Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Freitag, 26. März 2021

#44: Erlebniswelten

Ich fand es immer schrecklich, für vollkommen alltägliche Sachen gelobt zu werden. Es wäre so toll, dass wir unser Leben auf die Reihe bekommen, dass wir uns um Behördensachen kümmern können, dass wir es schaffen, uns Therapie zu suchen, dass wir zum Orthopäden gehen und ihm sagen können, dass er uns jetzt Physiotherapie verschreiben wird, weil 'abwarten und Tee trinken' nicht hilft und Sport wichtig für uns ist, dass wir Freundschaften schließen können (nicht, nach allem, zu misstrauisch dafür sind), dass wir vertrauen können, dass wir Stress einigermaßen selbst regulieren können.

Jede Bewertung, die wir in unserem Leben erhalten haben, orientierte sich an psychisch gesunden, körperlich gesunden Menschen, die so viel besser als wir waren. Es ist lächerlich, uns dafür zu loben, dass wir unseren Scherbenhaufen von Leben irgendwie zusammen halten, dachte ich. Wir schaffen es nur, uns um den Behördenkrams zu kümmern, weil es immer überwältigender wird bis es so viel Stress ist, dass Skye rausgetriggert wird, die als einzige organisationsfähig ist und Liste um Liste erstellt, mit der wir es irgendwie abarbeiten können. Wir haben ein halbes Jahr zu viel gebraucht, um die Hilfe einzufordern, die uns zustellen sollte. Wir haben immer noch keinen Therapieplatz, obwohl wir längst zwei hätten haben können und in zwei Wochen ist zwar quasi der Beginn der zweiten Therapie, aber um ehrlich zu sein, bin ich mir extrem unsicher, ob wir nicht vielleicht noch viel, viel länger suchen müssen werden (hört man immer wieder, wir sind zu viel, zu viel, zu viel). Dank Corona sind wir mittlerweile so sehr von Menschen dissoziiert, dass wir sie gar nicht mehr wirklich als Wesen mit Gefühlen wahrnehmen. Wir sind ganz alleine auf der Welt. (So kann man keine vernünftigen Freundschaften führen.)
Ich war so darauf fixiert, dass ich unfähig bin, weil mir so viele Sachen so schwerfallen oder unmöglich sind, die andere Menschen (psychisch, körperlich gesunde Menschen) einfach so nebenbei in ihrem arbeitsgefüllten Alltag machen, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie fern das eigentlich von mir war, was für ein einfach eingepflanzter Gedankengang.
So vieles in unseren Gedanken ist nur da, weil wir es wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder gehört und erlebt haben. Es ist nicht gut genug, dass wir x Minuten joggen können (damals, als wir noch vernünftig laufen konnten), das wäre normal, nicht gut genug, dass wir Anträge und alles auf die Reihe bekommen, weil wir nahezu jedes mal die Frist überschreiten (die glücklicherweise niemanden interessiert), nicht gut genug, dass wir 150 Therapeuten abtelefoniert haben, immerhin haben wir noch keinen Therapieplatz, nicht gut genug, dass wir Stress zumindest halbwegs abfedern können, immerhin sagen wir immer noch jede zweite Verabredung, die wir haben, ab, weil wir zu gestresst sind.

Ich bin so wütend, seit 2018. Normalerweise lernen Menschen in der Pubertät ihre eigenen Grenzen zu verteidigen und für sich einzustehen. Uns wurde das einfach weggenommen. Wir durften keine Grenzen haben, keine Bedürfnisse, keine Gefühle. Nicht mit 2, nicht mit 12 und auch nicht mit 22.
Aber mit 70% Lungenfunktion kann niemand erwarten, dass man eine normale Ausdauer hat, selbst dann nicht, wenn man fünf mal pro Woche Sport macht. Nach 50 Vergewaltigungen kann niemand erwarten, dass man noch vernünftig mit Stress umgehen kann. Nach Therapeutenmissbrauch kann niemand erwarten, dass man einfach so eine Therapie anfangen kann, in der immer noch ein Machtgefälle vom Therapeuten aus besteht.
Es erwartet auch niemand. (Außer die Therapeuten, für die es wahnsinnig schlimm ist, dass man ihnen das Machtgefälle wegnehmen will, schließlich wäre das ja normal, so funktioniert Therapie eben.) Es ist unser eigenes beschissenes Erleben, was das sagt. All die Leute, die es so wahnsinnig toll fanden, sich auf eine höhere Ebene zu stellen, weil es so einfach war, weil wir schon viel zu tief unten waren.

