Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Donnerstag, 27. August 2020

#15: Das Problem mit Problemen

"Ich kann mich überhaupt nicht mit den anderen Systemen (die ich kenne) identifizieren", sage ich. "So sehr, dass es sich anfühlt, als hätte ich etwas fundamental anderes. Aber ich weiß, dass ich eine DIS habe.
Eigentlich kann ich mich nur mit den OSDD1b-Systemen, die ich kenne, identifizieren. Also, OSDD1b = DIS ohne Amnesie. Aber ich habe halt Amnesie, das weiß ich. Aber dann ist mir neulich aufgefallen, dass die alle - also, es sind auch nur zwei - zusätzlich Autismus haben."
Erwartungsvoll schaue ich ihn an. Ich möchte ernstgenommen werden und ernstgenommen werden heißt für mich in dem Fall, dass wir uns einmal ganz genau mit Autismus beschäftigen und dann gucken, welche Symptome bei uns auch vorhanden sind und darüber reden, was vielleicht andere Erklärungsmöglichkeiten für diese Symptome sein könnten, um eben zu klären, ob wir nun autistisch sind oder nicht.
Dass ich Autismus vermute, mit wesentlich mehr Gründen als dem, hatte ich ihm vorher gesagt.

"Jedes System ist eben anders", sagt er und ich fühle mich schon wieder komplett unverstanden. Vor allem, als er direkt danach sagt, wir können gar nicht autistisch sein, weil wir ja Ironie verstehen. Vollkommen außer Acht lassend, dass ein Großteil meines Freundeskreises (diagnostiziert) autistisch ist und dort nahezu jeder Ironie versteht.
Außerdem kann ich, laut ihm, zu gut kommunizieren. Dass ich zwei Jahre lang gelernt habe, Kommunikationsebenen zu analysieren, ist nicht wichtig. Dass fast niemand sonst im System das kann, auch nicht. Ich würde ja die meisten Innenpersonen noch gar nicht genug kennen, um das überhaupt einschätzen zu können.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, in der ich versucht habe, ruru zu erklären, dass ich Amnesie habe, ohne einen Begriff dafür zu haben.
"Ich erinnere mich schon wieder nicht an gestern", meinte ich damals, immer wieder und bekam jedes mal dieselbe Antwort: "Ich erinnere mich auch oft nicht daran, was genau ich gestern gemacht habe, einfach weil es so unwichtig war. Das ist ganz normal."
Aber es war eben nicht normal. Nur konnte ich den Unterschied zwischen "heute ist Mittwoch, gestern war Dienstag und ich erinnere mich nicht mehr genau, was ich gemacht habe" und "heute ist Mittwoch, gestern war Montag und Dienstag existiert einfach nicht", nicht gut genug beschreiben.

Oder zurück zu meinem Extherapeuten, dem ich irgendwann mal versucht habe, die DIS zu erklären, ohne dass ich wusste, was das sein soll und ohne richtige Worte dafür.
"Ich kann richtig gut mit Menschen reden", meinte ich. "Aber manchmal kann ich es einfach nicht mehr. Also, ich habe keine Angst oder so, aber ich kann es einfach nicht mehr. Und dann habe ich das Gefühl, ich bin eigentlich so, aber ich schaff's irgendwie nicht, mich auch so zu verhalten." Was, im Rückblick betrachtet, wahrscheinlich eine der Aussagen war, wegen der er einen DIS-Verdacht hatte.
Aber damals hat er trotzdem gesagt, dass es ja vollkommen normal ist, dass man in verschiedenen Situationen ein bisschen anders ist. Und er hat es darauf geschoben, dass diese Situationen, in denen ich so anders war, Situationen mit einem unsicheren Umfeld waren. Und da wäre es ja ganz normal, wenn man nicht so selbstbewusst ist.
Und ich saß da und wollte mich in Luft auflösen. Weil ich das noch nie jemandem gesagt hatte und ich kannte, was er beschrieb und es war nicht das, was ich erlebte. Weil ich keinen Einfluss darauf hatte, wie ich war.
Natürlich nicht. Ich hatte ja eine DIS. Nur wusste ich das eben nicht.

