine Schwester sagt mir, dass sie gerne meinen Vater konfrontieren würde und ich frage sie, was sie sich denn davon erhofft. Als Antwort erhalte ich eine lange Sprachnachricht, mit der genauen Szene, die sie im Kopf hat, deren Hoffnung doch eigentlich nur ist: "dass es ihm leidtut."
Ja. Genau an der Stelle war ich ebenfalls und ich sage ihr, dass es ihm nicht leidtun wird, weil es wiederholt über Jahre hinweg war und wenn einem wirklich etwas so sehr leidtun würde, dann würde man es nicht so aktiv betreiben.
Sie glaubt mir nicht. Natürlich. Als könnte ich Erfahrungsexpertin auf diesem Gebiet sein, habe ich doch den Kontakt zu unserem Vater abgebrochen, bevor ich überhaupt irgendetwas auch nur ahnte. Und meine Lippen sind nicht bereit dazu die unumstößliche Wahrheit auszusprechen, die selbst in mir irgendwo existieren muss: Blyth hat genau das Gleiche gemacht. Eigentlich sogar mehr. Eigentlich sogar schlimmer. Die Liebe dazwischen macht es schlimmer. Zumindest für mich.

Also schreibe ich stattdessen dir einen Brief. So wie jedes mal, wenn meine Gefühle wieder im April 2015 leben, aber meine Erinnerungen alles wissen, was danach passiert ist. Ich wünschte, ich könnte die Zeit nur einmal zurückdrehen. Zu all den Orten, an denen wir waren, vor den Orten, an die ich mich selbst nicht mehr erinnere. Bildfetzen, Gedankenfetzen, Erinnerungsfetzen. An Worte erinnere ich mich schon lange nicht mehr.
Aber ich weiß, genauso wie es ein Tagebuch gibt, das den Missbrauch dokumentiert, zumindest einige wenige Monate davon, gibt es ein anderes Tagebuch, in dem all die Wunderworte von Davor aufgeschrieben sind. Nur, dass ich das nie aus dem Schrank hole. Es ist wichtiger, warum du weg bist, als, warum ich dich vermisse.

Ich weiß, dass Verlust nicht ewig so schlimm ist. Ich habe wichtigere Sachen verloren als dich, Menschen, die kaum noch in meinem Gedanken sind, bis ich solche Texte schreibe, von denen ich weiß, dass sie sie lesen werden, weil meine Worte in ihrem Leben sein dürfen, aber ich selbst nicht.
Gleichzeitig weiß ich auch, dass seitdem über sieben Jahre vergangen sind und seit dir nur drei. Als könnte man einen Zeitpunkt festlegen, an dem die Schmerzen weniger werden. Ein Ablaufdatum auf die Wundererinnerungen kleben, auf die Gefühle, zwischen diesen Zwiespalt.

Ich gebe dir Zeit zu leben und zu erfahren. Ich gebe dir alle Zeit der Welt. Den Ort zu finden, an dem du dich wohlfühlst. Die Gefühle zu finden, die dich berühren. Das Schöne in dir zu genießen. Vertrauen zu finden. Vertrauen zu leben. Wenn du willst, zeig ich dir, wie du deine Träume leben kannst. Ich begleite dich. Ich versuche deine Gedanken zu lesen. Deine Wünsche zu erfüllen. Dir neue Wünsche zu  geben...
Für ein Stück Vertrauen schenke ich dir ein Stück vom Leben.

Manchmal will ich die Zeit zurückdrehen für das Leben, das du mir nie gegeben hast. Die Nicht-Wünsche, die du ignoriert und die Träume, die du benutzt und ausgenutzt hast. Als hätte ich ändern können, dass das Leben, das du wolltest, keinen Platz für meine Existenzanerkennung hatte und noch viel weniger für mein oder unser Wohlergehen. Wir waren eine Nacht, die offiziell nie existiert hat und später ein Monat und Jahre. Und nichts davon gehörte jemals mir.

I think I've seen this film before and I didn't like the ending. You're not my homeland anymore - so what am I defending now? You were my town. Now I'm in exile, seeing you out. I think I've seen this film before; so I'm leaving out the side door.

Donnerstag, 17. September 2020

#18: Was ist ein Trigger?

