Auf diesem Blog geht es um Trauma, Traumafolgestörungen und unser Leben damit.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Freitag, 20. Mai 2022

#100: DIS-Diagnostik & Hilfe

„Fühlen Sie sich denn ausreichend behandelt, in Ihrer ambulanten Therapie?“
„Nein. Aber ich weiß nicht, was es Besseres geben sollte.“
„Es gibt hier im UKE auch die psychiatrische Institutsambulanz, falls Sie mehr Hilfe benötigen.“

Die psychiatrische Institutsambulanz, wo einem DIS-Experten sagen, dass man in eine Klinik gehen muss, damit man beobachtet werden kann, damit sichergestellt werden kann, dass man wirklich eine DIS hat.
Geile Hilfe.
Bitte ergötzt euch am Schauspiel unseres Lebens.
Wie gut können wir unauffällig sein?
Reicht es dafür, dass uns unsere Diagnose wieder abgesprochen wird?
Bitte  b e o b a c h t e t  ganz genau,
wie ungesehen wir spielen können,
zieht unsere Seele aus.
Ob wir schon genug ausgezogen wurden, um eine DIS zu entwickeln?
Genug gefoltert,
genug missbraucht,
genug nicht aufgefangen?
Aber ihr fangt uns sicher auf, in:
„Wenn du dir wehtust, fliegst du raus.“
„Wenn du sterben willst, sperren wir dich ein.“
Unsere Pflicht auf körperliche Unversehrtheit,
mit der uns jedes Recht genommen werden kann.
Unser Körper gehört jetzt also euch und nicht mehr „Tätern“. Wo liegt der Unterschied?
Vielleicht zwischen den Zeilen des DIS-Fragebogens, den wir inzwischen schon zwei mal ausgefüllt haben. Aber was schadet ein drittes mal, viertes mal, fünftes mal? Ich meine, da könnte doch noch was versteckt sein - wir könnten doch doch noch eher schizophren sein - oder borderline - oder was ist, wenn unser Therapeut Komplexe hatte und einfach jedem kindheitstraumatisierten Menschen eine DIS diagnostizieren wollte? Ja, ja, manche Therapeuten sind nämlich gar nicht so gut und lügen oder gaslighten oder manipulieren oder - aber hier doch nicht. Hier ist alles sicher. Genauso wie in der letzten Klinik, wo du -
nein, warte -
missbraucht wurdest?
Okay, das passt jetzt irgendwie nicht so in den Plan.
Ja, aber...
wir können dir hier bestimmt voll helfen, so Stabilisation machen, während du jede Nacht nicht schlafen kannst, weil dein gesamtes System davon überzeugt ist, dass dich irgendjemand hier vergewaltigen wird,
ich mein, das System kann ja nicht überzeugt sein, wenn wir noch nicht mal sicher wissen, ob es eins gibt!
Deshalb musst du ganz unbedingt dringend in unseren Zoo, äh, ich meine Hilfsanstalt.
Also schon, aber nein, irgendwie doch nicht, eigentlich sind wir gar nicht zuständig, eigentlich ist diese andere Klinik zuständig, die bei dir direkt um die Ecke, also zwei Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln, entfernt ist, die kennen sich auch gut mit DIS aus, die können auch gut, Leute, die ihr gesamtes Leben unter den wachsamen Augen von Tätern verbracht haben,  b e o b a c h t e n.

Das nennt sich dann Hilfe.
Das hat ganz sicher rein gar nichts mit Macht zu tun.