Ja. Wir sind verdammt komplizierte Menschen. Ich stelle es mir wirklich nicht einfach vor, mit uns befreundet zu sein. Es ist bestimmt stressig. Manche Menschen gehen deswegen. Das ist vollkommen okay. Grenzen & so. Was nicht okay ist, ist die Aussage, dass wir dafür falsch sind. Ich will nicht mehr so denken.
Wenn man 50 mal vergewaltigt wird, dann fängt das Gehirn irgendwann an, ganz anders zu funktionieren. Aber ich will mich nicht mehr hassen, weil andere Menschen mich vergewaltigt haben. Nicht ich. Nicht ich. Nicht ich.

Ich habe angefangen, Pluralpronomen zu benutzen. Einfach so. Egal wo. (Ausnahme Behörden/Arztbesuche etc., weil ich da nicht noch  mehr diskriminiert werden möchte.) Unsere Existenz sollte nicht totgeschwiegen werden müssen, nur weil es für andere Menschen verwirrend ist. Oder weil andere Systeme sagen, das ist nicht, wie Systemsein funktioniert. Es ist mir egal. Ich will nicht mehr in einer Welt leben, in der ich und wir nicht sein dürfen, also lebe ich lieber in einer Welt, wo wir einfach sind und wenn andere Menschen das schlimm finden, dann können sie gerne in ihrer eigenen Welt leben. Wir haben angefangen, "multiple Persönlichkeit" zu benutzen, weil es einfacher erklären kann, warum wir Pluralpronomen benutzen als der Monolog über eine dissoziative Identitätsstruktur, von der niemand weiß, was zur Hölle das sein soll. Wir sind nicht Schuld am Stigma gegenüber Systemen, weil wir Begriffe benutzen, die andere Leute für Horrorfilme missbraucht haben. Das war die Entscheidung dieser Menschen. Wir versuchen nur irgendwie leben zu können.

Wisst ihr, es ist eine verdammte Leistung, sein Leben halbwegs auf die Reihe zu bekommen, nachdem man 50 mal vergewaltigt wurde. Oder fünf mal. Oder einmal. Das ist immer noch einmal mehr als die Leute, die sich diese Bewertungen überlegt haben, vermutlich erleben mussten. Natürlich bringt man mit 70% Lungenfunktion keine sportlichen Meisterleistungen. Aber es ist eine Leistung, dass wir es auf 85% geschafft haben. Wegen Sport und weil wir mehr Zeit für Therapie hatten als die arbeitende Bevölkerung. Wir haben ein 1.5-Abi, weil wir unseren Schulleiter selbst überredet haben, eine Ausnahme für die 30% Regel einzuführen. (Für alle, die es nicht wissen: die 30% Regel gilt in Niedersachsen und ein paar anderen Bundesländern und besagt, dass man, wenn man mehr als 1/3 der Schulzeit fehlt, eine 6 im Mündlichen bekommt, vollkommen unabhängig davon, warum man gefehlt hat. Wir haben es damals geschafft einzuführen, dass Fehlzeiten, die durch einen Arzt entschuldigt wurden, nicht dazugezählt werden. Das liegt nämlich im Ermessen der Schule, wie das gehandhabt wird.)
Niemand in unserer Klasse hat die Schule wegen Mathe nicht geschafft und alle waren sich einig, dass es an uns lag. Unsere Klasse hat kollektiv unsere mündliche Note auf eine 1 hochgehandelt, weil sie der Meinung waren, dass wir der halben Klasse Nachhilfe geben, sollte auch etwas wert sein.
Wir waren nie unfähig. Wir sind nur traumatisiert. Und chronisch krank.

Ich weiß, dass niemand das hier liest, der uns unfähig findet, außer wir selbst. Aber es ist mir wichtig, aufzuzeigen, mit was für Startvoraussetzungen wir in jeden Tag starten. Weil es nicht schlimm sein sollte, dass wir mit all dem nicht arbeiten können, aber ist. Weil es nicht schlimm sein sollte, wenn wir Entscheidungen für unsere etwas anderen Bedürfnisse treffen, aber ist. Weil uns so oft zurückgemeldet wird, dass irgendetwas falsch ist, was wir tun, was niemanden betrifft, außer uns selbst.