Wenn wir über DIS sprechen, sprechen wir gleichzeitig über eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Im Zuge dessen müssen wir ebenfalls über Trigger sprechen.
Bei einer (k)PTBS ist es so, dass ein traumatisches Erlebnis einen selbst so überfordert, dass es nicht verarbeitet und dadurch auch nicht als Erinnerung abgespeichert werden kann. Da das Gehirn über Assoziationen (Verknüpfungen) arbeitet, wird es nun jedes mal, wenn man etwas sieht/hört/riecht/schmeckt/fühlt, das an das Trauma erinnert, bemerken: „Oh, da ist ja eine Erinnerung, die ich noch gar nicht abgespeichert habe. Das sollte ich mal tun!“ Darauf folgt ein (Teil)Flashback, da man die Erinnerung (oder bestimmte Aspekte davon) erneut erleben muss, um sie abspeichern zu können (Spoiler: in der Regel funktioniert dieser Prozess dann nicht, weil das Trauma einen immer noch überfordert).
Diese Sachen, die zu der Erinnerung führen, nennt man Trigger.

Das ist jetzt alles schön theoretisch, aber was bedeutet das für die Realität?
Sagen wir, folgendes Szenario spielt sich ab:
Eines schönen Sommertages gehst du eine Straße entlang, während du gerade eine Orange isst. Plötzlich passiert etwas sehr schlimmes! (Meiner Meinung nach ist hier kein konkretes Beispiel notwendig.)
Dieses schlimme Ereignis überfordert dich so sehr, dass du eine PTBS entwickelst und fortan triggert dich der Geruch, Geschmack oder möglicherweise sogar nur der Anblick von Orangen. Wenn du Glück hast, triggert dich vielleicht ausschließlich der Geruch und das auch nur an warmen Sommertagen - im Winter ist alles in Ordnung. Es könnte aber auch sein, dass dich nun der reine Anblick von Orangen triggert - an jedem Tag im Jahr.
Was passiert nun, wenn du eine Orange siehst?

Dein Gehirn schlägt Alarm, weil es denkt, Gefahr droht. Du spannst dich an, bekommst Angst, womöglich sogar Panik. Gleich wird etwas furchtbar schreckliches passieren! Mental bist du in genau derselben Situation wie vor x Jahren. Dieselbe Angst, dieselbe Verzweiflung, dasselbe Grauen.
Das ist ein emotionaler Flashback.
Möglicherweise kommen körperliche Empfindungen dazu wie Schmerzen, die du während des traumatischen Erlebnisses gefühlt hast, Berührungen, Kälte oder Wärme. Körpererinnerungen/-flashbacks.
Im allerschlimmsten Fall hast du einen kompletten Flashback. Das heißt, du erlebst das traumatische Ereignis komplett wieder, mit allen Gefühlen, Schmerzen, Berührungen, Geräuschen, Gerüchen, Bildern. Du weißt nicht mehr, dass das alles Vergangenheit ist. Es passiert hier, genau jetzt und du kannst ihm nicht entkommen.

So ein Flashback kann von ein paar Sekunden bis zu ein paar Stunden anhalten. Bei uns dauern Flashbacks im Durchschnitt (glaube ich) um die zehn Minuten.
Danach ist es jedoch nicht vorbei.
Vielleicht hast du es schon mal erlebt, dass du einen besonders schlimmen Albtraum hattest, nach dem du dich mehrere Stunden oder sogar den gesamten restlichen Tag total erschöpft und ängstlich gefühlt hast. So in etwa kann man sich einen Flashback vorstellen. Nur dass man ihn nicht einfach mit 'es war ja nur ein Traum' abtun kann - immerhin ist die Erinnerung sehr real, alles davon ist wirklich passiert.

Übrigens sind Trigger sehr oft weniger schlimm, wenn man weiß, dass sie passieren werden.
Um beim Beispiel zu bleiben, nehmen wir an, der Anblick von Orangen triggert mich. Wenn ich jetzt in einen Supermarkt gehe, werde ich dort höchstwahrscheinlich Orangen sehen. Da ich das aber vorher weiß, kann ich meinem Gehirn begreiflich machen, dass keine Gefahr droht und die Orangen triggern mich auch nicht. (In der Realität funktioniert das nicht immer, aber zumindest manchmal.) Deshalb sind viele Betroffene sehr dankbar für Triggerwarnungen. Auch wenn man natürlich nicht immer zu jeder Zeit jeden Trigger vermeiden kann.

Sonntag, 6. September 2020

17: #ableismtellsme

#AbleismTellsMe, dass ich faul und egoistisch bin, weil ich nicht krank genug aussehe, um krankgeschrieben sein zu können.

