Auf diesem Blog geht es um Trauma, Traumafolgestörungen und unser Leben damit.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Montag, 20. Juni 2022

#110: Self-inflicted Achromatic

Einen einzigen Tag wär ich gern jemand wie du.
Nur einmal jemand, der mehr „Ich“ sein kann, einfach so.
Doch wenn ich's wollte, könnte ich es doch einfach tun.
Nicht sicher, wäre dadurch dann wirklich alles gut?

Kann sich was ändern, wenn ich träume, irgendwann?
So wie ich bin wär's besser, wär ich endlich tot, verdammt.

Wenn, dass ich lebe, zehntausend Leben schlechter macht,
so unfair, dass jemand wie ich dennoch lächeln kann,
ich bin nichts, unwichtig, die Welt besser ohne mich,
wäre, was ich will, bloß einmal Realität.

Wo, wenn ich sterbe, zehntausend Leben besser sind,
ich nur ein einziges Mal dann doch endlich Freude bring,
niemand je noch versteht, wie man voller Trauer lebt,
wäre diese Welt doch bloß Realität.

Auch morgen werd ich weiter in Träumen verweil'n,
mir wünschen, einfach so könnt ich schon längst verschwunden sein.

Wenn, dass ich lebe, zehntausend Leben schlechter macht,
niemand mich überhaupt einmal registrieren kann,
ich bin nichts, unwichtig, wenn ich einfach geh,
wäre das die Welt, wäre es dann okay?

Selbst, wenn ich sterbe, gibt es nichts, was sich ändern wird,
zehntausendfach wird die Welt sich einfach weiterdreh'n,
selbst, wenn es keinen gibt, der mich wirklich hier nicht will,
wäre das weiter ein Nachteil für mich.

Im Endeffekt bricht jeder irgendwann auf dieselbe Art zusamm'.
Selbst, wenn ich's schaff, ich zu sein, wird das Bild von mir in and'ren zerfall'n.
Im Endeffekt geh'n wir alle auf dieselbe Art kaputt. Dennoch

warum, wenn ich doch leb, kann ich dann dein Lächeln seh'n?
Ein Augenblick nur, in dem ich nicht wünsche zu geh'n.
Egal, wie traurig ich bin, wie sehr ich verschwinden will; wenn ich dich so seh,
wünsche ich mir plötzlich, meine Gründe das zu wollen, würden anstelle von mir weggeh'n.

Selbst, wenn ich sterbe, gibt es nichts, was sich ändern wird,
zehntausendfach wird die Welt sich einfach weiterdreh'n,
dennoch hältst du mich fest. Warum kann ich einfach nicht
darüber lachen und verschwinden, endlich?

Dienstag, 7. Juni 2022

#109: Mein Kopf sagt „Lauf“. Mein Herz sagt „Nein“.