Donnerstag, 19. Mai 2022

#99: Trauma: Therapie VIII

Ich will nicht mehr in Therapie sein, wenn es ohnehin nur immer eine scheiß Illusion ist von wegen, vielleicht bringt es mir ja was, wenn ich noch einen Monat länger hingehe, vielleicht ändert sich ja was, vielleicht macht es dieses man nicht mein Leben kaputt und im Endeffekt wird einem eh nie zugehört und es ist eigentlich nur scheiße. Und wenn ich etwas will, was mein Leben nur schlechter macht, wo ich durchgehend das Gefühl habe, dass mir niemand zuhört und ich bin trotzdem verpflichtet hinzugehen, warum lasse ich mich dann eigentlich nicht direkt wieder missbrauchen? Es macht keinen Unterschied. Jemand hört einem nie zu, aber verspricht die ganze Zeit, wenn man es nur lange genug versucht, dann ändert sich irgendetwas. Für eigentlich jede Art von Beziehung ist klar, dass das absoluter Müll ist; warum sollte es in der Therapie plötzlich anders sein?
Und dann wird gesagt „Sie müssen ja nicht in Therapie gehen“. Ist wirklich geil diese Freiheit, bei der ich dann alle paar Monate zum Gutachter muss, um zu beweisen, dass ich nicht arbeiten kann und nie meinen Namen ändern können werde und nicht mehr auf Reha fahren darf, weil mir gesagt wird, ich soll erstmal ambulante Therapie versuchen und Menschen davon überzeugt sind, dass ich nicht versuche, irgendwas zu ändern, weil „sonst wärst du in Therapie“. Aber ja, natürlich kann ich mich „freiwillig“ entscheiden, nicht in Therapie zu gehen - ungefähr so freiwillig wie unsere Beziehung zu Blyth war, wir hätten ja auch jederzeit einfach Schluss machen können.

Ich komm nicht darauf klar. Wie Therapeut*innen sich die ganze Zeit als die Ausnahme sehen.
Normalerweise ist es so, dass, wenn man nach einem Jahr noch extrem starke Kommunikationsprobleme hat, obwohl man voll oft miteinander redet, dass eine zwischenmenschliche Beziehung dann irgendwie keinen Sinn macht, weil man offensichtlich irgendwie nicht auf einer Wellenlänge ist? Scheiß egal, in der Therapie funktioniert das bestimmt irgendwann in drei Jahren noch.
Normalerweise ist es so, dass, wenn einem eine zwischenmenschliche Beziehung absolut nichts Positives bringt, man sie vermutlich beenden sollte? Ach, in der Therapie bekommen wir das bestimmt irgendwann in drei Jahren noch hin.

Freunde sagen mir vielleicht mal Bescheid, wenn sie in Urlaub fahren und zwei Wochen nicht erreichbar sind; sagen Treffen ab und entschuldigen sich vermutlich, vielleicht ein bisschen mehr, wenn sie sich selbst hassen. Therapeuten: „Oh, aber ist das wirklich okay für Sie, wenn die Therapie ausfällt? Kommen Sie klar? Brauchen Sie einen Notfallplan für, wenn ich drei Wochen im Urlaub bin?“ Es gibt nichts, was ich mehr hasse. Wie entitled sind diese Leute bitte, dass sie denken, nachdem man sie fünf mal gesehen hat, kommt man ohne sie nicht mehr klar? Ich versteh so was, wenn man schon Jahre in Therapie ist und es einem richtig schlecht geht, ich kenne auch durchaus Menschen, denen es deutlich schlechter geht, wenn deren Therapeut*innen im Urlaub sind oder die sogar für die Zeit oft in eine Tagesklinik gehen, weil sie sonst suizidal werden. Aber in welcher Welt siehst du jemanden ein paar mal und danach ist „Kommst du ohne mich klar?“ eine naheliegende Frage? Wie weit abgehoben muss man sein, dass man Leute, die Hilfe brauchen, so sehr als hilflos sieht, dass man denkt, sie kommen nicht zwei Wochen ohne einen klar?
Wir hatten in unserem Leben genau null Suizidversuche. Wir wurden von unserem letzten (okay, vorletzten) Therapeuten missbraucht. Was denken die, was wir tun, wenn die zwei Wochen wegfahren? Uns in die Luft sprengen?
Auch beliebt: „Nachdem wir über dieses schwierige Thema geredet haben und Sie ein bisschen geweint haben, ist das wirklich okay, dass Sie jetzt nach Hause gehen müssen?“ Nein, bitte rufen Sie die Psychiatrie an. (/s) ??? Nein, ich wurde 22 Jahre lang missbraucht und hab nicht versucht, mich umzubringen, aber jetzt, wo ich mit Ihnen darüber rede, will ich schon sterben?
Es regt mich so doll auf. In was für lofty Wolken leben die?