#AbleismTellsMe, dass ich kein gutes Leben haben kann, solange keine Heilung existiert und dass ich grundsätzlich entweder bemitleidenswert oder eine Inspiration bin, aber nie einfach existent.
#AbleismTellsMe, dass ich zu viel oder zu wenig bin, aber richtig irgendwie nie so wirklich.

#AbleismTellsMe, dass ich lügen soll, weil mein Leben nicht angenehm genug für ein Gespräch ist, aber Ehrlichkeit zeitgleich so wichtig ist, dass ich grundsätzlich schlecht bin, wenn ich lüge.
#AbleismTellsMe, dass es meine Aufgabe ist, die Gefühlsreaktionen anderer Menschen auf mich zu regulieren, aber gleichzeitig auch meine eigenen.
#AbleismTellsMe, dass ich keine Rücksicht verdiene, aber immer Rücksicht nehmen muss.

#AbleismTellsMe, dass jede Normabweichung, die Teil meines Lebens ist, grundsätzlich ein Traumasymptom ist und behandelt werden muss, no questions asked.
#AbleismTellsMe, dass jedes Problem, das ich habe, psychisch ist, aber ich mir jedes psychische Problem im Endeffekt einfach nur einbilde oder maßlos übertreibe.

Kurz: #AbleismTellsMe, dass meine Lebensrealität schlichtweg nicht existiert.

Und ich könnte noch drei Jahre über die systemischen Probleme reden, aber um ehrlich zu sein, stresst mich das enorm, also werde ich es dabei belassen. Hier ist ein ganz toller Text, der eher auf so was eingeht.

Freitag, 4. September 2020

#16: "Du bist schön" ist eine Beleidigung

Unser erster Freund hat uns sehr oft gesagt, dass wir hübsch sind. Ich glaube, das ist etwas normales in Beziehungen - sowohl, dass man seinen Partner hübsch findet, als auch, dass man es oft sagt. Für mich war es das erste mal, dass irgendjemand das regelmäßig zu mir gesagt hatte.
Ich fühlte mich nie hässlich und hatte nie Probleme mit meinem Aussehen. Wir haben das Privileg, in einem Körper zu leben, der sehr nah am gesellschaftlichen Schönheitsideal ist. Unser Aussehen wurde vor der Beziehung aber nie kommentiert - weder positiv noch negativ. Vielleicht eine handvoll Male, die sind aber nicht im Gedächtnis geblieben.

Ich war sehr verwirrt darüber, was das sein soll: Schönheit. Ich weiß, es klingt Klischee, weil jeder zweite das sagt, ohne es wirklich zu meinen - aber ich habe tatsächlich keine Aussehenswahrnehmung. Ich finde Menschen nicht schön oder hässlich und ich verstehe auch nicht, was das eigentlich sein soll. Der einzige Messwert, der bestimmt, wie gerne ich Menschen anschaue, ist, wie sehr ich sie mag. Aber ich glaube, das ist etwas sehr anderes.
Ich glaube tatsächlich, dass es entweder einen biologischen Grund hat oder es einfach, aus welchem Grund auch immer, komplett dissoziiert wurde. Es mag erstmal wie eine wundervolle Gabe klingen, aber tatsächlich ist es in einer Welt, in der so viel Wert auf Schönheit und Attraktivität gelegt wird, in erster Linie frustrierend. Menschen verstehen mich nicht und ich verstehe sie nicht. Obwohl ich sie so gerne verstehen würde.
Inzwischen weiß ich zumindest, was das gesellschaftliche Schönheitsideal eigentlich ist und kann dann auch beurteilen, ob Menschen dem eher entsprechen oder nicht. Nicht, dass es mir sonderlich viel bringen würde. Aber ich verstehe dann besser, wovon andere Menschen reden.

In der Beziehung waren wir also plötzlich hübsch.
Jeden Tag. Immer wieder. So ganz zwischendurch.
Es war plötzlich wichtig.
Vermutlich war es in erster Linie sozialisiert - man sagt seinem Partner eben, dass man ihn hübsch findet, möglichst oft. Aber trotzdem erscheinen Dinge, die sehr oft gesagt werden, erstmal auch sehr wichtig.
Also fingen wir an, Probleme zu haben. Weil es ja wichtig war, dass wir schön sind - zumindest für unseren Freund. Manche Innenpersonen mehr als andere. Wir entsprachen nämlich eben nicht 1:1 dem Schönheitsideal. Da war noch Raum nach oben. Und dass wir diesen Raum nicht nutzten, war definitiv schlecht, weil unser Aussehen ja nun wichtig geworden war, also sollte man definitiv etwas damit machen.
Irgendwann hörte er auf, das zu sagen. Möglicherweise, weil er gemerkt hatte, wie schlimm das für uns war - ich weiß es nicht. Aber da drehten sich die Gedanken dann plötzlich um: vielleicht sind wir nicht hübsch genug. Deshalb sagt er das nicht mehr. Vielleicht findet er uns nicht mehr schön und jetzt wird er Schluss machen, ganz definitiv.

