Auf diesem Blog geht es um Trauma, Traumafolgestörungen und unser Leben damit.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Dienstag, 7. Dezember 2021

#78: Donut Hole II

Aufmerksame Leser werden mitbekommen haben, dass wir in unserer Freizeit gerne Liedtexte schreiben, beziehungsweise eher übersetzen (tatsächlich selbst schreiben nicht so super viel - Melodien und Liedaufbau sind kompliziert) und ich bin zwar grundsätzlich immer sehr stolz auf fast alles, was wir da so fabrizieren, aber wir trauen uns extrem selten, irgendwas davon zu veröffentlichen, weil, sobald das im Raum steht, geht es Innen so los: „Aber eigentlich ist das ja voll schlecht, diese eine Zeile ist nicht perfekt, also ist das ganze Lied eigentlich Müll, das will man ja echt nicht irgendwo öffentlich haben.“
In letzter Zeit haben wir versucht, ein bisschen mehr von dem, was wir so machen, (semi-)öffentlich zu machen und da wir gerade einen Text geschrieben haben, auf den ich extrem stolz bin (vor allem, weil wir das Lied vor drei Jahren schon mal versucht hatten und absolut nicht hinbekommen haben), dachte ich, das wäre doch mal ein geeigneter Zeitpunkt, um die Abwesenheit von Liedtexten hier zu ändern.
An der Stelle möchte ich trotzdem anmerken: falls irgendjemand Aufklärungstexte vermisst, von denen wird es immer weniger geben. Weil, wir haben ziemlich viele Themen, über die wir schreiben wollten, bereits durch, dann gibt es ein paar Texte, die aber gewisse Innenpersonen schreiben müssen/wollten, die selten draußen sind (demnach wird das noch dauern) und ab und zu tauchen natürlich mal neue Sachen auf und wir werden auch in Zukunft mal den einen oder anderen alten Text neu schreiben (weil wir inzwischen teilweise natürlich Sachen besser verstehen und erklären können), aber es wird eben nicht sonderlich viel sein. Demnach wird es viel mehr einfach um unser Leben gehen. Und zu dem gehören auch Liedtexte!

So, jetzt habe ich aber viel geredet. Das Lied, um das es geht, heißt 'Donut Hole', es ist von Hachi (so heißt der Produzent), aber es ist ein Vocaloid-Lied „von“ Gumi ... ich weiß die korrekten Begriffe da nicht, wir hören eigentlich kaum Vocaloid. Wir kennen nur das Lied von einer Cover-Sängerin und fühlten uns dem Text sehr verbunden.
Die Original-Version (mit englischen Untertiteln) ist im letzten Post verlinkt, also verlinken wir an dieser Stelle mal eine wunderschöne, langsamere Cover-Version.

Woher kommen plötzlich diese Bilder, die
sich vollkomm' unerwartet durch meine Gedanken zieh'n?
Das ist nicht mein Leben, oder? Kann es sein,
dass dieses eine Bild mir irgendwie nicht fremd erscheint?

Versuch's nochmal, noch hundert mal, doch
bloß ein Gesicht erscheint in meinem Kopf.
Keine Informationen, nichts, niemand an
den ich mich durch dieses Bild wieder erinnern kann.

Um den Erdball laufen Schienen, die
es immer schneller weiter Richtung Morgensonne zieht.
Jedoch brauchen wir diese nicht auf der Jagd
nach unseren Wünschen, immer weiter dem Mondschein nach.

Versuch's nochmal, noch tausend mal, doch
bloß dein Gesicht erscheint in meinem Kopf.
Regen vermischt sich mit den Tränen, die ich
plötzlich weine, denn ob du überhaupt lebst weiß ich nicht.

Irgendwo tief in mir fühle ich, dass du mir nie
böse wärst, dass ich mich an nichts erinnere von dir.
Trotzdem raubt es mir Schlaf. Fast kann ich hör'n wie du lachst.
Doch wie ein Traum entgleitet mir, was ich verloren hab.

Ich zähle, was ich fühle. Ich liste es auf.
Nur so begreife ich, dass ich nicht weiß, ob ich 'Wärme' je gespürt hab.
„Leb wohl, niemals wieder werden wir uns seh'n.“
Zumindest ist das, was ich denke; ein Gefühl, das in mir nachhallt.
„Warum kann ich nicht lächeln?“ ist die Frage, die mich zerreißt.

Mein Leben fühlt sich wie ein Donut an:
ein Loch, in dem nichts fehlt, das ich je beweisen kann.
Niemand kann sagen, ob dort jemals war,
was ich jetzt sehe, denn du fehlst nicht, du bist nur nicht da.

Versuch's nochmal, noch hundert mal, doch
bloß dein Gesicht erscheint in meinem Kopf.
Eine weit're Nacht find ich keinen Schlaf,
gefangen frag ich mich, wo du in meinem Leben warst.

