Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Samstag, 8. August 2020

#11: Systeme außerhalb der DIS: endogene Systeme

Es gibt Menschen, die sagen, dass man ein System sein kann ohne Trauma erlebt zu haben.
Keine Psychologen, keine Wissenschaftler, einfach nur selbsternannte Systeme, die keine Erinnerungen an Trauma oder Symptome, die auf Trauma hindeuten würden, haben.
Deshalb möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass es sich hier ebenfalls nur um unsere ganz persönliche Meinung zu dem Thema handelt. Sie hat keinerlei wissenschaftliche Basis! (Ich weiß auch nicht, ob irgendein Wissenschaftler sich überhaupt jemals mit diesen Systemen beschäftigt hat.)

Unsere Ansicht hier ist (teilweise) sehr zwiegespalten. (Mit teilweise meine ich, es kommt darauf an, wen man fragt.)
Wir haben aber (fast) alle einen Grundsatz: Man spricht Menschen ihr Erleben nicht ab.
Also erzählen wir.

Endogene Systeme sind Systeme, die in ihrem Leben kein Trauma erlebt haben. Da sie kein Trauma haben, haben sie ebenfalls keine Amnesie - zumindest habe ich bisher kein endogenes System mit Amnesie getroffen.
Meiner Erfahrung nach sind diese Systeme meistens relativ groß. Nicht polyfragmentiert (über 100 Innenpersonen), aber deutlich größer als ein durchschnittliches DIS-System (15 Innenpersonen).
Meine Erfahrungen basieren auf einem Discordserver, auf dem wir (halbwegs) aktiv sind, der sowohl endogene als auch traumagene (also solche, die Trauma erlebt haben) Systeme akzeptiert.

Im Allgemeinen sind endogene Systeme in der Systemcommunity extrem ausgeschlossen und es scheint eine weitverbreitete und -akzeptierte Meinung zu sein, dass sie nicht existieren. Dass sie also entweder traumatisiert sind ohne es zu wissen, irgendwelche Symptome falsch deuten (und in echt kein System sind, sondern irgendeine andere psychische Erkrankung haben) oder dass sie ganz einfach lügen.
Es gibt endogene Systeme, die der Meinung sind, bei ihnen hat die Persönlichkeitsintegration als Kind einfach so nicht geklappt und solche, die ihr Vielesein auf eine andere psychische Erkrankung schieben. Zudem gibt es endogene Systeme, die ihr Vielesein durch Spiritualität erklären - Beispiele hierfür wären die Ansicht, dass das Vielesein durch ein Erinnern vergangener Leben entsteht (alle Lebenswege sind in einem Körper vereint) oder Systeme, die behaupten, ihre Anteile wären aus anderen Galaxien (oder Ähnlichem) gekommen und hätten sich an ihre Seele gebunden (sogenannte seelengebundene Systeme).
Zudem gibt es eine Praxis im Buddhismus namens Tulpamancie (ich hoffe, das heißt auf Deutsch so) bei der „Anteile“, sogenannte Tulpas, willentlich erschaffen werden. Diese Tulpas unterstehen allerdings der Kontrolle des Erschaffenden.

Letzteres werden wir hier nicht behandeln, weil es in unseren Augen etwas fundamental anderes ist.
Endogene und traumagene Systeme haben eins gemeinsam: sie haben mehrere Innenpersonen, die unabhängig von einander existieren und keinen kontrollierenden Einfluss übereinander haben (mit der Ausnahme von Wächtern!).
Tulpas existieren nicht unabhängig von einander. Der 'Host' erschafft alle Tulpas selbst und vor allem kontrolliert er sie auch. Das heißt, er kann willentlich ein Tulpa erschaffen, wenn er eins haben möchte und es auch willentlich wieder löschen, wenn er es nicht mehr haben möchte. Er kann außerdem bestimmen, wann welches Tulpa draußen ist und wann nicht. Da sehe ich persönlich den Unterschied zu Rollenspiel nicht und demnach ist es für mich auch kein System. Wenn ich trainiere, dass ich mich in Situation X auf eine bestimmte Weise verhalten möchte, die nicht meiner eigenen Persönlichkeit entspricht, dann kann ich das lernen. Vielleicht fühlt es sich an wie eine andere Person - aber ich habe mich willentlich entschieden und mir Gedanken darüber gemacht, wie diese Person funktioniert. Man kann dem ganzen einen hübschen Namen geben, aber es ist und bleibt Rollenspiel im Namen des Buddhismus. (Und damit ist absolut nichts falsch. Wenn einem das hilft, dann bitte. Aber es ist eben etwas anderes als ein System.)

Aber wie können Systeme ohne Trauma überhaupt existieren, wenn der wissenschaftliche Konsens ist, dass Systeme aus Trauma entstehen?
(Und nochmal an dieser Stelle: das ist unsere persönliche Meinung, die rein gar keine wissenschaftliche Basis hat!)

Nun, mehrere Sachen: Forschungen im Bereich der DIS (etc.) lohnen sich (finanziell!) nicht, wodurch die meisten von ihnen vermutlich durch Spendengelder finanziert werden.
Aber wer zur Hölle sollte dann Forschungen im Bereich 'Systeme ohne DIS' machen wollen? Es lohnt sich finanziell nicht und man hilft nicht mal jemandem, weil es den Personen nicht schlecht geht. Oder eben zumindest nicht „aufgrund“ ihres Vieleseins/irgendeines ursächlichen Traumas.
Aber das ist mehr so eine 'warum guckt man sich die nicht mal wissenschaftlich an'-Antwort.

