Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Freitag, 16. Oktober 2020

#22: Erste Person Plural II

Und ich denke, wenn man in einer Situation verstanden werden will, die für andere Menschen nicht einfach zu verstehen ist, weil sie eben nicht in der normalen Erlebenswelt eines Menschen vorkommt, muss man oft auch Wünsche äußern. Denn manche Menschen fragen nach, aber andere auch wieder nicht und das liegt nicht zwangsläufig daran, dass es sie nicht interessieren würde, sondern oft auch an der Angst, etwas falsch zu machen oder eigenen traumatischen Erfahrungen, aufgrund derer sie sich ohnehin wie eine Belastung fühlen. Damit möchte ich nicht sagen, dass man für das Verhalten anderer Menschen zuständig ist. Aber es kann vieles einfacher machen, wenn man direkt auf sie zugeht.
Also schreiben wir an dieser Stelle auf, wie wir uns wünschen, dass andere Menschen mit uns umgehen.

Wir sind ein System - das bedeutet für uns, dass wir eine große Familie sind. Nur teilen wir eben ein Leben. Das heißt, uns bekommt man nur zusammen - aber gleichzeitig existieren wir auch alle einzeln. Wir möchten gerne alle als einzelne Personen behandelt werden, zumindest in einem Moment. Wenn man allgemein über uns spricht, ist es total schön, wenn Pluralpronomen benutzt werden und wir auch sonst im Plural angesprochen werden, eben durch Sachen wie "Flauschis" (man kann sich auch was anderes ausdenken, uns ist selbst einfach noch nichts eingefallen). Aber wenn man direkt in einem Gespräch mit uns ist, dann wollen wir (also die Person, die gerade draußen ist) als eigene Person gesehen werden. Das äußert sich dann sowohl in so Sachen wie, dass der Name der Person verwendet wird, die gerade draußen ist (oder dass nach dem Namen gefragt wird, wenn man ihn nicht kennt), als auch, dass man Dinge an die richtige Person adressiert. Also, wenn man zum Beispiel etwas sagen möchte, das spezifisch an eine Person geht (beispielsweise Lana, weil man mit ihr bisher am meisten zu tun hatte) und man weiß aber, dass gerade eine andere Person draußen ist, dass man dann sagt: "Hey, könntest du Lana sagen, dass ...", anstatt die Person anzusprechen mit: "Lana, ich wollte dir sagen, dass ..." Weil die Person eben nicht Lana ist. Und ständig Lana genannt zu werden, obwohl man jemand ganz anderes ist, tut eben weh.
Es äußert sich aber auch in Sachen wie, die Person altersgerecht zu behandeln. Dawn redet beispielsweise gerne über erwachsene Themen. Und natürlich kann man diese dann auch bei ihr ansprechen. Wenn dann stattdessen Skye draußen ist, die ebenfalls erwachsen ist, kann man natürlich fragen: "Kann ich auch mit dir über dieses Thema sprechen?" Aber wenn gerade ein fünfjähriges Kind draußen ist, sollte man es eben einfach lassen. Alles andere ist meistens sehr verängstigend.