Kann es wirklich so sein, dass manchmal nichts mehr verbleibt?
Wartet man ewig bis man feststellt, dass sich nichts je zeigt?
Diese Hoffnung werd ich aus meinem Leben verbann,
stattdessen such ich etwas, was das Loch in mir füll'n kann.

Ich zähle, was ich fühle und was ich vergaß.
Nur so begreif ich: ich weiß nicht, ob ich deine Stimme je gehört hab.
„Leb wohl, niemals wieder werden wir uns seh'n.“
Zumindest ist das, was ich denke; ein Gefühl, das in mir nachhallt.
„Warum kann ich nur weinen?“ ist die Frage, die mich zerreißt.

War irgendwas von dir jemals wirklich real?
Das Loch in meinem Herzen schreit mich an, die einzige Stimme, die „Ja“ sagt.
Wenn nichts dort existiert hat, warum ist es dann leer?
Mein Herz in Scherben, es verbleibt nichts, man kann nicht zu Nichts zurückkehr'n.

Ich zähle, was ich fühle. Ich liste es auf.
Nur so begreife ich, dass ich nicht weiß, ob ich 'Wärme' je gespürt hab.
„Leb wohl, niemals wieder werden wir uns seh'n.“

Dennoch erreicht mich ein Gedanke, nur ein Wort, das in mir nachhallt,
ich öffne meine Augen für die Hoffnung, die mich antreibt,
Hoffnung, die mich antreibt, Hoffnung, die mich antreibt.

„Ich erinnere mich, du heißt -“

Montag, 6. Dezember 2021

#77: Donut Hole

Irgendjemand hat gesagt, was du gemacht hast, war okay, weil es mir hoffentlich gezeigt hat, dass man „Menschen im Internet“ nicht einfach so vertrauen kann, dass ich hoffentlich weniger naiv geworden bin, dass sie dasselbe bei ihrer Schwester in kleiner gemacht hat; das sei ein Liebesbeweis in dem Fall, weil sie in Kauf genommen hat, ihre Schwester zu verletzen, damit es niemand anders viel mehr tut.
Dass das nicht stimmt, weiß ich. Liebe kann nie eine Rechtfertigung für irgendetwas sein; erst recht nicht dafür, jemanden absichtlich zu verletzen, weil man selbst entschieden hat, dass das so besser für die Person ist. Das ist Täter-Dynamik. Man kann niemanden beschützen, indem man ihn verletzt. Das ist bloß Rechtfertigung des eigenen Missbrauchs.
Ich weiß das. Es war nur irgendeine fremde Person, mit der ich nichts zu tun habe.
Es fühlt sich an, als hätte jemand mich in tausend Teile zerschlagen.

Dass du nicht existierst, verschwindet nicht. Ich dachte, ich fühle dazu nichts mehr. Ich hab dich nicht mehr erwähnt - warum auch? Es fühlte sich nie wichtig genug an. Deine Nicht-Existenz macht nicht mehr, dass ich Wahnvorstellungen bekomme, jedes mal, wenn jemand mich verletzt. Ich suche dich nicht mehr in jedem falschen Wort einer anderen Person.
Aber es war nicht gut, dass du passiert bist. Es hat einfach nur wehgetan. Vielleicht tut es auch immer noch weh - vielleicht tut es nur jetzt weh, weil irgendjemand sich herausgenommen hat, zu entscheiden, dass so eine Situation jemals positiv sein könnte. Dass man das Menschen antut, als gute Lernmethode. Ich weiß es nicht.

Du existierst nicht. Es ist das Ungreifbarste, was jemals in meinem Leben war.

Ich zähle, was ich fühle und was ich vergaß.
Nur so begreif ich: ich weiß nicht, ob ich deine Stimme je gehört hab.
„Bye Bye, niemals wieder werden wir uns seh'n.“
Zumindest ist das, was ich denke; ein Gefühl, das in mir nachhallt.
„Warum kann ich nur weinen?“, ist die Frage, die mich zerreißt.

War irgendwas von dir jemals wirklich real?
Das Loch in meinem Herzen schreit mich an, die einzige Stimme, die 'Ja' sagt.
Wenn nichts dort existiert hat, warum ist es dann leer?
Mein Herz in Scherben, es verbleibt nichts,
man kann nicht zu Nichts zurückkehr'n.

[Übersetzung von uns. Original: Hachi.]