Nach einer Weile gingen diese Gedanken wieder weg und in unserer zweiten Beziehung tauchten sie nicht auf. Dafür sahen wir unseren Freund zu wenig. Er wollte zwar immer Bilder von uns haben, aber die machten wir nie, also hatte er wenig Anlässe, uns zu sagen, wie hübsch wir waren auch wenn er das so empfand. Ich gehe zwar davon aus, die Fotos wollte er, weil er uns hübsch fand, aber "darf ich ein Bild von dir haben?" ist eben eine sehr andere Aussage als "ich finde dich schön".
Außerdem sagte er uns viel lieber, was für ein tolles Sexspielzeug wir waren.

Seitdem wir mit ruru zusammen sind, ist es wieder genau das Gleiche.
Wir sind hübsch. Jeden Tag. Immer wieder. Ganz zwischendurch.
Es ist plötzlich wieder wichtig.
Neulich habe ich ihn gefragt, warum er das sagt. Ob es etwas ändern würde, wenn ich nicht hübsch wäre. Ob er dann Schluss machen würde. Ob er Schluss machen würde, wenn ich einen Unfall hätte und plötzlich ganz anders aussehen würde und halt nicht mehr attraktiv für ihn.
Und er konnte nicht sofort sagen, dass es definitiv keine Rolle spielen würde.
Er konnte nicht mal sagen, dass es keine Rolle spielen würde, nachdem er darüber nachgedacht hatte.
Während ich mit unerschütterlicher Gewissheit weiß, dass, ob ich mit ihm zusammen bin oder nicht, absolut nichts damit zu tun hat, wie er aussieht.
Also fühlte ich mich ungeliebt.
Und er meinte, er wäre viel lieber so wie ich, was das angeht, aber es ist irgendwie biologisch und er kann da nichts gegen machen. Und das weiß ich irgendwie auch. Ich weiß, dass zum Beispiel blinde Menschen auch ein Attraktivitätsempfinden haben, obwohl sie ja oft nichts sehen können. Da bezieht sich dieses Empfinden dann einfach auf andere Sachen, wie beispielsweise die Stimme.

Ich glaube ihm das. Wirklich. Ich habe mit unglaublich vielen Menschen darüber gesprochen und bei den meisten scheint es irgendwie ähnlich zu sein.
Aber im Endeffekt sagt es doch trotzdem nur, dass ich weniger geliebt werde, würde ich anders aussehen, als ich es tue. Selbst wenn ich nicht weniger liebenswert bin.

In meiner Wahrnehmung sind "Du bist schön" und "Du bist hässlich" haargenau derselbe Satz. Beides sagt für mich: "Es ist mir wichtig, wie du aussiehst." Dabei will ich lieber wichtig sein. So ganz ohne Aussehen. Weil ich flauschig bin oder nett oder hilfsbereit oder direkt oder gefühlsüberladen.
Meine DNA habe ich nicht ausgesucht. Mein Verhalten schon. Und ich verstehe nicht, wie die Wertung über meine DNA ein Kompliment sein kann. Vollkommen unabhängig davon, wie man meine DNA nun findet. Man hat all die tollen Dinge gesehen, die ich bin und sich dafür entschieden, die eine Sache zu kommentieren, für die ich absolut nichts kann.

Und weil es vorhin falsch verstanden wurde:
Es gibt einen Unterschied zwischen DNA-Aussehen und Dingen wie Make up, Kleidungsstil und Frisuren. Weil das alles Sachen sind, die man sich aussucht. Und wenn Menschen spezifisch meine Kleidung zum Beispiel komplimentieren wollten, haben sie das auch immer deutlich gemacht.
"In diesem Kleid siehst du toll aus."
"Kurze Haare stehen dir voll."

Aber mein Körper ist einfach der Ort, an dem ich lebe. Und wir würden ja auch nicht den Geburtsort eines Menschen bewerten und das ist doch irgendwie genau dasselbe.
Jedenfalls für mich.
Ich verstehe es einfach nicht.