Weißt du, ich hab dich immer vermisst, aber gerade fühl ich mich... abhängig. Ich weiß, dass das scheiße ist, ich weiß das. Es ist einfach, ich geh den [Gang] lang und es ist falsch, dass da ein anderer Name an der Tür steht und ich bin in dem Raum und es ist falsch, dass jetzt alles klinisch steril in geraden Winkeln zur Wand steht und ich geh übers Gelände und mir fällt ein, wo wir mal auf der Burg saßen und dann muss ich da hochgehen und es ist scheiß egal, dass da ein „Betreten verboten“-Schild steht und dann lauf ich an diesem Schuppen vorbei, wo wir mal waren und ich muss da hochklettern, vollkommen egal, dass das komplett zugewachsen ist, dass da überall Mücken sind und ich allergisch und dann werd ich gefragt, ob ich in den Entspannungsraum will und alles, woran ich denken kann, ist, wo wir mal da waren und ich hab nächste Woche zwei mal irgendwas im Meditationsraum und ich weiß es nicht genau, aber gerade hab ich mich gefragt, ob das der Raum daneben ist, da waren wir auch mal und das geht nicht, ich hoffe wirklich, das ist ein anderer Raum, ich glaub, ich kann da nicht rein, ohne dich überall zu sehen. Aber ich kann das auch niemandem erklären.
Ich lauf den Waldweg lang und mir fällt ein, wir saßen da mal auf so einem Baumstumpf rum und dann muss ich den suchen und er ist nicht da und ich bin total verzweifelt, ob ich mich falsch erinnere, ob er weg ist, ob er zugewachsen ist, ob die Stelle die falsche ist. Es fühlt sich an, als würde mein Leben von diesem scheiß Baumstumpf abhängen. Aber diese Suche, dieser ganze Zwang alle Orte zu sehen, an denen wir waren, ist ja nur, weil ich am allermeisten dich sehen will.
Und dann starre ich deine Festnetznummer an und ich weiß, ich kann da natürlich nicht anrufen, aber ich starr sie trotzdem an, weil ich so sehr deine Stimme hören will, ich erinner mich nicht mal mehr.
Oder, es ist hier komplettes Besuchsverbot wegen Corona und man darf nur in verlassene Gegenden und ich bin eigentlich sehr daran interessiert, dass hier niemand Corona bekommt, mir sind Menschen ja wichtig, aber plötzlich ist es so scheiß egal, ich würde mich aus der Klinik schmeißen lassen, damit ich dich sehen kann. Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid. Ich bin komplettes Chaos, vor [der Reha] schon, aber komplett, seitdem ich hier bin. Ich hab die ersten paar Tage versucht, durchgehend was zu tun zu haben, weil ich sonst durchgehend an dich gedacht habe. Und jetzt, wo ich etwas freie Zeit habe, denke ich in jeder freien Minute an dich und dass ich dich sehen will, dass ich dich sehen will, dass ich dich sehen will.
Ich hab auch so. Ich hab mich nicht selbst verletzt seit keine Ahnung, voll lange, denke auch gar nicht drüber  nach. Ich will's jetzt auch nicht, aber es sind einfach genau diese viel zu starken Gefühle, wegen denen ich das früher gemacht hab. Und die hatte ich schon genauso lange nicht mehr. Und jetzt fühl ich diese überwältigende Sehnsucht. Ich komm nicht dagegen an.
Ich hab mir vor Tannheim so eine Liste gemacht, weißt du, mit Gründen, dir nicht zu schreiben und es interessiert mich einfach nicht. Einfach gar nicht. Ich vermisse dich so sehr. Ich kann nicht atmen.

Montag, 6. Juni 2022

#108: Am Rande des Wassers

Hier am Ufer hingefall'n,
komm nicht von meinen Knien.
Die Wahrheit, die
so sicher schien,
weit weg auf hoher See.
Sag mir ein Geheimnis
und dann tu mir damit weh.
Der Regen wie Musik, die den
Sturm zeigt, in dem wir steh'n.

Ich fang an mich zu wehr'n.
Ich brauch dich nicht, um zu lern,
wie man fliegt. Und mein Herz
schlägt im Takt eines Abschiedslieds.

Runter warfst du von mir jedes Stück,
blicktest nicht zurück,
sagen konnt ich nichts
und der Schutt, der von uns geblieben ist,
hallt noch in mir nach
heut Nacht.
Im Dunkeln hörst du mich so wie ein Geist,
mach das Licht an. Heißt
das jetzt, dass nichts verbleibt?
Werde alles für dich sein.
Ich werd dich lieben, ganz geheim.

Zeig mir, wo „für immer“ starb,
zurück zu jener Nacht.
Ich fleh dich an,
bleib bei mir, dann
mach ich alles wie verlangt.
Ich glaub, du warst für mich Daheim,
ein Ort, an dem ich bleib.
Hielt zu sehr fest,
hab mich verletzt,
die Schuld war immer mein.

Ich fang an mich zu wehr'n.
Ich brauch dich nicht, um zu lern
wie man fliegt. Und mein Herz
schlägt im Takt eines Abschiedslieds.

Runter warfst du von mir jedes Stück,
blicktest nicht zurück,
sagen konnt ich nichts
und der Schutt, der von uns geblieben ist,
hallt noch in mir nach
heut Nacht.
Im Dunkeln hörst du mich so wie ein Geist,
mach das Licht an. Heißt
das jetzt, dass nichts verbleibt?
Werde alles für dich sein.
Ich werd dich lieben, ganz geheim.

Sie sagen, es braucht Zeit,
doch kann nichts finden, was mich heilt.
Du fragst „bist du okay?“,
als gäb's noch etwas, das verbleibt.
Wir zwei lösen uns auf,
allein, wie die Nacht im Morgengrau'n.
Letztendlich
bleibe bloß ich noch.

Runter warfst du von mir jedes Stück,
nie zurück,
sagte nichts.
Du und ich -
erinner mich
jede Nacht an dich.
Kommst nie zurück,
jetzt weiß ich,
was Schmerz ist.
Erinner mich.
Geblieben ist
letztendlich nichts.

Und jetzt
lieb ich dich, ganz geheim.