Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Mittwoch, 28. Oktober 2020

#25: Trauma, DIS und Sexualität

Riesige Triggerwarnung für's Thema Sex/Sexualität an dieser Stelle.
Falls jemand sich fragt, warum wir 'Sex' ständig mit * schreiben: es gibt halt ziemlich viele sexuelle Dinge, die man machen kann, die nicht direkt Sex sind, aber dafür gibt es irgendwie kein Wort oder zumindest haben wir keins, also schreiben wir halt 'Sex*'.

Die meisten anderen Systeme, mit denen wir bisher über das Thema Sexualität geredet haben, sind fast durchweg asexuell. Damit meine ich, dass 90% des Systems asexuell ist - in fast jedem System gibt es 'sexuelle Anteile'. Das liegt daran, dass so gut wie jedes System massive sexuelle Gewalt erfährt, deren Erleben oft dadurch überlebt wird, einen Anteil zu erschaffen, der das alles tatsächlich "mag". Ich setze dieses Mögen in Anführungszeichen, weil ein sexueller Anteil bei uns nur einmal einvernehmlichen Sex* brauchte, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Vergewaltigungen eigentlich überhaupt nicht schön waren und sie diese gar nicht wirklich mochte.
Dafür, wie das in anderen Systemen ist, kann ich natürlich nicht sprechen. Und vielleicht sind auch gar nicht wirklich so viele Systeme asexuell, wie es für uns den Anschein macht. Vielleicht wird einfach nur nicht viel darüber geredet.

Wir waren lange Zeit darüber verwirrt, ob wir asexuell sind oder nicht, als wir noch dachten, wir wären eine einzelne Person. Die Trauma-Anteile, wie sexuelle Anteile, nahmen wir als Alltagsteam nicht wahr - zu viel Amnesie. Aber Dawn war sehr offensichtlich nie asexuell. Während ungefähr der Rest des Alltagsteams die Vorstellung von Sex entweder widerlich fand oder Angst davor hatte. (Ja. Das ist nicht, was Asexualität ist. Darauf gehe ich gleich ein.)
Tatsächlich schwankten wir lange dazwischen, uns als 'grey-asexuell' oder 'demisexuell' zu bezeichnen. Dabei wussten wir nicht mal, mit Ausnahme von Dawn, ob wir überhaupt sexuelle Anziehung empfinden. Und noch schwieriger war es, zwischen sexueller Anziehung und dem Wunsch, Sex zu haben, zu unterscheiden. Es war alles sexuell. Es war alles grauenvoll. Ende des Gedankengangs.

Das erste mal positive Sexualität haben wir in unserer zweiten Beziehung erlebt, wenn auch nur für kurze Zeit. Dann wurden immer mehr Grenzen missachtet, bis es auch zu Vergewaltigungen kam.
Trotzdem hat uns das nachhaltig geprägt - ja, auch das Positive. Wir sind wesentlich offener für das Thema geworden. Wir haben uns, soweit unserer Möglichkeiten, sogar damit beschäftigt: verschiedene Sexualitäten. Verschiedene Fetische. Verschiedene Menschen.
Unsere eigene Sexualität wurde aber durch die sexuelle Gewalt immer weiter zerstört. Wir waren alle akut traumatisiert. Niemand wollte mehr irgendetwas damit zu tun haben.

Das hielt an bis Melanie sich ein Jahr nach Ende der Beziehung in jemanden verliebte.
Zu dieser Person entstand zuerst eine Freundschaft+ und, nach ein paar Monaten, auch eine Beziehung.
Am Anfang war es schrecklich. Ich weiß nicht, wer damals in diesen Situationen eigentlich draußen war, aber es wurde ständig dissoziiert und traumatisierte Innenkinder kamen raus. (Das war immer noch alles vor der Diagnose.) Irgendwann lernte Melanie zu bemerken, wenn sie anfing zu dissoziieren - was noch nichts brachte, weil sie nicht Stopp oder irgendetwas sagen konnte. Fast niemand von uns konnte das.
Aber ruru gab uns Zeit. Er hörte uns zu und lernte uns kennen und sah all die kleinen Neins und Stopps, die immer wieder missachtet worden waren. Und vor allem fing er an, bei allem zu fragen, ob das okay war, ob wir das wollten und kein einziges mal nahm er unser Schweigen als Ja. Auch kein 'ich mag dich' war ein Ja für ihn. Weil 'ich mag dich' nicht Ja heißt sondern 'Nein, aber ich habe Angst, dass du mich nicht mehr magst, wenn ich das sage'. Zumindest bei uns. Ich weiß nicht, wie das bei nicht traumatisierten Menschen ist.

Ganz langsam lernten wir auch selber Nein zu sagen.
Das ist immer noch ein Prozess, auch über zwei Jahre später. Nicht immer schaffen wir es. Hören tut er es trotzdem immer. Fast immer.
Ich erinnere mich an eine Situation, die sehr uneinvernehmlich war, was er aber nicht gemerkt hat. Das wollte ich ursprünglich nicht erwähnen, weil es ihm unglaublich leid tat und es definitiv nicht seine Absicht war.  Aber irgendwie ist es trotzdem wichtig. So etwas wird es geben, wenn man selbst nicht ausreichend kommunizieren kann, was man möchte, selbst wenn der Partner sich noch so viel Mühe gibt.
Es war nur eine Minute, vermutlich sogar weniger, dann hat er selbst gemerkt, dass irgendetwas fundamental falsch ist. Das ist nichts im Vergleich zu sexuellem Missbrauch. Es ist trotzdem eine Minute, in der man überzeugt ist, es passiert jetzt wieder.

Ich würde mich immer noch als asexuell definieren, denke ich. Wir machen uns inzwischen wenig Gedanken um solche Schubladen. Sexuelle Anziehung spüre ich definitiv nicht und Sex* fühlt sich für mich 99% der Zeit widerlich an. Auch wenn ich inzwischen akzeptieren kann, dass es anderen Innenpersonen anders geht.
Aber viele Innenpersonen, also 80% der Erwachsenen, würde ich sagen, haben das inzwischen (kennen)gelernt: einvernehmliche Sexualität. Mit jemand anderem. Alleine ist ein ganz anderes, viel größeres, Problem. Da hat man selber Kontrolle. Und das geht irgendwie nicht.
In unser Gehirn ist eingebrannt, dass Sexualität mit Kontrollverlust einhergeht. Ein kurzes 'Stopp' ist vielleicht noch okay, da behält trotzdem jemand anders die Kontrolle darüber, was er damit macht. Sich selbst die Kontrolle zu geben? Unmöglich. Zumindest bisher.

Tatsächlich Sex kann noch niemand von uns haben. Vor einiger Zeit hat es jemand versucht, aber wir haben sofort massive Bauchkrämpfe bekommen, was wohl ist, wie unser Körper uns sagen möchte, dass wir das lieber nicht machen sollten.

Und jetzt dissoziiere ich.
[Teil 2 folgt.]

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