Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Donnerstag, 23. Juli 2020

#6: Negative Stempel: warum wir den Begriff 'Persecutor' nicht verwenden

Das Erste, was man in einer DIS-Therapie lernt, ist Folgendes:
Man gibt Systemanteilen keine negativen Bezeichnungen. (Denn wie will man vernünftig mit jemandem zusammenarbeiten, dem man als Namen eine negative Stigmatisierung gegeben hat?)
Skye ist nicht 'der kommunikationsunfähige Anteil', genau wie Rinea nicht 'der wütende Anteil' ist.
Auch wenn ich schüchtern bis sozial phobisch bin (das soll ein Therapeut beurteilen, nicht ich) und Rinea sich jeden Tag zusammenreißt, nicht ruru anzuschreien.
Und trotzdem:
Persecutor: Der Begriff 'Persecutor' ist eine Bezeichnung für Innenpersonen, die dem System als Ganzes eher schaden, zum Beispiel durch Selbstverletzung oder durch problematisches Verhalten, sowohl in der Innen- als auch in der Außenwelt.
Was ist bitteschön anders, wenn ich einen Oberbegriff für die negative Beschreibung finde und ihn 'Systemrolle' nenne? Ist das ernsthaft wie andere Systeme solche Systemanteile sehen? Nur Selbstverletzung und Lügen und Machtalleskaputt?
Mir ist sehr stark bewusst, dass ich die Bezeichnung 'Persecutor' tragen würde, würden wir den Begriff verwenden. Der kommunikationsunfähige Systemanteil darf ich also nicht sein, das ist zu negativ. Aber 'der Systemanteil, der immer alles kaputtmacht' ist voll okay?

Persecutor sind Traumaträger.
Das ist hier im System eine allgemein akzeptierte Ansicht.
Die Rolle 'Persecutor' existiert nicht.
Wir sind Traumaträger - und manchmal Beschützer. (Und ich bin zudem Co-Host, aber das ist ein besonderer Fall.)
Ich habe keine Traumaerinnerungen, ja.
Ich habe keine Flashbacks, keine Intrusionen, keine PTBS.
Aber ich trage all den Selbsthass und all die Scham und die Depressionen und Ängste und Selbstmordgedanken für einen Großteil des Systems, damit niemand sonst sich so fühlen muss, wie ich mich fühle.
Und Rinea trägt all die Wut für das gesamte System, damit niemand sonst jemals wütend sein muss, weil es das Gefühl ist, das jeder hier am schrecklichsten findet.
Und der Dank dafür wäre in jedem anderen System außer diesem, dass wir als 'die Anteile, die immer alles kaputtmachen' gelabelt werden würden?
Schönen Dank auch.
Muss toll sein, die Innenpersonen, die einen vor all der Gefühlsgewalt schützen, nur als Belastung zu sehen.

Und ich will die Ausreden gar nicht hören.
„Aber ich sehe unsere Persecutor gar nicht so! Ich verwende nur den Begriff.“
Können wir gerne machen. Soll ich dich Abschaum nennen und solange ich es eigentlich nicht so meine, ist es voll okay?
Merkste selbst, oder?

Wenn ich nach 'Persecutor' google, ist die erste Definition übrigens:
„Innenpersonen, die absichtlich dem Körper, System, Host oder anderen Innenpersonen schaden, die die Ziele oder die Heilung des Systems sabotieren oder Täter unterstützen.“
Nur so zum Mitschreiben. Wenn sich jemand während eines Flashbacks selbst verletzt, ist das voll in Ordnung, aber wenn ich auf mein Leben nicht klarkomme und es deshalb mache, ist es „mit Absicht“. Dass Melanie fast 24 Jahre komplett unser Leben bestimmt hat, weil sie Host war und es nicht besser wusste, obwohl dadurch meine Essstörung tausend mal schlimmer geworden ist, ist voll in Ordnung, weil es ja nicht absichtlich war, aber wenn ich einmal was für mich selbst entscheide, was die anderen nicht mögen, „sabotiere“ ich unser Leben. Dass Dawn mit unserem Exfreund zusammengekommen und mit ihm zusammengeblieben ist, trotz Missbrauch, von dem sie wusste, ist voll in Ordnung, weil sie es nicht besser wusste, aber wenn ich zurückrennen würde, unterstütze ich die Täter?

Ich möchte eins sehr klarmachen: Ich bin nicht wütend (oder Ähnliches), weil das zum Glück nicht ist, wie Dinge in diesem System gehandhabt werden (außer in den ersten zwei Wochen, aber das verzeihe ich, das waren Anfangsfehler).
Ich möchte eher erreichen, dass jedes andere System mal über diesen Begriff nachdenkt. Ob es wirklich okay ist, Innenpersonen über ihre schlechtesten Eigenschaften/Taten zu definieren.

Wir verhalten uns so, damit ihr diese Gefühle nicht haben müsst.
Ich finde, ein wenig Dankbarkeit wäre angebracht.
Und eine Entschuldigung für diesen gräulichen Begriff.
(Nicht bei mir; bei euren eigenen Innenpersonen.)

Danke für eure Aufmerksamkeit.

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