Samstag, 14. Mai 2022

#98: empathielos II

Ich glaub, ich hab es endlich verstanden. Warum andere Menschen immer weniger bedeuten, warum wir eigentlich nur noch genervt sind und all die negativen Dinge, die wir sonst uns selbst erzählen, jetzt über andere Menschen denken.
Seit über zwei Jahren leben wir nur noch für andere Menschen. Ich finde das so richtig, don't get me wrong. Das ist gerade wichtig. Aber trotzdem ist es eben so.

Die Maskenpflicht belastet uns. Na ja, nicht die Pflicht, sondern die Masken - die Pflicht ist ja teilweise sogar aufgehoben. Wir haben zwar eine Maskenbefreiung, aber realistisch gesehen, haben wir die vielleicht für vier Wochen insgesamt verwendet, an Tagen, wo es wirklich gar nicht ging, den Rest der Zeit tragen wir lieber eine, weil es eben nicht so schlimm ist, dass es überhaupt nicht möglich ist.
Wenn wir Symptome haben, machen wir einen Test, obwohl Stäbchen ein unglaublich großer Trigger für uns sind. Wir treffen uns nicht mit Menschen (außer ruru), verlassen das Haus nicht, wenn wir nicht müssen (außer für Spaziergänge), haben unsere Ernährung und unser Leben komplett umgestellt, damit wir nur noch ein mal pro Woche einkaufen müssen.
Corona haben wir trotzdem bekommen. Und dann haben wir uns für zwei Wochen isoliert. Nur, um zu erfahren, dass das auch falsch war, eigentlich ist man wohl verpflichtet, einen PCR-Test zu machen und wie können wir es wagen, nicht noch mit Corona durch die halbe Stadt für einen Test zu fahren (der uns triggert) und alle Menschen auf dem Weg anzustecken, sondern uns einfach direkt für zwei Wochen zu isolieren?!
Wir machen jede Impfung, obwohl wir jedes mal wochenlang (starke) Nebenwirkungen haben. Weil wir es gewagt haben, das unserer Ärztin zu sagen, wurden wir auch noch fertig gemacht, als hätten wir ihr vorgeworfen, uns vergiftet zu haben, dabei wollten wir nur wissen, ob man was gegen die Schmerzen machen kann.
Ja, sie war vermutlich komplett überarbeitet. Das macht es nicht besser.

Und all das erwähne ich nie, weil ich Angst habe, so scheiße doll Angst, dass Menschen denken könnten, wir wären gegen die Maßnahmen, wenn wir sagen „mich belastet das“. Ich weiß nicht mal, ob das stimmt, das ist vermutlich einfach Trauma, weil ich grundsätzlich davon ausgehe, dass Menschen das schlechtmöglichste von uns denken.
Ich erwarte keinen Preis dafür, dass mir andere Menschen nicht egal sind. Aber wenn ich dann doch mal an einem Tag meine Maskenbefreiung raushole, weil es gerade wirklich nicht anders geht, will ich nicht über den halben Bahnhof angeschrien werden.

Die letzten zwei Jahre waren die beschissensten unseres Lebens. Vermutlich, weil unser gesamter Alltag eigentlich nur noch aus Stress besteht, haben wir durchgehend mit Entzündungen zu kämpfen. Unsere Augen haben beschlossen zu sterben oder so; wenn wir nicht jedes halbe Jahr eine neue Brille in genau der richtigen Sehstärke kaufen, bekommen wir so starke Schmerzen, dass es sich anfühlt, als würde die Sonne (oder irgendein Funken Licht) uns die Augen aus dem Kopf brennen wollen (Lichtempfindlichkeit). Das sind 400€ pro Jahr. (Zum Glück teilen wir uns zumindest eine Sehstärke.)
Wir können keinen Sport mehr machen, machen stattdessen seit einem Jahr beinahe jeden Tag von der Physio verordnet eine Stunde lang Dehnübungen, die nichts besser machen, aber sobald wir damit aufhören, bekommen wir natürlich sofort noch mehr Entzündungen in unseren Beinen. Unser Orthopäde hat uns Bandagen gegeben, die man eigentlich „beim Sport“ tragen soll - wir können ohne sie nicht laufen. Also, Spazierengehen. Oder Stehen. Im Supermarkt, an der Kasse. Wir sind komplett nicht lebensfähig ohne diese Bandagen, die normalerweise Leistungssportler nach einer Verletzung bei ihrem Leistungssport tragen sollen.
Wir geben momentan über 1.000€ pro Jahr für irgendwelche notwendigen (na ja, jedenfalls notwendig dafür, irgendwie Lebensqualität und nicht durchgehend superstarke Schmerzen zu haben) medizinischen Leistungen aus, die wir definitiv vollkommen legal von der Sozialhilfe bezahlen.