Die Sache ist, ich will nicht mal erreichen, dass niemand das mehr sagt. Ich weiß, dass sich viele Menschen trotzdem darüber freuen und es ist immer toll, wenn Menschen glücklich sind.
Aber für mich ist es traurig, dass es in Beziehungen plötzlich so viel mehr Raum einnimmt als in Freundschaften. Und ich gehe einfach davon aus, dass es Menschen gibt, die das genauso empfinden wie ich, auch wenn ich noch nie mit jemandem geredet habe.
Ich finde, es ist irgendwie wichtig zu wissen, warum man das sagt. Was das für einen selbst bedeutet, dass man es so empfindet. Was für einen Einfluss das auf die Beziehung hat. Ob es andere Gründe für die Beziehung gibt als "mein:e Partner:in ist schön" und wenn ja, warum diese Sachen dann nicht viel mehr Gesprächsthema sind. Und wenn nein, warum man die Beziehung dann überhaupt hat. Wenn man sofort weg wäre, nur weil sich ein Aspekt ändert. Ob man das nicht vielleicht zumindest offen kommunizieren sollte.

Es gibt einfach so viele wichtigere Sachen als Aussehen und ich glaube, da sind wir uns alle einig.
Bitte seid nicht der Grund, aus dem es für eine andere Person wichtig wird.

Donnerstag, 27. August 2020

#15: Das Problem mit Problemen

"Ich kann mich überhaupt nicht mit den anderen Systemen (die ich kenne) identifizieren", sage ich. "So sehr, dass es sich anfühlt, als hätte ich etwas fundamental anderes. Aber ich weiß, dass ich eine DIS habe.
Eigentlich kann ich mich nur mit den OSDD1b-Systemen, die ich kenne, identifizieren. Also, OSDD1b = DIS ohne Amnesie. Aber ich habe halt Amnesie, das weiß ich. Aber dann ist mir neulich aufgefallen, dass die alle - also, es sind auch nur zwei - zusätzlich Autismus haben."
Erwartungsvoll schaue ich ihn an. Ich möchte ernstgenommen werden und ernstgenommen werden heißt für mich in dem Fall, dass wir uns einmal ganz genau mit Autismus beschäftigen und dann gucken, welche Symptome bei uns auch vorhanden sind und darüber reden, was vielleicht andere Erklärungsmöglichkeiten für diese Symptome sein könnten, um eben zu klären, ob wir nun autistisch sind oder nicht.
Dass ich Autismus vermute, mit wesentlich mehr Gründen als dem, hatte ich ihm vorher gesagt.

"Jedes System ist eben anders", sagt er und ich fühle mich schon wieder komplett unverstanden. Vor allem, als er direkt danach sagt, wir können gar nicht autistisch sein, weil wir ja Ironie verstehen. Vollkommen außer Acht lassend, dass ein Großteil meines Freundeskreises (diagnostiziert) autistisch ist und dort nahezu jeder Ironie versteht.
Außerdem kann ich, laut ihm, zu gut kommunizieren. Dass ich zwei Jahre lang gelernt habe, Kommunikationsebenen zu analysieren, ist nicht wichtig. Dass fast niemand sonst im System das kann, auch nicht. Ich würde ja die meisten Innenpersonen noch gar nicht genug kennen, um das überhaupt einschätzen zu können.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, in der ich versucht habe, ruru zu erklären, dass ich Amnesie habe, ohne einen Begriff dafür zu haben.
"Ich erinnere mich schon wieder nicht an gestern", meinte ich damals, immer wieder und bekam jedes mal dieselbe Antwort: "Ich erinnere mich auch oft nicht daran, was genau ich gestern gemacht habe, einfach weil es so unwichtig war. Das ist ganz normal."
Aber es war eben nicht normal. Nur konnte ich den Unterschied zwischen "heute ist Mittwoch, gestern war Dienstag und ich erinnere mich nicht mehr genau, was ich gemacht habe" und "heute ist Mittwoch, gestern war Montag und Dienstag existiert einfach nicht", nicht gut genug beschreiben.

