Auf diesem Blog geht es um Trauma, Traumafolgestörungen und unser Leben damit.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Dienstag, 12. Oktober 2021

#73: aushalten

Wir müssen nichts aushalten. Das verstehen wir immer extrem spät.
2019 hatten wir einen Plan gemacht: wir ziehen in rurus Nähe, machen da Therapie, nach fünf Jahren der so ziehen wir zusammen, wenn es eben geht.
Aber nach 1.5 Jahren in Hamburg wohnten wir neulich eine Woche lang in rurus Wohnung, während er weg war und es war so unglaublich schön leise. Erst da wurde uns bewusst, wie sehr Hamburg uns eigentlich belastet. Es ist hell, es ist laut und es ist voll. Wir wohnen am Rand, im Dorfbezirk, der Teil der Stadt, wo Leute uns fragen „gehört das überhaupt noch zu Hamburg?“ Aber es wird trotzdem niemals Nacht. Die ganze Stadt lebt in der Dämmerung. Man kann nicht mit Sonnenuntergang schlafen gehen und mit der Sonne aufwachen, weil das Licht nie weggeht. Man muss es aussperren. Die Welt aussperren. Alle Fenster schließen, weil man sonst durchgängig Autos und Menschen hört, selbst nachts.
Es ist so voll, dass wir nie überfordert im Weg stehen bleiben können, um eine halbe Minute lang durchzuatmen. Man steht sofort immer irgendjemandem im Weg. Es geht nicht.
Natürlich sind unsere Nachbarn nicht repräsentativ für Hamburg. Natürlich macht es den Aufenthalt schlimmer, wenn man ständig Kinder schreien hört, die (vermutlich) missbraucht werden und absolut nichts dagegen machen kann, weil man schon die Polizei und das Jugendamt und die hamburgische Kindermissbrauchspolizei angerufen hat und die Polizei eh jede Woche vor der Tür steht. Es ändert sich nichts. Dass das Jugendamt da ist, merkt man nur daran, dass vor der Tür aufgeräumt wird.

Neulich habe ich ruru angefleht, dass er mit uns zusammen zieht. Damit wir hier weg können. Es ist nicht aushaltbar an einem Ort, an dem man psychische Zusammenbrüche bekommt, weil der Akku von den Noise Cancelling Kopfhörern leer ist. Die wir vor Hamburg nicht mal brauchten. Die wir uns nur gekauft haben, um irgendwie hier klarzukommen.
Aber ich will nicht scheiße und manipulativ sein und ruru möchte und kann nicht mit uns zusammen ziehen. Im Endeffekt geht es uns ja auch nicht schlecht, weil wir alleine wohnen, sondern weil wir hier wohnen.
Die letzten Wochen haben wir jeden Tag geweint. Weil wir so sehr grundleveldissoziiert sind. Natürlich ist ein Teil davon auch die begonnene Therapie. Aber ein Teil davon ist auch einfach seitdem wir hier sind, immer schlimmer. Ich dachte erst, es liegt an Corona, dass wir immer weniger fühlen, dass immer mehr alles egal wird. Aber mittlerweile glaube ich, das ist es vielleicht gar nicht, weil, es hat sich ja nichts verändert. Wir sehen sogar öfter Menschen, seitdem wir hier sind. Wir waren schon vorher sozial isoliert.
Was wir vorher nicht waren ist durchgängig reizüberflutet. Das ist vollkommen unbekannt - wir haben nie in einer Stadt gelebt. Selbst wenn ich sage, wir sind in Hannover aufgewachsen, meine ich damit ein kleines Dorf zehn Kilometer vor der Stadt.

Und dann lagen wir neulich weinend, komplett reizüberflutet in unserem Bett, weil mal wieder der Akku von unseren Kopfhörern leer war, und wollten einfach nur mal wieder schlafen, also, so, dass man sich danach nennenswert besser fühlt, was wir, seitdem wir hier wohnen, vielleicht alle zwei Wochen mal haben und früher beinahe jeden Tag. Und dann fingen unsere Nachbarn mal wieder an, eine Party zu schmeißen.
Und ich hätte die Polizei rufen können. Und dann hätte ich der Polizei auch gleich das kleine Heftchen geben können, wo wir jede Ruhestörung mit Uhrzeit und Art dokumentieren. Vielleicht würde das ja mal irgendetwas ändern. Aber es ging nicht. Es war zu viel. Unser gesamtes Leben. Aber plötzlich wurde mir klar: wir müssen das nicht aushalten.
Wenn es wirklich, wirklich nicht geht, können wir einfach wegziehen.
Natürlich wäre das finanziell eine grauenvolle Entscheidung, wir würden wieder ein halbes Jahr lang überhaupt erstmal nach einer Wohnung suchen, wenn nicht länger, danach müssten wir Sozialhilfe neu beantragen, unsere Therapeutin wäre plötzlich wieder 1.5 Stunden Fahrzeit weg und nicht 15 Minuten. Jeder Umzug ist Stress und dieses mal könnten wir nicht mal wirklich mithelfen.
Aber es wäre eine Möglichkeit.
Wir müssen nicht 3.5 Jahre hier bleiben.
Jede Situation, die einfach wirklich nicht aushaltbar ist, können wir mittlerweile ändern.