Und währenddessen tun wir diese ganze Reihe von Dingen, die unser Leben aktiv schlechter machen, weil sie wichtig sind.
Und am Ende ist es trotzdem nie genug, weil das mit der DIS zu kompliziert ist oder weil es uns zu oft schlecht geht oder weil wir nicht oft genug Sex* haben wollen oder weil unsere Plüschtiere uns wichtiger sind als Menschen und das böse ist oder weil wir es einfach wagen zu existieren und Platz und Raum und Zeit einzunehmen.
Dann arbeiten wir seit fünf Jahren daran, dass es uns besser geht und am Ende geben wir uns trotzdem nicht genug Mühe, weil wir die Therapie zu oft abbrechen oder nicht in eine Psychiatrie gehen wollen, solange es nicht unbedingt notwendig ist.

Und ich glaub, es wird einfach immer mehr zu viel und am Ende kann man nur entweder an dem Punkt landen, wo man sich selbst komplett egal sein lässt, andere Menschen sind eben grundsatzwichtiger oder man landet an dem Punkt, wo man vollkommen ernsthaft nach einer Diskussion über Schutzmaßnahmen sagt: „Ich freu mich schon, wenn diese Person stirbt, weil sie die nicht eingehalten hat.“ (Konkret: ging um das Einatmen von Epoxidharzdämpfen und die Person hat andere Menschen versucht davon zu überzeugen, dass eine Atemschutzmaske nicht notwendig ist und nur ein teures Gadget, das Leute dafür benutzen, das Hobby zu gatekeepen.)
Ich werde nicht sagen, wer von uns das von sich gegeben hat, aber ich bin gefühlsmäßig an einem Punkt, wo ich die Aussage absolut nachvollziehen kann.

Wir behandeln andere Menschen flauschig, aber in uns ist eigentlich konstant Genervtheit und „warum sind Menschen so unfähig“ und „warum stellen die sich alle so verdammt an“ und „oh, wow, du hast dir den Zeh verstaucht, tragisch, es ist so schlimm, dass du jetzt zwei Wochen lang nicht vernünftig laufen kannst, ich fühle deinen Schmerz, ich kann auch seit ZWEI JAHREN nicht vernünftig laufen“. Dass mir bewusst ist, dass der Gedankengang scheiße ist, macht ihn nicht weg.

„Ich nehm Menschen irgendwie nicht mehr als Menschen wahr, sondern wie... Objekte.“ Ein Objekt wirft man auch nicht aktiv durch den Raum gegen die Wand, selbst wenn man vielleicht mal das Bedürfnis dazu hat; es ist ja schon wichtig irgendwie. Aber wenn es aus Versehen gegen die Wand fliegt, ist das zwar unflauschig, aber man empfindet es im Endeffekt vermutlich nicht als ultra schlimm.
Ich frag mich jeden Tag, ob wir eigentlich noch Liebe verdienen, weil es so sehr in jeglicher Struktur verankert ist, dass man böse ist, wenn man keine Empathie mehr fühlt. Vollkommen egal, was man macht, wie man sich verhält - das ist alles nicht wichtig. Alles, was zählt, ist ein Gefühl, dessen Abwesenheit ich mir nie ausgesucht habe.