Oder zurück zu meinem Extherapeuten, dem ich irgendwann mal versucht habe, die DIS zu erklären, ohne dass ich wusste, was das sein soll und ohne richtige Worte dafür.
"Ich kann richtig gut mit Menschen reden", meinte ich. "Aber manchmal kann ich es einfach nicht mehr. Also, ich habe keine Angst oder so, aber ich kann es einfach nicht mehr. Und dann habe ich das Gefühl, ich bin eigentlich so, aber ich schaff's irgendwie nicht, mich auch so zu verhalten." Was, im Rückblick betrachtet, wahrscheinlich eine der Aussagen war, wegen der er einen DIS-Verdacht hatte.
Aber damals hat er trotzdem gesagt, dass es ja vollkommen normal ist, dass man in verschiedenen Situationen ein bisschen anders ist. Und er hat es darauf geschoben, dass diese Situationen, in denen ich so anders war, Situationen mit einem unsicheren Umfeld waren. Und da wäre es ja ganz normal, wenn man nicht so selbstbewusst ist.
Und ich saß da und wollte mich in Luft auflösen. Weil ich das noch nie jemandem gesagt hatte und ich kannte, was er beschrieb und es war nicht das, was ich erlebte. Weil ich keinen Einfluss darauf hatte, wie ich war.
Natürlich nicht. Ich hatte ja eine DIS. Nur wusste ich das eben nicht.

Das zieht sich durch mein Leben, das ich ein Problem anspreche und es heißt dann "ach, das ist doch ganz normal, das habe ich auch manchmal, etc."
Jedes mal kenne ich diese normale, beschriebene Situation und sie ist nicht das, was ich erlebe. Nur scheine ich das einfach nicht in genug Worte fassen zu können, sodass es irgendjemand versteht. Hätte ich fast gesagt. Ein Satz, der in meiner Exbeziehung oft fiel. "Das passiert alles nur, weil ich nicht gut genug erklären kann, was ich eigentlich möchte."
Nein. Heute weigere ich mich zu glauben, dass es an mir liegt. Zu Kommunikation gehören zwei Menschen. Wenn ich so oft das Gleiche in verschiedenen Sätzen, Kommunikationsebenen und Tränen sage, liegt es nicht an mir, wenn es nicht verstanden wird.
Meine Wahrheit existiert in deiner Welt nicht.

Es gibt einen Unterschied zwischen "ein geräuschempfindlicher Mensch sein" und "wenn ich gestresst bin, kann mein Freund mich nicht mal streicheln, weil Streicheln zu laut ist".
Ja. Dass das genauso gut ein Traumasymptom sein könnte, weil auch Trauma Filterprobleme macht, ist mir bewusst. Ich wollte auch keine Autismus-Diagnose. Ich wollte nur ein Gespräch darüber, in dem es eine reale Möglichkeit sein kann oder eine Überweisung an jemanden, der mehr Ahnung davon hat.

Ich war so froh, als ich zu meinem ehemaligen Psychologen gegangen bin und meinte: "Ich glaube, dass ich möglicherweise irgendeine dissoziative Störung habe" und er direkt meinte, dass das eine reale Möglichkeit ist.
Und dann hatten wir ein Gespräch darüber, warum ich das denke und was andere Erklärungen sein könnten. Ich hatte eine lange Liste mit Symptomen und wir sind jedes einzelne durchgegangen und haben darüber geredet.
Und danach haben wir einen langen Fragebogen für dissoziative Störungen gemacht.
Und danach haben wir noch mehr geredet.
Und dann kam eine andere Innenperson raus und er meinte, damit ist es dann wohl bestätigt.
Aber in dem gesamten Gespräch hat er nie gesagt: ach, das ist doch normal.
Weil es nicht normal ist. Es war ein Problem, für mich. Selbst wenn jeder Mensch genau das gleiche erleben würde, dann wäre es trotzdem in den Moment anders, in dem ich es als Problem wahrnehme. Weil es ja normalerweise keins ist.

"Generell ist es ja auch nicht so wichtig, ob ihre Symptome vom Trauma oder von Autismus oder von etwas anderem kommen", fährt der Psychologe fort. "Sie sollten da nicht so versuchen, sich in Schubladen zu stecken. Einfach erstmal das System kennenlernen und gucken: wer ist denn da und was für Schwierigkeiten gibt es da vielleicht auch. Eine Schublade zwängt Sie nur ein in Ihrer Wahrnehmung von so etwas."
Dabei steckt man doch bereits in Schubladen. Selbst vor der Diagnose steckten wir in einer DIS-Schublade. Und ich stand mein Leben lang vor dem Schrank und ich hab nichts daraus verstanden, weil niemand mir gesagt hat, dass diese Schublade, die mir so viel erklären und so viel helfen würde, überhaupt existiert.