Dazu zählt ebenfalls, dass man auf das individuelle Verhältnis, das man mit der jeweiligen Person hat, eingeht. Es reicht eben nicht aus, den richtigen Namen zu benutzen. Wenn man bisher nur mit Lana Kontakt hatte, selbst wenn man sie schon jahrelang kennt und richtig gut mit ihr befreundet ist, ist es einfach unglaublich befremdlich, eine andere Person, die gerade draußen ist, die man noch nie getroffen hat, wie eine jahrelange Freundin zu behandeln. Oder weibliche Pronomen oder Bezeichnungen zu benutzen, bei einer Person, deren Gender man nicht mal weiß, nur weil der Körper und ein Großteil des Systems weiblich sind.
Oft bekommen wir auch Aussagen, die definitiv an eine bestimmte Innenperson gerichtet sind (in der Regel Lana), aber dann einfach systemweit angewendet werden. Es ist einfach verletzend, gesagt zu bekommen "ich finde es schön, dass du immer so gefühlsübersprühend bist", wenn man das gar nicht ist und man weiß, es ist mal wieder Lana gemeint und man selbst wird einfach nicht gesehen und in den Lana-Topf geworfen. Weil Lana die meiste Zeit da ist, werden wir dann kollektiv als sie gesehen und auch so behandelt. Menschen benutzen dann vielleicht den richtigen Namen, aber sie verstehen eben nicht wirklich, was das gerade bedeutet - dass sie wirklich mit jemand anderem sprechen.
Aus demselben Unverständnis heraus werden Lana und Melanie in den allermeisten Fällen entweder als ein und dieselbe oder als zwei vollkommen getrennte Personen gesehen. Aber das ist beides nicht richtig. Lana ist aus den geteilten Erinnerungen zweier Innenpersonen entstanden - Melanie und Caomhe. Das bedeutet, dass 95% von Lanas Charakter auf den Lebenserfahrungen von Melanie aufbaut (Caomhe war ziemlich selten draußen). Dadurch sind auch ihr Charakter und ihre Gefühle so ähnlich. Aber sie ist eben nicht Melanie. Gleichzeitig ist Melanie aber auch keine andere Person. (Dasselbe gilt natürlich für Caomhe.)

ruru erkennt oft einfach am Verhalten oder an der Stimme, wer draußen ist, meistens aber auf jeden Fall, wenn ein Wechsel passiert ist oder wenn jemand anders co-bewusst ist. So etwas kann man nicht erwarten. ruru verbringt eben nur unglaublich viel Zeit mit uns und dann lernt man solche Kleinigkeiten eben. Dann merkt man, dass Fólan ein bisschen tiefer redet, dass Skye weniger Emotionen in der Stimme hat, Dawn überall ein Ausrufezeichen setzt (auch wenn sie redet). Man erkennt den Unterschied zwischen Lanas Stimme, die sehr kindlich klingt und tatsächlichen Innenkindern, die erstens noch kindlicher klingen und zweitens ein anderes Vokabular haben. Man weiß, welche Kinder viel reden und welche wenig und die bestimmten Sätze oder Wörter, die so nur ganz bestimmte Innenpersonen sagen. Oder die Verhaltensweisen, die nur bestimmte Innenpersonen haben. So was kann niemand erkennen, der uns nur selten sieht oder fast ausschließlich schriftlich mit uns kommuniziert.
Aber manchmal werden wir stiller, obwohl wir gerade noch viel geredet haben. Oder unsere Stimme wird kindlicher, selbst dann, wenn man Lanas Tonfall gewohnt ist. Und es wäre unglaublich schön, dann gefragt zu werden: "Wurde gerade gewechselt?" oder "Bist du noch [Name der Person, die vorher draußen war]?"
Manchmal ist das auch gar nicht so. Aber es könnte ja sein.

Gleichzeitig wäre es sehr schön, wenn nicht einfach angenommen werden würde, dass eine bestimmte Person draußen ist (zum Beispiel Lana). Auf Discord ist das okay, weil dort in der Regel im Wechsellog steht, wer gerade draußen ist und falls die Information dort mal falsch sein sollte, dann ist das komplett unser Fehler und man kann da niemandem einen Vorwurf machen.
Wenn man uns jedoch IRL oder in einem Voice Chat antrifft, dann werden wir vermutlich keine Wechsellogs aktualisieren (dann ist unsere Aufmerksamkeit wo anders). Und man selbst schaut dann vermutlich auch gar nicht nach. Also wäre es schön, wenn gefragt werden würde, wer gerade da ist.
So ein Wechsel kann schnell passieren. Mitten in einem Gespräch merkt man es vermutlich, wenn man weiß, dass so etwas existiert, aber wenn man nicht gerade mit der Person redet, ist es sehr unwahrscheinlich, dass man irgendetwas merkt. Vielleicht wäre es ein bisschen viel nach jedem Gang aufs Klo neu zu fragen: "Und, wer ist jetzt draußen?" (auch wenn es definitiv kein Problem wäre und vermutlich sehr schön). Aber wenn einem etwas anders oder komisch vorkommt, wäre es schön, gefragt zu werden. Wir werden in solchen Situationen nämlich oft gefragt, ob alles in Ordnung ist (weil wir uns plötzlich anders verhalten). Und meistens ist alles in Ordnung. Es gab dann eben nur gerade einen Wechsel.

