Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Montag, 1. Februar 2021

#38: Trauma: Therapie III

(Wir haben unserer Therapeutin eine ziemlich lange Mail geschrieben, in der wir im Prinzip alles aus den letzten zwei Posts und mehr aufgeschrieben haben, nur in geordneter, worüber wir dann in der Therapie reden wollten. Was heute war. Danach hab ich es, so gut es ging zumindest, aufgeschrieben.)

Wenn ich so zurückblicke, wurde, dass wir mehr Stunden wollen, wieder mit 'erfahrungsgemäß' begegnet. Erfahrungsgemäß ist es, gerade weil wir Angst haben, sinnvoller, nur eine Stunde Therapie pro Woche zu haben, weil es sonst überfordernd ist.
Sonst überfordernd? Als würde es eine Rolle spielen, wie oft wir da sind. Es ist dauerhaft schlimm. Wenigstens kommt man irgendwo an, wenn man sich damit auseinandersetzt.
Ich rechne ihr vor, warum es nicht funktioniert, Vertrauen zu jemandem aufzubauen, zu dem man einmal pro Woche 50 Minuten Kontakt hat. "Aber Vertrauen baut sich ja nicht schneller auf, nur weil man mehr Zeit mit jemandem verbringt", erklärt sie mir Vertrauen. Als hätte ich in meinem Leben nicht genug Menschen vertraut. Zeit ist das Einzige, was hilft.
30 Stunden in einem Jahr sind in jedem Fall nicht genug.
Dass es sinnlos ist, drei Stunden pro Woche zu haben, weil einen das nicht weiterbringt, sagt sie. Erfahrungsgemäß. Mehr als zwei Stunden bringt nichts. Redet sie von Therapie. Der Unterschied zwischen Therapie und 'Vertrauensverhältnis aufbauen', wurde immer noch nicht verstanden. Wir wollen gar keine Therapie (erstmal).
"Aber es ist wichtig, dass Sie wissen, wie Sie sich fühlen, damit man gemeinsam gucken kann, was man verbessern kann." Dabei kann man gemeinsam nichts verbessern. Außer, indem man genug Zeit miteinander verbringt, dass unser Gehirn sieht, dass wir nicht in Gefahr sind, weil nichts Schlimmes passiert. Das können wir aber in keiner Minute, die ich nicht da bin, sehen. Wir können es uns nicht aktiv erzählen. Man kann nicht aktiv Vertrauen aufbauen - jedenfalls nicht durch Stressbewältigungstherapie.

Ich bin verloren.
Sie sagt irgendetwas von Angst und Abschiedsgesprächen, die niemand hier haben will. "Ich weiß auf jeden Fall, dass ich die Entscheidung per Mail mitteilen muss, weil ich das sonst nicht sagen kann und ob Abschiedsgespräch oder nicht, muss ich mir bis dahin überlegen."
Ja. Das können wir nicht. Wenn wir Therapie haben, stecken wir fest. Wir können sie nicht beenden. Bisher haben wir das Ende immer per Mail mitgeteilt oder gelogen. "Ich ziehe weg." (Eigentlich erst in über einem halben Jahr.) "Die Therapie hat voll gut geholfen, jetzt brauche ich sie nicht mehr." (Das war ein monatelanger Prozess von Vortäuschen, dass es uns besser geht.)
Ich sage: "Dann würde ich jetzt einfach alle Termine streichen und ich melde mich dann."
Ich. Meine Kontrolle. (Unsere.)
"Alle Termine streichen?"
"Ja, also, momentan sind wir ja immer montags hier und die Termine würde ich erstmal streichen und mich dann halt melden, ob ich dann wiederkomme oder nicht oder ob man ein Abschiedsgespräch macht oder -"
"Aber Sie müssen das doch gar nicht alleine entscheiden."
Mein Kopf wird schlagartig leer. Ich senke den Blick und fange an, an dem Pflaster rumzukratzen, das ich extra auf meine Hand geklebt habe, damit ich nicht anfange, meine Finger aufzukratzen. Sie sagt irgendetwas zum Thema Begleitung beim Entscheidungsprozess, wiederholt im Prinzip, was Sie gerade gesagt hat.
'Nein', denke ich. 'Aber ich will doch.' Meinen Mund verlassen keine Worte mehr, also kann ich weiter dabei zuhören, wie sie mich damit zutextet, dass ich das ja nicht alleine entscheiden muss, dass Therapie ja auch dafür da ist oder so, ich weiß keinen einzigen Satz mehr.
'Hör auf zu reden', schreit es in meinem Kopf. Ja. Das ist doch gar nicht das Problem. Ich will alleine Entscheidungen treffen. War das nicht gerade der Punkt der gesamten Mail? Dass wir einfach erstmal alleine alle Entscheidungen treffen wollen, um zu lernen, dass kein weiterer Therapeut über uns hinweg bestimmen und Zweifel in jeden Gedankengang säen kann? Dass man mit allem anderen, dem 'erfahrungsgemäß' und den Widersprüchen anfangen kann, wenn das Vertrauensverhältnis da ist? Mir wird auf einmal sehr schlecht.
Sie schlägt vor, dass wir erstmal die Stunde nächste Woche stehen lassen und ich sie aber jederzeit absagen kann, auch ohne Absagefrist und so. Ich würge ein 'Okay' heraus. Ja. Ich denke, das ist okay. Ich denke nicht, dass ich nach dem Gespräch noch absagen kann, aber ich kann ja ruru fragen, ob er für mich absagt. Das macht er bestimmt. Das klingt sehr okay.
Ich wische meine Tränen weg und kann wieder reden.