Das zieht sich durch mein Leben, das ich ein Problem anspreche und es heißt dann "ach, das ist doch ganz normal, das habe ich auch manchmal, etc."
Jedes mal kenne ich diese normale, beschriebene Situation und sie ist nicht das, was ich erlebe. Nur scheine ich das einfach nicht in genug Worte fassen zu können, sodass es irgendjemand versteht. Hätte ich fast gesagt. Ein Satz, der in meiner Exbeziehung oft fiel. "Das passiert alles nur, weil ich nicht gut genug erklären kann, was ich eigentlich möchte."
Nein. Heute weigere ich mich zu glauben, dass es an mir liegt. Zu Kommunikation gehören zwei Menschen. Wenn ich so oft das Gleiche in verschiedenen Sätzen, Kommunikationsebenen und Tränen sage, liegt es nicht an mir, wenn es nicht verstanden wird.
Meine Wahrheit existiert in deiner Welt nicht.

Es gibt einen Unterschied zwischen "ein geräuschempfindlicher Mensch sein" und "wenn ich gestresst bin, kann mein Freund mich nicht mal streicheln, weil Streicheln zu laut ist".
Ja. Dass das genauso gut ein Traumasymptom sein könnte, weil auch Trauma Filterprobleme macht, ist mir bewusst. Ich wollte auch keine Autismus-Diagnose. Ich wollte nur ein Gespräch darüber, in dem es eine reale Möglichkeit sein kann oder eine Überweisung an jemanden, der mehr Ahnung davon hat.

Ich war so froh, als ich zu meinem ehemaligen Psychologen gegangen bin und meinte: "Ich glaube, dass ich möglicherweise irgendeine dissoziative Störung habe" und er direkt meinte, dass das eine reale Möglichkeit ist.
Und dann hatten wir ein Gespräch darüber, warum ich das denke und was andere Erklärungen sein könnten. Ich hatte eine lange Liste mit Symptomen und wir sind jedes einzelne durchgegangen und haben darüber geredet.
Und danach haben wir einen langen Fragebogen für dissoziative Störungen gemacht.
Und danach haben wir noch mehr geredet.
Und dann kam eine andere Innenperson raus und er meinte, damit ist es dann wohl bestätigt.
Aber in dem gesamten Gespräch hat er nie gesagt: ach, das ist doch normal.
Weil es nicht normal ist. Es war ein Problem, für mich. Selbst wenn jeder Mensch genau das gleiche erleben würde, dann wäre es trotzdem in den Moment anders, in dem ich es als Problem wahrnehme. Weil es ja normalerweise keins ist.

"Generell ist es ja auch nicht so wichtig, ob ihre Symptome vom Trauma oder von Autismus oder von etwas anderem kommen", fährt der Psychologe fort. "Sie sollten da nicht so versuchen, sich in Schubladen zu stecken. Einfach erstmal das System kennenlernen und gucken: wer ist denn da und was für Schwierigkeiten gibt es da vielleicht auch. Eine Schublade zwängt Sie nur ein in Ihrer Wahrnehmung von so etwas."
Dabei steckt man doch bereits in Schubladen. Selbst vor der Diagnose steckten wir in einer DIS-Schublade. Und ich stand mein Leben lang vor dem Schrank und ich hab nichts daraus verstanden, weil niemand mir gesagt hat, dass diese Schublade, die mir so viel erklären und so viel helfen würde, überhaupt existiert.

Und genauso geht es mir gerade wieder. Nur, dass die Schublade, die ich mir eigentlich mal angucken wollte, nicht mal in meiner Reichweite ist. Und es hilft mir auch niemand, da mal reinschauen zu können. Mehr noch: ihre bloße Existenz vor meinen Augen wird mir abgesprochen.
Fast so wie Gaslighting.
Meine Wahrnehmung ist grundlegend falsch.
Vielleicht auch ganz genauso. Ich weiß es nicht. In diesem Fall steckt keine böse Absicht dahinter.

