Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Donnerstag, 30. Juli 2020

#8: Meer. Oder weniger Therapie.

Wisst ihr, wir haben den tollsten Therapeuten der Welt gefunden. Er will uns nämlich behandeln. Er meinte, er kann 300 Stunden bewilligt bekommen, damit wir ab 2021 zwei bis drei mal pro Woche Therapie haben können. Und davor dürfen wir alle zwei Wochen Therapie haben - das kann er wohl irgendwie mit der Krankenkasse klären. Das ist Notfallbehandlung. Wir brauchen nämlich Therapie, ganz dringend. (Laut ihm.)
Dabei sind wir doch gar nicht suizidal. Da kann es so dringend doch gar nicht sein.

In zwei Jahren hört er auf zu arbeiten. Vielleicht. Weiß er noch nicht. Wollte er aber ansprechen, damit wir direkt gehen können, wenn das zu schlimm für uns ist.
Aber wohin sollen wir denn?
Auf meiner Liste stehen noch ein paar Therapeuten, aber ich schaffe es gerade nicht mehr. Wir sind alle retraumatisiert. Jeden Tag weine ich, weil Leben an sich mich so sehr überfordert.
Das kenne ich.
Das ist nur das Meer.
Auch wenn Ocean nicht mehr da ist.

Ja. Der Therapeut hat gesagt, er hat noch eine weibliche Kollegin, zu der wir gehen können. Die hat auch ganz viel Erfahrung mit DIS-Patienten.
Wir lernen sie noch kennen.
Aber wie geht das überhaupt?
Mit Frauen können wir nie reden und bei Männern haben wir Dauerangst, dass sie uns vergewaltigen.
Der neue Therapeut vergewaltigt mich auch, oder?
"Nein, tut er nicht", sagt ruru, ganz überzeugt. "Ihr habt mittlerweile genug Kommunikation zwischeneinander, dass es alle mitbekommen würden. So was wie mit Blyth, das passiert nie wieder."

Nie wieder, denke ich zweifelnd und schaue die blauen Flecken an, die ich jeden Tag habe. Ja, ich laufe überall gegen. Aber manchmal, wenn ich zusätzlich Schmerzen habe, frage ich mich, ob ruru uns nicht eigentlich doch auch insgeheim missbraucht.
Woher soll ich das wissen?
Woher soll irgendwer das wissen?

Ich überlege, ob ich Michelle damit beauftrage, sich an den Therapeuten ranzumachen, damit man schauen kann, wie er reagiert. Anders kann man nicht prüfen, ob Menschen sicher sind, oder? Man muss ihnen Sex anbieten und gucken, was sie mit dem Angebot machen.
Ich glaube, ich habe verstanden, warum Menschen so oft denken, sie könnten mich einfach küssen. Vermutlich sende ich dieses Signal.  Weil, wenn sie dann sicher sind, wie ruru, dann fragen sie nach statt einfach zu machen.
Ist ruru denn sicher?
Ja, sagt ein innerer Chor von Kindern. Warum können die eigentlich besser vertrauen als ich? Die wurden doch vergewaltigt. Nicht ich.
Aber ich schätze, ich muss sie ja irgendwie beschützen. So als Host. Das sind meine Kinder. Ich adoptiere die alle, damit sie flauschige Eltern haben. Zusammen mit ruru. Oder so. Kinder sind flauschig. Denen sollte niemand wehtun. Dann doch lieber mir wehtun.

Nächste Woche ist die dritte Therapiestunde (Vorgespräch) und ich bin ganz gelähmt: aber was, wenn er mich vergewaltigt? Was mache ich denn dann? Neulich habe ich gelesen, dass angeblich jeder zwölfte Therapeut mal wen missbraucht. Keine Ahnung wie die das messen wollen, kann also nicht stimmen. Mein Gehirn macht es trotzdem zu Brei.
erwirdmirwehtunwirdmirwehtunwirdunswehtunwehtunwehtunwehtun

Ich bin zu klein, um Host zu sein. Ich möchte ein Plüschtier. Ich möchte eine Umarmung. Ich möchte keine Therapie. Ich möchte, dass Blyth das nicht gemacht hat. Ich möchte, dass ich Therapeuten vertrauen kann. Wie soll ich jemals Therapie machen? Wie sollen wir Therapie machen? Es tut mir so leid für all die Innenpersonen, die Blyth nicht mal kennen, dass es so schwierig für mich sein muss. Ich will ja helfen. Aber es wird immer schlimmer werden, genau wie letztes mal, bis ich nur noch zur Therapie gehen kann, wenn ruru mitkommt.

Und irgendwann wird es in meinem Kopf eine Verschwörungstheorie geben, in der ruru und der Therapeut in echt von meinem Vater beauftragt wurden, mir genug Sicherheit zu geben, dass ich wieder einfach manipulierbar und verkaufbar bin, genauso ist es bestimmt auch bei Blyth passiert, immerhin hat er meinen Vater getroffen kurz bevor der Missbrauch angefangen hat, und im Endeffekt ist mein gesamtes Leben eine Lüge und alle meine Freunde wurden eigentlich von [L.] beauftragt, dass sie sich mit mir anfreunden sollen, nur um mich später so richtig verletzen zu können.
Ja.
Auch das ist Meer.
Oder weniger paranoid.

Manchmal sind wir ein Scherbenhaufen.
Und so verzweifelt, dass wie toll ein Therapeut ist scheinbar als einzigen Maßstab hat, dass er Systeme therapiert. (Ich meine, noch steht der Satz, dass Blyth der beste Therapeut ist, den ich jemals hatte, also kann es so falsch nicht sein.)

Eigentlich bin ich auch sehr wütend.
Er hat dem System nämlich verboten über Trauma zu reden, weil das uns destabilisieren könnte und jetzt fühlen sich alle Innenkinder furchtbar schuldig und glauben, sie haben was falsch gemacht und wenn sie nochmal zuviel sagen, geht es uns allen schlecht.

Ich weiß, der Therapeut meinte ja nur, dass das belastend sein kann zu erfahren, was es da alles in der eigenen Vergangenheit gibt, was man gar nicht wusste.
Aber ich will doch gar nicht mehr in dieser Lüge leben.
Trotzdem wollte er ja nur helfen.
Und jetzt sind alle ganz wütend oder traurig oder verzweifelt wegen ihm.
Obwohl er helfen wollte.

Das muss ich noch lernen. Dass ich Taten von Menschen anhand ihrer Folgen und nicht ihrer Absichten bewerten darf.
Und jetzt muss ich das ansprechen, weil sonst wieder alle Innenkinder denken, dass ich sie nicht mehr lieb hab. So wie das eine mal, als eine Therapeutin gesagt hat, dass sie nicht existieren, dass ich mir das nur einbilde und ich nichts dagegen gesagt habe, sondern nur einfach gegangen bin. Da dachten sie auch, ich hab sie nicht mehr lieb. Sonst hätte ich ja für sie gesprochen.

Ich schreibe einen Brief an Blyth und zerreiße ihn wieder, weil ich mir selbst eintrichtern muss, dass es ihn nicht interessiert.
Laut ihm hat unsere Beziehung nicht existiert.

Ich liege auf dem Bett, auf dem ich nie missbraucht wurde. In einer Wohnung, in der ich nie missbraucht wurde, in einer Stadt, die immer nur positiv für mich war.
Ich möchte hier nicht vergewaltigt werden.
Ich bin zum ersten mal in meinem Leben wirklich sicher.

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