Donnerstag, 30. September 2021

#72: Trauma: Therapie VI

Mittlerweile sind wir seit sechs Wochen in Therapie und ich habe immer noch keine Ahnung, was Therapie eigentlich sein soll. Es fühlt sich dieses mal nicht an, als würden wir auf einer vollkommen anderen Sprache mit der Therapeutin kommunizieren, aber verstehen tue ich es trotzdem nicht.
Wir reden über Dinge. Traumadinge, Würfel, Gehhilfen, unsere Familie, Selbstreflexion, Schmerzen, Kommunikation, was auch immer. Ich komme nicht nach Hause und es geht mir beschissen. Es ist einfach da. Wir haben eh den ganzen Tag nichts zu tun, also können wir genauso gut da hingehen.
Aber ich versteh nicht, wie das helfen kann. Wenn wir einfach nur reden. Über Dinge, die so oder so ähnlich schon mehrfach aufgeschrieben, gedanklich durchgegangen und an anderer Stelle ausgesprochen wurden. Wir hatten schon mehrfach Therapie und die war immer viel lösungsorientierter und man konnte innerhalb von weniger als einem Monat schon merken, dass es etwas bringt. Während es gerade sich anfühlt wie … yay, wir können über Dinge reden. So wie schon zehntausend mal. Seit neun Jahren. Mit unseren Freunden.
Es fühlt sich an, als wäre Therapie einfach nur bezahlte Gespräche für Leute, die keine Freunde haben.

Ich hab schon schon mehrmals gefragt. Was Therapie eigentlich ist oder sein soll. Dann bekommen wir ganz viele Worte und in unserem Kopf ergeben sie so wenig Sinn, dass wir sie nicht mal behalten können.
Wir haben auch schon beschrieben, was wir im Kopf haben, wenn wir an Therapie denken: eine Anleitung. Man versucht, Probleme zu lösen, die man hat und der Therapeut ist dafür da, Vorschläge zu machen, was man ausprobieren könnte. Man analysiert also erstmal, was das konkrete Problem überhaupt ist, dann probiert man verschiedene Dinge aus, um es zu lösen und analysiert dann, was und warum diese (nicht) geholfen haben.
Aber momentan ist es so, dass wir Probleme ansprechen und in der nächsten Sitzung ist es, als hätten wir nie darüber geredet. Ich bekomme das Gefühl, dass davon ausgegangen wird, wir haben darüber geredet, jetzt werden wir es schon auf magische Weise selber lösen können - oder dass es durch das Gespräch alleine schon gelöst wurde. Aber ist es nicht - sonst könnten wir uns genauso gut selbst therapieren. Und es nochmal ansprechen fühlt sich auch nicht sinnvoll an, weil ja schon das letzte mal absolut nichts passiert ist, was auch nur ansatzweise irgendwie hätte hilfreich gewesen sein können.

Und natürlich ist gerade eine Kennenlernphase - darum hatten wir explizit gebeten. Aber ich muss wissen, dass danach Mehr ist. Dass es einen Mehrwert hat, dass wir jede Woche an einen Ort gehen, vor dem das gesamte System Angst hat. Und dass wir nicht nur Gespräche führen, die wir genauso auch an anderer Stelle, in einer sicheren Umgebung, hätten haben können.

Ich kann nicht ausdrücken, wie verzweifelt ich bin. Ich kann kein einziges Wort finden, das ansatzweise beschreibt, wie verloren ich mich fühle.
Uns haben schon mehrere Leute mitgeteilt, dass die Therapie bei ihnen am Anfang genauso war. Dass es monatelang normal war, nicht zu verstehen, was irgendetwas davon bringen soll und dann hat sich das plötzlich geändert. Aber ich bin auch ehrlich mit uns selbst. Wenn wir monatelang da hingehen und nicht verstehen, warum das irgendwas bringen soll, während wir konstant Panik schieben, dass die Psychologin gerade eigentlich nur versucht, uns mental irgendwie kaputtzumachen, damit sie uns missbrauchen kann, brechen wir die Therapie wahrscheinlich einfach ab. Oder rennen direkt zu Blyth zurück - bei dem hatten wir dieses Problem nämlich nicht.
Das Gefühl, dass einem niemand so gut helfen kann wie der Typ, der zwei Drittel des Systems verursacht hat, ist beschissen. Vor allem, weil ich weiß, dass es nicht so sein muss. Weil wir ein zweites mal Therapie hatten, die geholfen hat, und da haben wir das auch innerhalb von einem Monat gemerkt.