Irgendwann finden wir einen Psychologen, der unsere Worte ernst nimmt.

4 Kommentare:

  1. Ich kenne dieses "nicht gut genug in Worte fassen können" leider auch, und weiß wie frustrierend das sein kann. Bis an den Punkt, an dem man sich fragt, wieso man sich denn überhaupt noch die Mühe macht. Ich wünsche euch, dass ihr bald jemanden findet, der Verständnis für eure Themen hat. Und für den Fall, dass das noch eine Weile dauert, ganz viel Durchhaltevermögen.
    Liebe Grüße, Ria

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    1. Danke. <3 Wir haben dieses Jahr ziemlich viele Erst- und generell Vorgespräche, weil wir seit Dezember wirklich intensiv nach Therapie suchen (das klingt jetzt sehr lang, aber die meisten Therapeuten haben ja erstmal monatelange Wartelisten bis man überhaupt ein Erstgespräch bekommt). Irgendwie bin ich überzeugt, dass wir irgendwann dieses Jahr jemanden finden. Ich hab 150 Therapeuten abtelefoniert; selbst wenn wir im Endeffekt "nur" auf 15 Wartelisten oder so gelandet sind, muss da ja wer bei sein. Daran glaube ich ganz fest.

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  2. Für mich hört es sich nicht so an, als hätte er dich nicht wahrgenommen. Ich denke nur, dass ihr unterschiedliche Sprachen der Kommunikation sprecht und somit bei dem jeweils anderen nicht die Message angekommen ist. Du würdest gerne über Autismus sprechen, er versteht, du denkst autistisch zu sein. Er sagt, dass es nicht wichtig ist, woher die Symptome kommen. Du hast das Gefühl, dass du wissen musst, woher sie kommen, um dich selbst begreifen zu können. Du hast das Gefühl, er würde deine Empfindungen nicht ernst nehmen. Was er eigentlich meint: Ich habe gesehen, dass da die Symptome sind. Du hast gerade erst die DIS-Diagnose bekommen. Nun beginnt der Prozess, das alles zu verstehen. Und nach und nach kann auch geklärt werden, ob die Möglichkeit besteht, dass auch Autismus vorhanden ist.
    Abgesehen davon müsst ihr euch doch auch erstmal kennenlernen. Lernen wie beide Seiten ticken, um die Kommunikation zu verbessern, um die jeweiligen Sprachen zu verstehen.
    Ich glaube, du bist zu voreingenommen in dieses Gespräch gegangen. Ich würde es weiterhin auch bei ihm versuchen.

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    1. Das ist eine interessante Sichtweise und so hab ich da nie drüber nachgedacht. Ich fühlte mich halt hauptsächlich nicht ernstgenommen, weil ich immer so meinte "ja, zum Beispiel stressen mich Geräusche so übertrieben doll" und er meinte dann "es gibt halt geräuschempfindliche Menschen" und so weiter. Aber ja, es kann sein, dass er vielleicht dachte, noch eine Diagnose gerade wäre eher schlecht für uns momentan, also sagt man halt so "ja, das ist auch durchaus normal/kann an Trauma liegen". Und durch schlechte Erfahrungen bei vielen Diagnoseprozessen höre ich dann direkt: "ach, da übertreibst du mal wieder".
      Da würde es wohl tatsächlich Sinn machen, nochmal hinzugehen und das zu klären, wie das angekommen ist.

      Tatsächlich war auch aus anderen Gründen die Vereinbarung, dass wir es erstmal wo anders probieren (er ist der Meinung, bei einer weiblichen Therapeutin wären wir besser aufgehoben). Aber wir stehen gleichzeitig auch noch auf der Warteliste, falls wir dann doch niemanden finden, dass wir halt wiederkommen können.
      Mal sehen, wie sich das entwickelt.

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