Sie fragt, ob sie noch irgendwas machen kann, damit ich besser gehen kann. (Mir fällt der Wortlaut nicht mehr ein. Eben, damit es mir besser geht, damit ich gehen kann.)
Ich hasse diese Frage. Das weiß sie nicht. Ich hasse sie, weil es klingt, als wäre ich zu lebensunfähig, um ein Haus zu verlassen, nur weil ich weine. Wir haben schon Häuser verlassen, nachdem wir vergewaltigt wurden. Warum zur Hölle sollte es jetzt so unmöglich sein zu gehen?
"Ähm", mache ich. Ich könnte natürlich sagen, dass Sie die Stunden streichen soll. Das würde helfen. Das kann ich mit Sicherheit nicht sagen. 'Nichts, worüber ich gerade reden kann', klingt nach einer geeigneten Antwort.
Meine Stimme will schon wieder nicht mehr antworten.
Das Ticken der Uhr zeigt mir eindrucksvoll, dass wir schon zwei Minuten überzogen haben wegen meiner Unfähigkeit zu reden. 'Warum ist hier eigentlich eine tickende Uhr?', frage ich mich plötzlich. Das hält doch jedem dauerhaft vor, dass die Stunde gleich vorbei ist. Wegen so was sind zwei Stunden pro Woche wichtig. Und generell, für Leute mit Filterproblemen ist das auch nicht gut.
Sie sagt irgendwas, das ich nicht höre. Ich höre nur Tick, Tack und die wachsende Verzweiflung darüber, dass ich schon wieder nicht mehr reden kann. Ich will doch nur gehen. Es war doch vorhin okay. Warum stellt sie mir Fragen?
Sie redet weiter. Irgendwas. Keine Ahnung. Ich finde es erstaunlich, dass nie jemand merkt, wenn ich nichts mehr hören kann, obwohl alle wissen, dass es vorkommt. "Wir können die Stunden auch streichen", schafft es wieder in meine Ohren. Ich schaffe es, zu nicken. Dann ist alles weg. (Wir sind gegangen. Ich erinnere mich nur eben nicht.)

Jetzt sind wir Zuhause und haben unsere gesamte To-Do-Liste abgearbeitet, um nicht über die Therapie nachdenken zu müssen. Aber im Endeffekt muss man sich ja damit beschäftigen. Da ist gerade so ein Gefühl von "wir haben so unglaublich viel gesagt, eine so unglaublich lange Mail geschrieben, wo wir beim Schreiben auch mehrmals gewechselt sind, weil es so unglaublich stressig war und es wurde einfach nichts davon verstanden". In der gesamten Mail ging es darum, wie es sich von normalem Missbrauch unterscheidet, wenn man von seinem Therapeuten missbraucht wird (im Bezug auf Therapie jedenfalls). Und dann meinte Sie, sie behandelt es ganz genauso. Missbrauch ist Missbrauch. Kaputtes Vertrauensverhältnis ist kaputtes Vertrauensverhältnis. Als hätte die Mail einfach nie existiert.
Sie ist so nett damit umgegangen, dass jedes Wort, das wir geschrieben haben, einfach komplett unverständlich für sie ist. Ich wünschte, sie hätte uns angeschrien oder gesagt, dass wir ganz definitiv keine vernünftigen Entscheidungen treffen können oder dass sie total enttäuscht oder wütend oder sonst irgendetwas auf uns ist, wo man hätte sagen können: "Ja. Das ist kein gutes Verhältnis."
Es ist ein gutes Verhältnis.
Nur eben keins, in dem tatsächlich verstanden wird.
Dabei scheint es so offensichtlich für mich. Dass alles anders sein muss, wenn die Erfahrungen mit Therapie Gaslighting und sexueller Missbrauch sind. Nur ist es das scheinbar nicht. Und das ist nichts, was ich auch nur ansatzweise erklären kann.

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