Für den gesamten Blog gilt eine Triggerwarnung für so ziemlich alles, was mit Trauma zu tun hat.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Montag, 24. Mai 2021

#57: Konfetti und Liebe

Vielen Menschen, die wir kennen, die traumatisiert sind, fällt Vertrauen unglaublich schwer.
„Wenn du erst einmal richtig verletzt wirst“, hat unsere Mutter immer gesagt, „dann wirst du auch misstrauischer werden.“ Wie wenig Ahnung sie hatte. Von all den Verletzungen.
„Du bist viel zu gutgläubig“, sagten (fast) alle unsere Freunde. „Irgendwann wird dir jemand deswegen wehtun.“ Irgendwann. Als wäre das nicht alles schon geschehen.

Es gibt misstrauische Innenpersonen hier.
Ránne denkt, jeder Mensch wird „ihr“ Kind verletzen - sie beschützt ein bestimmtes, traumafreies Innenkind bei uns. Rinea vertraut ohnehin niemandem und hält alle auf Abstand. Skye sucht Distanz zu Menschen, weil sie meint, dass sie ohnehin niemand mag, dauerhaft, ein Beschützer hatte Ti (irgendwann letztes Jahr) in der Innenwelt eingesperrt, weil er der Meinung war, mein Freund würde sie sonst vergewaltigen. Sehr viele Personen hier haben sehr oft Angst, von irgendjemandem vergewaltigt zu werden.
Und dann bin da ich.
Verletzt und verletzt und verletzt und unerschütterlich schmeiße ich jedem mein Herz entgegen, der es haben will. Wirklich jedem? Nein. Bei manchen Menschen habe ich ein so ungutes Gefühl, dass ich einen großen Bogen um sie mache. Es gibt Menschen, die nicht mal kleine Grenzen beachten. Wie sollten sie dann unsere Grenzstummheit verstehen, selbst wenn es ihnen nicht einfach egal ist?
Aber das sind einige, wenige. Alle anderen bekommen mein Herz und was ich sonst noch alles an metaphorischen Dingen zu bieten habe.
Dawn macht mit. Ja. Dawn, unsere Beschützerin. Schmeißt ihr eigenes Herz jedem Menschen hin, den sie einigermaßen mag und lässt jeden hier, der möchte, dasselbe tun.
All die Kinder vertrauen nicht blind.
Viele haben gelernt: wem Melanie, jetzt Lana, vertraut, der ist in Ordnung, andere nicht.
Andere Kinder aus anderen Systemteilen haben vermutlich andere Vertrauensvorbilder.

Jede zwischenmenschliche Beziehung hier ist ein Vertrauensüberfluss.
Aber warum? Warum, warum, nach all den Schmerzen?
Genau gegen die Schmerzen.
Menschen sind nämlich nicht böse. Die allermeisten Menschen würden einem niemals absichtlich ernsthaft wehtun. Klar, sie sagen vielleicht mal was Unflauschiges, aber sie würden einen nicht plötzlich psychisch kaputtmachen oder missbrauchen. Wenn ich verletzt werde, trage ich das Trauma, aber es war nur eine von hundert Personen, die mein Vertrauen nicht ausgenutzt haben.
Ich kann die Menschen nicht abzählen, denen ich schon vertraut habe. Aber verletzt, absichtlich und ernsthaft, wurden wir davon von kaum jemandem.

Zu gutgläubig.
Wie gutgläubig kann ich sein, wenn ich so gut den schlechten Menschen in meinem Leben ausweiche?

Zu nett.
Auch wenn ich weiß, was damit gemeint ist, möchte ich jeden anschreien, der diesen Satz sagt: Ach ja? Soll ich lieber gemein werden? Ein grauenvoller Mensch sein? Dich den ganzen Tag vergewaltigen?
Denn zu nett existiert nicht.
Grenzen nicht verteidigen können hat nichts mit nett sein zu tun.

Zu positiv.
Ach ja. Die Ironie in diesem Satz. Ich habe mir geschworen, mit der nächsten Person, die das sagt, werde ich nur noch über alles Negative in meinem Leben reden. Bin ich dann negativ genug?
Wozu brauchen wir das überhaupt? Entschuldigung, dass ich ein Stück Licht in dein Leben bringe.

Jeder Mensch ist im Grundsatz vertrauenswürdig.
Ich möchte, dass die Welt eines Tages aufhört, mich wie eine aussätzige Überlebende zu behandeln.
Oh Gott, sie wurde vergewaltigt und kann noch vertrauen. Eindeutig verwirrt dieses Kind, wir müssen ihr helfen.
Selbst eine Psychologin hat mich gefragt, ob ich allen ernstes ein erwachsener Anteil bin. „Aber Sie wirken so kindlich!“ Was für ein trauriges Geständnis an die Welt. Wenn nur Kinder lächeln und vertrauen dürfen, trotz des Traumas.

Ich will auf etwas hinaus.
Vertrauen ist nicht inhärent falsch, nur weil man verletzt wurde. Das weiß jeder, der trotzdem mindestens einen Freund oder eine Freundin hat.
Vertrauen ist auch nicht inhärent schwierig. Vertrauen ist Übungssache.
Und viele traumatisierte Personen beschließen, dass Vertrauen schlecht für sie ist und machen es nur noch ganz selten und dadurch wird es schwierig. Und das ist vollkommen in Ordnung! Wirklich. Ich verstehe jeden, der nach so viel Trauma misstrauisch wird.

Aber es gibt eine andere Seite von Traumareaktion.
Auf der man verzweifelt jedem Menschen seine Liebe, sein Vertrauen, sein Alles schenkt, um bloß einmal jemanden zu treffen, der einem nicht wehtut.
Und ich habe getroffen. So, so viele Menschen. Die anderen waren immer dabei.
Und deshalb wissen wir eine unerschütterliche Wahrheit: nicht jeder Mensch ist böse.
Vertrauen ist in Ordnung.
Es ist kein Widerspruch. So viel Leid noch Hoffnung entgegenzustellen.

2 Kommentare:

  1. Danke für diesen Beitrag.. ich schrieb dir vor einiger Zeit schonmal ein Kommentar, denke ich.
    Wieder hat es mir sehr geholfen, deine Sicht der Dinge dazu zu lesen. Vieles verstehen wir wie eins zu eins. Wenn ich deine Worte in mir aufsaugen darf, fühle ich mich weniger verloren und isoliert. Durcheinander ja, oft. Manchmal ständig. Ich schätze deinen Blog. Vielen Dank, Eisi

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    1. Das klingt sehr schön & freut mich total! ♥
      Muss trotzdem eine kleine Korrektur machen: *euer Blog.
      Momentan schreib ich fast alle Texte, weil wir gerade aus irgendwelchen Gründen viel weniger Wechseln, aber der Blog ist trotzdem weiterhin ein "Projekt des gesamten Systems" (sozusagen). :)

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