Und genauso geht es mir gerade wieder. Nur, dass die Schublade, die ich mir eigentlich mal angucken wollte, nicht mal in meiner Reichweite ist. Und es hilft mir auch niemand, da mal reinschauen zu können. Mehr noch: ihre bloße Existenz vor meinen Augen wird mir abgesprochen.
Fast so wie Gaslighting.
Meine Wahrnehmung ist grundlegend falsch.
Vielleicht auch ganz genauso. Ich weiß es nicht. In diesem Fall steckt keine böse Absicht dahinter.

Irgendwann finden wir einen Psychologen, der unsere Worte ernst nimmt.

Donnerstag, 20. August 2020

#14: Diagnosefindung: kein Trauma, aber DIS?

Als wir die Vermutung aufgestellt haben, dass wir eine (partielle) DIS haben könnten, wussten wir kaum von Kindheitstraumata. Ein paar Erinnerungen waren vorhanden, aber definitiv nichts, von dem ein Kind eine DIS entwickeln würde. Da es vielen Systemen ähnlich geht oder sie sich vor der Diagnose erst gar nicht an irgendwelche Kindheitstraumata erinnerten, dachte ich, ich schreibe einmal eine Art "Anleitung" für Menschen, die denken, sie könnten möglicherweise eine DIS haben, die aber keine Erinnerungen an (Kindheits)Traumata haben.
Das Beste, was man tun kann, ist tatsächlich, es bei einem Therapeuten anzusprechen.
Allerdings sollte man möglichst auf die Einstellung des Psychologen achten. Es gibt nämlich viele Psychologen, die behaupten, Systeme existieren gar nicht und wären ein soziales Konstrukt. Eine gute Anlaufstelle wäre wohl ein Traumatherapeut. Die Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie hat auf ihrer Seite eine umfassende Liste von Traumatherapeuten. Ebenfalls haben Hilfsstellen für Betroffene von Gewalt häufig solche Listen, ebenso wie die kassenärztliche Vereinigung des jeweiligen Bundeslandes. Der Verein 'Vielfalt e.V.' führt zudem eine (nicht vollständige) Liste über Therapeuten, die sich mit der dissoziativen Identitätsstörung speziell auskennen.
Ein System kann man nämlich, nach jetzigem Forschungsstand, ohne Trauma gar nicht sein. (Es gibt Systeme, die sagen, dass sie kein Trauma haben. Ein Post dazu findet sich hier.)
Man kann aber definitiv ein System sein ohne sich an Trauma zu erinnern. Es wird eine oder mehrere Personen geben, die diese Traumaerinnerungen haben, aber durch die Amnesie kann die Existenz dieser Personen nicht bekannt sein.

Es gibt allerdings auch viele ähnliche Störungen! Es gibt die partielle DIS, bei welchen ebenfalls andere Identitätszustände existieren. (Ein Post darüber findet sich hier.) Dies sind allerdings ebenfalls dissoziative Störungen, welche durch Trauma ausgelöst werden.

Es gibt die emotional instabile Persönlichkeitsstörung (oft Borderline genannt), die starke Identitätsunsicherheiten mit sich bringt. Diese kann ebenfalls ähnlich wie eine DIS aussehen. Deshalb werden Systeme auch häufig damit fehldiagnostiziert.
Soweit ich weiß ist Trauma für Boderline keine definitive Voraussetzung, allerdings ist Trauma bei Menschen, die Borderline haben, wohl sehr stark verbreitet.

Es gibt aber beispielsweise auch Schizophrenie! Wir haben einen Freund, der Schizophrenie hat und haben in Gesprächen mit ihm schon mehrfach festgestellt, dass die Symptome sehr ähnlich klingen wie die der DIS. Die Ursache und somit das Gefühl sind allerdings sehr, sehr anders - es kann aber trotzdem verwechselt werden. Wir haben sogar schon mal mit einer Person geredet, die Schizophrenie hatte, aber erst mit einer DIS fehldiagnostiziert wurde.
Soweit wir wissen, wird Schizophrenie zwar durch Traumata begünstigt, allerdings sind Traumata keine Notwendigkeit dafür.
(Wir haben übrigens auch schon mal mit einer Person geredet, die eine PTBS und zusätzlich Autismus hatte, was als DIS fehldiagnostiziert wurde, da die Symptome in dem Fall einer dissoziativen Störung wohl oft sehr ähnlich sind. Wobei ich nicht genau weiß, wie daraus eine komplette DIS-Diagnose entstanden ist; aber es sei erwähnt.)