Man könnte jetzt berechtigterweise fragen: warum sprecht ihr das nicht einfach selber an, wenn es einen Wechsel gab, wenn es euch so wichtig ist? Tatsächlich ist das auch der langfristige Plan. Viele von uns handhaben das auch so. Aber es gibt eben gleichzeitig unglaublich viele traumatisierte Anteile, die sich so etwas einfach nicht trauen. Die denken, sie müssen jetzt beispielsweise Lana spielen, sonst sind alle enttäuscht. Und das kann man nur lösen, indem man von sich aus auf sie zugeht und ihnen die Chance gibt, sie selbst sein zu können.

Ein weiterer Punkt wäre Körperkontakt.
Lana liebt Körperkontakt. Sie umarmt nahezu jeden, hält mit nahezu jedem Händchen, headpattet Menschen, wird gerne zurückgeheadpattet und, und, und. Das ist aber längst nicht bei jedem so. Mit ruru wird bei den allermeisten gekuschelt und ebenso Händchen gehalten, weil er Sicherheit bedeutet. Aber wenn dann einfach unsere Hand genommen wird oder wir umarmt werden (weil vermutlich mal wieder davon ausgegangen wird, dass Lana da ist), dann kann das unter Umständen sehr schlimm sein. Denn die meisten traumatisierten Anteile haben große Probleme damit, aber gleichzeitig können sie keine Grenzen setzen. Und dann machen sie eben mit. Weil es wenigstens "nichts richtig schlimmes" ist. Und wenn sie die Person wegschieben, dann tun sie ihr vielleicht weh. Und dann passiert vielleicht doch etwas richtig schlimmes.
Im Endeffekt gehört das natürlich zu dem Punkt, dass man nicht einfach annehmen sollte, dass irgendjemand bestimmtes draußen ist. Aber es geht noch einen Schritt weiter. Denn nur weil dieselbe Person letzte Woche deine Hand gehalten hat, ist es heute vielleicht nicht okay. Also sollte gefragt werden. Weil es auch einfach ist. Nach Berührungen kann man nämlich sogar ohne Worte fragen. Zum Beispiel, indem man die Arme zu einer Umarmung ausbreitet und wartet, was die andere Person tut. Oder indem man die Hand in die Nähe hält und abwartet, ob sie genommen wird. (Natürlich kann man auch einfach fragen. Ich wollte nur veranschaulichen, dass es noch mehr Möglichkeiten gibt, falls man nicht so viel nachfragen möchte.)

Wir haben extra versucht, in dem Text herauszukristallisieren, was einfach nur schön wäre, wenn es gemacht werden würde und was tatsächlich notwendig ist - also, was verletzend oder triggernd ist, wenn es nicht gemacht wird. Weil wir extra betonen möchten, dass nicht alles ein Fehler ist, nur weil man etwas hätte besser machen können. Wir benutzen ja zum Beispiel selbst nicht die ganze Zeit Pluralpronomen, obwohl es sich schöner anfühlen würde, weil wir einfach wissen, dass nicht alle Menschen das verstehen und man manchmal auch einfach keine Lust hat, es zu erklären. Oder weil man einfach so sehr an etwas anderes gewöhnt ist, dass man automatisch singuläre Pronomen verwendet.
Und wenn ihr ein anderes System kennt: bitte fragt dort nach. Dieser Text drückt nur unsere Wünsche aus. In anderen Systemen kann das alles ganz anders aussehen.

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