Donnerstag, 2. Dezember 2021

#76: Missbrauchsschleifen

Wir hängen in einer Missbrauchs-Schleife fest.
Wir werden nicht missbraucht, aber wir ignorieren jede Woche unsere Bedürfnisse.
Seit Tag 1 der Ergotherapie, wo es hieß, dass wir keine Therapie machen und nicht über Trauma reden, aber dann komplett über unseren Extherapeuten ausgefragt wurden, ob wir ihn angezeigt haben, wie er heißt, was alles passiert ist, wusste ich, dass unsere Grenzen mit Füßen getreten werden. Es hieß zwar „Sie müssen nicht darüber reden, wenn Sie nicht wollen“, aber es hieß auch:
„Also möchte Ihre Therapeutin Arbeit abgeben“, als hätten wir selbst keine Entscheidungsfreiheit.
Es hieß auch: „Oh, so akut ist das noch.“
Als wäre Trauma jemals nicht akut.
Warum sind wir nicht sofort gegangen?
Ich habe in mir selbst gerechtfertigt, dass ich das schon ansprechen werde, dass das so nicht geht, dass man solche Fragen nicht an Tag 1 stellt, dass wir sehr wohl über Trauma reden und Therapie machen, denn an jedem Ort, den wir besuchen, an dem ein:e Therapeut:in irgendeine Art von Machtposition hat, findet Traumatherapie statt.
Es findet so viel Angst statt.
Blyth ist überall.
Wir können es nicht totschweigen.
Aber irgendwie hat die Überraschung darüber, dass es uns so doll belastet, alle Worte zerschlagen.
Als könnte man einfach von seinem TherapeutenErsatzvaterFreund-Waszurscheißeauchimmer vergewaltigt werden und vier Jahre später wäre es einfach vorbei.
„Wir reden nicht über Trauma.“
Wir reden nicht über Übergriffe.
Denn Übergriffe sind böse.
Und sie finden bestimmt nicht hier statt.
In diesem traumafreien Raum.

„Wir reden hier nicht über Trauma.“
Stattdessen werde ich gefragt, ganz beiläufig, ob Corona eigentlich belastend für mich ist, so als Risikogruppe. Normalste Frage der Welt. „Hey, wie fühlt es sich eigentlich so an, in Lebensgefahr zu sein?“
Aber Trauma? Das hat hier keinen Platz.
Dass ich am meisten Angst vor den Tests habe, habe ich gesagt. Ich habe, aus Traumagründen, ein so heftiges Problem mit Stäbchen in irgendwelchen Körperöffnungen. „Also, wir lassen uns hier ja regelmäßig testen in der Praxis. Ich kann Ihnen versichern, das ist überhaupt nicht schlimm und tut auch überhaupt nicht weh, zumindest die Schnelltests.“
Gaslighting.
Denn es ist schlimm.
Es ist Trauma.
(Das hier nicht existiert.)
So verdammt viel davon.
(Aber darüber reden wir nicht.)
Und es ist eine Lüge. Es tut weh. Wir haben einen Test gemacht, vor vier Wochen.
(Und davor, danach und am nächsten Tag auch noch geweint.)

Wir wurden angelogen.
Denn am Telefon habe ich gesagt, dass wir eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung und eine dissoziative Identitätsstörung haben und deshalb gerne Ergotherapie möchten.
In der Praxis arbeiten drei Personen mit DIS-spezifischen Fortbildungen.
Dass wir bei keinem davon gelandet sind, ist okay.
Aber: es wurde nie kommuniziert. Ich hab in der ersten Stunde nochmal die DIS erwähnt. Und in jeder Stunde danach. Und es wurde nie gesagt: „Um ehrlich zu sein, ich kenne mich damit nicht so gut aus.“
In jeder Stunde habe ich andere Innenpersonen erwähnt. Weil wir wir sind. Und nicht ich. Und das wichtig ist. Und es Alltag ist. Und nicht einmal wurde gefragt: „Was genau ist eigentlich gemeint mit 'Innenpersonen'?“
Also nahm ich an, es wäre klar. Auch wenn ich uns nie als System gesehen fühlte. Ich dachte, das liegt daran, dass ein Bewusstsein darüber existiert, dass das teilweise schwierig für Alltagspersonen sein kann. Und dann habe ich erwähnt, dass ich in meinem Kopf mit anderen Innenpersonen rede. Und es wurde gefragt, ob das eine Psychose ist.
Und ich versteh nicht, ich versteh wirklich nicht, warum ich nicht aufgestanden und gegangen bin. Denn niemand von uns ist eine Halluzination. Das weiß man, wenn man sich mal fünf Minuten lang damit beschäftigt hat, was eine DIS ist.
Wir haben Ergotherapie seit Anfang Oktober.
In zwei Monaten waren wir nicht fünf Minuten wert.

Vielleicht kann man sich darüber streiten, ob es eine Lüge ist, etwas nicht zu sagen. Oder davon auszugehen, dass es nicht wichtig ist. Oder generell einfach nicht klar zu kommunizieren. Bestimmt sogar.
Aber in jedem Fall ist es ein Vertrauensbruch.
Nicht zu verstehen und trotzdem nicht zu fragen, als Therapeut.
Weil man denkt, dass man Dinge weiß - das unterstelle ich -,
von denen man absolut keine Ahnung hat.

Es ist glasklar offensichtlich für mich, dass wir nicht gut behandelt werden.
Und ich komme nicht weg.