Weiterhin gibt es die 'maladaptiv Daydreaming Disorder' (zu Deutsch maladaptive Tagträumstörung - einen offiziellen deutschen Begriff scheint es nicht zu geben oder wir finden ihn einfach nicht), welche durch sehr intensive Tagträume gekennzeichnet ist, die teilweise auch nicht mehr von der Realität zu unterscheiden sind. Hier kann es durchaus sein, dass es so etwas wie eine „innere Welt“ mit verschiedenen Personen darin gibt, allerdings basiert diese auf Tagträumen und nicht auf einer Bewusstseinsspaltung.

Vermutlich gibt es noch mehr ähnliche psychische Erkrankungen, die wir nicht kennen.

An letzter Stelle möchten wir erwähnen, dass verschiedene Situationen im Leben starke Identitätsunsicherheiten oder -schwankungen mit sich bringen können.
Ein Beispiel wäre die Pubertät. Teilweise weiß man in dieser Lebensphase überhaupt nicht genau, wer man ist, man probiert oft verschiedene Sachen aus, und das kann sich durchaus so anfühlen, als wäre man zwei (oder mehr) verschiedene Personen.
Auch können verschiedene Lebensereignisse zu plötzlichen, starken Wesensveränderungen führen. Das kann sich ebenfalls wie ein Persönlichkeitswechsel anfühlen, ist aber eine normale Reaktion auf extreme Ereignisse. Wenn es einen belastet, wäre an dieser Stelle aber auf jeden Fall der Besuch bei einem Psychologen ebenfalls sinnvoll, um das Ereignis zu verarbeiten und die Wesensveränderung zu akzeptieren.

Ebenfalls erwähnenswert ist, dass man, wenn man tatsächlich traumatisiert ist, in der Regel auch Traumasymptome haben wird - selbst wenn man sich nicht an Traumata erinnert. Diese können allerdings sehr konfus sein. Bei uns waren es depressive Episoden, Selbsthass, Stimmungsschwankungen, Selbstverletzung und später kamen dann sehr spezifische Albträume dazu (Traumflashbacks), wegen denen letztendlich auch die PTBS diagnostiziert wurde. (Obwohl weiterhin keine Traumaerinnerungen vorhanden waren!)
Die Symptome können aber auch sehr anders aussehen. Häufig sind beispielsweise Bindungsstörungen (entweder, dass man erst gar keine Bindungen aufbauen kann oder dass man sie viel zu schnell aufbaut), chronische Schmerzen (oft von Verspannungen), Immunschwächen mit häufigen Erkrankungen, ein sehr geringes Selbstwertgefühl, ...
Wir persönlich achten immer sehr stark darauf, wie oft sich jemand entschuldigt. Es gibt viele Menschen, die sich ständig entschuldigen - nicht als Reaktion auf Fehler sondern schon im Voraus. ("Tut mir leid, wenn ich störe, aber darf ich dich was fragen?" und ähnliche Sachen.) Diese Personen sind natürlich nicht alle traumatisiert, aber es scheint sehr häufig zu sein.
Es gibt zudem bestimmt auch viele Traumasymptome, die wir nicht kennen, da sie sehr spezifisch auf das eigene Leben angepasst sind.

Zum Schluss sei gesagt: Wenn man etwas über sich nicht versteht, ist es generell immer in Ordnung zu einem Psychologen zu gehen! Dafür braucht man kein Trauma oder massive Probleme. Genauso wie man manchmal auch mit einer sehr leichten Erkältung zum Arzt gehen würde, weil sie einfach nicht weggeht, darf man natürlich auch zum Psychologen gehen, wenn es einem psychisch nicht so gut geht, ohne dass direkt eine komplette Lebenskrise vorliegen muss.

Es sei aber ebenfalls erwähnt, dass die DIS und auch andere schwerwiegende Störungen in der Regel nicht innerhalb einer Sitzung diagnostizierbar sind. Wir wurden beispielsweise von einem Therapeuten diagnostiziert, den wir seit 1.5 Jahren kannten - und das, obwohl er den Verdacht schon relativ früh hatte, auch erst, nachdem wir selbst zusätzlich den Verdacht aufgestellt hatten.
Die meisten Systeme werden erst in Kliniken diagnostiziert und ich vermute, dass es bei anderen genannten Störungen teilweise ähnlich ist. Wenn man die Möglichkeit dazu hat, könnte also auch ein Besuch in einer Psychiatrie/Akutklinik oder in einer psychiatrischen Institutsambulanz sinnvoll sein.