Beispiel.
In DnD sterben Charaktere, wenn sie tot sind. Das hat den Sinn, dass man seinen Charakter sonst (angeblich; hat niemanden, den wir kennen, je überprüft) wie Wegwerfware behandeln würde, wenn er ohnehin am nächsten Tag wieder aufsteht. Für uns ist das aber schlimm. Also, richtig schlimm. Wir haben zu viel Verlusttrauma für die Menge an emotionaler Bindung, die wir in unsere Charaktere stecken. Also haben wir etabliert, dass unsere Charaktere nicht sterben, sondern nur für die Kampagne weg sind, vielleicht schwer verletzt, wer weiß das schon so genau, aber wir können sie eben zu einem späteren Zeitpunkt zurückholen. Glücklicherweise können wir unsere Charaktere gut genug von uns dissoziieren, dass wir sie spielen können, als würden sie in so einer Situation sterben. Weil sie ja nicht wissen, dass sie überleben.
Jedes mal, wenn wir das erwähnen, entsteht eine Diskussion darüber, dass wir das nicht machen können. Das wäre ja schlimm für andere Spieler. Dann können die gar nicht richtig traurig sein, wenn unser Charakter plötzlich weg ist, sie lebt ja immerhin noch. (Spoiler: wir haben gerade unsere Druidin aufgehört zu spielen und alle waren traurig. Obwohl sie sehr gesund und nicht tot ist und sich einfach nur um einen Wald kümmert, der etwas weiter weg ist. Hm...) Oder wir können es so nicht machen, weil das nicht ist wie das Spiel funktioniert. (Aber unserer Homebrew-Ranger ist scheinbar wie das Spiel funktioniert. Seltsam. Und ich dachte, den hätten wir selbst geschrieben, weil wir etwas bestimmtes haben wollten, dass in DnD aber so gar nicht existierte... so wie alternative Todesregeln. Aber nein, die sind schlimm.)

Man nimmt immer sich selbst als Referenzwert für andere Menschen. Das funktioniert im Durchschnitt halbwegs gut, weil man sich im Durchschnitt eher mit Menschen umgibt, die einem halbwegs ähnlich sind. Aber es sollte auch wichtig sein, dass Menschen eben anders funktionieren. Das betrifft ja nicht nur uns. Bei uns ist es nur auffälliger, weil wir extrem wenig Menschen kennen mit derselben neurologischen Abweichung, die uns ähnlich sind. Also bekommen wir ständig mit wie grundsatzfalsch wir in dieser Gesellschaft sind.
Bei den meisten unserer Freunde heißen wir gegenüber anderen Menschen (zum Beispiel Eltern) Melanie und sind Singular. Niemand möchte in einer vollkommen normalen Konversation erklären müssen, warum er jetzt Pluralpronomen benutzt und sich die Namen ständig ändern. Vielleicht wollte man nur kurz erzählen, dass man ein flauschiges Gespräch mit uns hatte. Aber man hatte eben kein flauschiges Gespräch mit Melanie, sondern mit uns. Oder vielleicht mit jemand bestimmtem. Vielleicht mit Lana oder Ivy oder Dawn oder Skye oder oder oder. Es ist unsere Normalität. Sie sollte auch anderswo normal sein dürfen. (Weil Systeme existieren. Weil Missbrauch existiert. Weil alles viel zu sehr totgeschwiegen wird, nur weil es kompliziert ist.)
Nur so zum Nachdenken. Wir erwarten von niemandem, dass sie Aufklärungsgespräche für uns führen. Aber man sollte sich zumindest im Klaren darüber sein, was man da tut und warum.

Es sollte nicht so negativ behaftet sein, seine eigenen Abweichungen zu kommunizieren. Jeder Mensch weicht auf irgendeine Art von anderen ab. Manche eben mehr und manche weniger. Aber es ist wichtig, eine Grundlage zu schaffen dafür, wie andere Menschen einen verstehen können. Sonst hat man Missverständnis um Missverständnis und niemand versteht genau, warum eigentlich. Sonst hat man einen Haufen verletzende Bemerkungen, die eigentlich nett gemeint waren.
Das bezieht sich übrigens nicht nur auf die Menschen, die abweichen von der Norm. Wir haben nicht eine alleinige Verantwortung uns zu erklären, weil wir eine andere Grundlage haben. Es wäre für jeden Menschen hilfreich mehr über sich selbst zu wissen und das auch zu kommunizieren. (Auf welcher Ebene kommuniziere ich? Wie nehme ich Zuneigung war? Was sind meine Werte? Wo liegen meine Grenzen? Was überfordert mich?)
Das ist nichts, was Muss. Niemand muss sich der Welt erklären. Ablehnung existiert überall. Es würde nur trotzdem enorm viel vereinfachen.

Ich hab es satt, so zu tun, als wäre ich irgendeiner Norm zugehörig, nur um keine Ablehnung zu erfahren. Wen interessiert schon, was andere Menschen denken, wenn ich einfach so Pluralpronomen benutze. Vielleicht denken sie ja, dass ich eine Familie habe und von mir und meinen Kindern rede. Ich glaube nicht, dass so viele Menschen denken "oh, die benutzt Pluralpronomen, die ist total gestört". Vielleicht fragen manche Menschen nach. Vielleicht kann es einfach normaler werden, dass Systeme existieren. Ich will mich nicht die ganze Zeit verstecken.

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