Ansonsten ist es natürlich so, dass das Gehirn in der Lage ist diesen Zustand von Gespaltenheit in einer Person aufrecht zu erhalten - ansonsten könnte die DIS überhaupt nicht existieren.
Natürlich muss es einen Grund geben, warum eine Person nicht - wie biologisch vermutlich sehr geplant - zu einer Einzelidentität integriert. Nichts passiert 'einfach so'. Ich finde es aber persönlich sehr schwierig zu glauben, dass es einen einzigen Grund für Resultat X geben soll und ohne diesen Grund kann Resultat X auf keinem einzigen Weg erreicht werden.
Ja: die Integration der Persönlichkeitszustände ist etwas neuronales. Aber warum, wenn das Gehirn im Angesicht von Trauma in der Lage ist, seine neuronale Entwicklung dahingehend zu verändern, dass verschiedene Identitäten entstehen, warum sollte es dazu nicht auch zum Beispiel durch eine Genmutation, die verändert, wie sich das Gehirn in einem bestimmten Aspekt entwickelt, dazu in der Lage sein?
Die Forschung™️ ist nichts Heiliges, das sich nie irren kann. Wissenschaftler übersehen Dinge. Jeder übersieht Dinge. Das ist etwas ganz normales. Es gibt viele 'aktuelle Forschungsstände', von denen sich Jahre oder Jahrzehnte später herausstellt, dass sie falsch waren oder zumindest unvollständig.
Und wenn Menschen sagen, sie erleben etwas - wer sind wir dann, es ihnen abzusprechen?

Aber, und an dieser Stelle folgt ein großes Aber:
Das heißt noch lange nicht, dass jedes selbsternannte endogene System, das sich nicht an Trauma erinnert, kein Trauma hat oder ein System ist.

Zuallererst ist der Sinn einer DIS, das Trauma vor dem Host und sämtlichen Alltagspersonen zu verbergen. Man erinnert sich also unter Umständen gar nicht dran!
Zwar ist es in der Regel so, dass man trotzdem Traumasymptomatik aufweist, aber erstens weiß ich nicht, ob dies immer der Fall ist und zweitens ist Traumasymptomatik sehr individuell und wird unter Umständen gar nicht als solche erkannt. Ich kenne so einige Menschen, die von ihren Eltern/einem Elternteil wie Dreck behandelt wurden und starke psychische Einschränkungen haben, aber - ohne jemals überhaupt mit einem Psychologen darüber geredet zu haben - die Möglichkeit einer Traumafolgestörung vehement ablehnen. Und gerade wenn man nicht mal Erinnerungen an ein potentielles traumatisches Ereignis hat, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass man dieser Vorstellung nur noch abgeneigter wäre.

Zweitens: es besorgt mich extrem, dass die Mehrheit der endogenen Systeme, mit denen ich rede, sich altersmäßig mitten in der Pubertät befinden. Einer Phase, in die Persönlichkeit ohnehin stark schwankt und man gar nicht so genau weiß, wer man eigentlich ist und sich mal so fühlt und mal so. Ich glaube, da ist es durchaus möglich, mal etwas falsch zu interpretieren; gerade dann, wenn man in seinem Umfeld vielleicht eher ausgegrenzt ist und auf der anderen Seite eine Systemcommunity hat, die (fast) jeden ziemlich flauschig behandelt. (Man möchte gerne dazugehören und überinterpretiert dadurch seine pubertätsbedingten Identitätsunsicherheiten.)

Drittens: es ist immer möglich, Dinge, die man erlebt, falsch zu interpretieren. Das ist nichts schlimmes und passiert jedem mal. Auch wenn es verdammt schwierig ist und ich mich heuchlerisch fühle, das zu sagen, weil es mir selbst so unglaublich schwerfällt: man muss offen dafür sein, Fehler gemacht zu haben. Niemand ist perfekt und niemand muss sich selbst immer genaustens verstehen.

Was die spirituellen Systeme angeht, glaube ich nicht daran, dass es möglich ist, mehrere Seelen in einem Körper zu vereinen. Ich glaube noch nicht mal an die Existenz von Seelen.
Ich glaube aber, dass man sich das einreden kann, weil es eine schönere Erklärung ist als die Realität einer potentiellen DIS. (Und bei einer DIS kann es immerhin Innenpersonen geben, die sich als Götter oder generell außerweltliche Wesen identifizieren!)
Stört mich das deswegen? Nein. Ich glaube auch nicht an irgendeinen Gott oder irgendeine Göttin, aber ich sehe, dass der Glaube Menschen Hoffnung gibt.

Andere Menschen haben nichts mit mir zu tun.
Wenn ihnen etwas hilft, ist es ihr gutes Recht, es zu nutzen, solange es niemand anderem schadet.
Und ich werde mich nicht dazu herablassen, zu sagen, die Existenz solches Gedankenguts würde die DIS für Nicht-Betroffene unglaubwürdig machen.
Ich traue Menschen Denkvermögen zu und wenn sie ihres nicht nutzen wollen, ist das nicht die Schuld einer Religion oder irgendeines spirituellen Gedankengangs.
Wenn mir jemand nicht glaubt, dann ist das ganz alleine seine Entscheidung.

Ich würde trotzdem jedem selbsternannten endogenen System nahelegen, mal in Therapie zu gehen und sicherzustellen, dass da wirklich kein vorhandenes Trauma (oder eine gänzlich andere Störung) vorliegt.
Man kann sich noch so schöne Dinge einreden. Wenn da Trauma ist, dann wird es eines Tages zum Vorschein kommen und sich lautstark bemerkbar machen. Es wird einschlagen wie ein Blitz und alles, alles auf den Kopf stellen und durcheinander wirbeln.
Vielleicht möchte man so etwas lieber in einer Phase feststellen, in der man noch relativ stabil ist, als gerade dann, wenn alles unter und vor und hinter und neben und über einem zusammenbricht. 

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