Warum Therapie nicht einfach sein kann, was wir wollen, verstehe ich nicht. Warum es nicht so einfach sein kann, dass wir beschreiben, was wir brauchen und dann wird es einfach angenommen und umgesetzt.
Unser Gehirn hängt sich an dieser Frage auf. Seit sechs Wochen ist es eine klebrige, breiige Masse. Wir bekommen keinen einzigen Gedankenstrang zu Ende gedacht. ruru musste uns helfen diesen Text zu schreiben. Es ist zu viel. Es ist einfach nur unendlich verwirrend. Ich bin nicht intelligent genug, um dieses Level von Unverständnis nachvollziehen zu können. Es fühlt sich an, als würde mein Gehirn an meinen eigenen Worten explodieren.

Mittwoch, 25. August 2021

#71: You want a battle? Here's a war.

Er hat gesagt, er wird uns verkaufen, schreit es in mir. Zusammen mit Wir hätten nichts sagen dürfen. Wir hätten nicht laut sein dürfen.
Er weiß gar nicht, wo wir wohnen, flüstere ich zurück. Es ist alles in Ordnung. Wir sind in Sicherheit.
Unsere Psychologin sagt, dass wir ein (kleines) Trauma erlebt haben. Und ich spüre es selber. Wie ich bei jedem Geräusch zusammen zucke, jeden Schatten drei Sekunden zu lange anstarre. Die Welt, die nur ein Stück weiter entfernt zu sein scheint, die Erinnerung, die viel zu schnell viel zu weit weg rückt, die Wachsamkeit.
Aber ich fühle mich nicht traumatisiert. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich, als wäre ich in der Welt angekommen.
Ich habe geschrien, wiederhole ich fassungslos in meinen Gedanken.
Mir wurde geholfen, mit jedem Herzschlag.
Er hatte Angst vor mir.
Er. Hatte Angst. Vor mir.
Wie jemand wollte, dass ich Angst vor ihm habe und ich
zum ersten Mal
die Macht an mich zurückgerissen habe,
hinterlässt ein Gefühl von Sicherheit in der Welt.
Ich werde nie die unumstößliche Sicherheit fühlen, mit der andere Menschen durch die Welt gehen, dass ihnen niemals etwas schlimmes passieren wird. Vermutlich werde ich die spezifische Androhung von Zwangsprostitution nie ganz so einfach wegstecken können. Es wird immer schlimmer sein als jedes Ich bringe dich um jemals sein könnte. Aber ich kann mich wehren. Ich muss nicht mehr machtlos sein. Meine Stimme, mein Körper, mein Leben gehört mir.
Und egal,
wie sehr ein Teil von uns immer noch Blyth gehört,
meine Stimme kann niemand mir mehr nehmen.

23. August 2021, 17.00, Hamburg. Wir sind zusammen mit einem Freund im Bus, ich sitze auf einem der Behindertenplätze, er steht neben mir. Dass wir zusammengehören ist nicht sofort ersichtlich, weil wir gerade nicht reden. In Altona steigt ein Mann ein, setzt sich in die Sitzreihe rechts neben mir und fängt ein Gespräch an. Als er den Gehstock, den ich seit 1.5 Wochen besitze, kommentiert mit „ich hatte auch mal einen Krükstock, allerdings mit einer Schusswaffe drin“, fange ich an, ihn zu ignorieren. Zwar textet er mich weiterhin zu, ich antworte ihm allerdings nicht mehr und schaue ihn auch nicht mehr an. Irgendwann streichelt unser Freund unterstützend meine Schulter. Daraufhin fängt der Mann an, ihn zu beleidigen. Über meinen Kopf fliegt der Inhalt eines beliebigen Gangster-Rap-Lieds, gepaart mit Ich schlag dich zusammen und Ich bringe dich um. Ich sitze da, ein Stück mehr dissoziiert, mit stetig mehr Angst in meinem Körper und vor allem unsicher, was zur Hölle ich tun soll. Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass er nicht mitten im Bus anfangen wird, jemanden zusammenzuschlagen. Aber falls doch, wird diese Person, wenn ich irgendetwas sage, höchstwahrscheinlich ich sein. Dass wir irgendwann aus dem Bus aussteigen und er dann jemanden zusammenschlagen könnte, kommt in meinen Gedanken gar nicht vor. Dass der Busfahrer eine Telefonanlage hat, mit der er die Polizei zur nächsten Haltestelle rufen kann, auch nicht.
Irgendwann beleidigt der Mann unseren Freund dafür, dass er „seine Freundin“ nicht beschützt. Vielleicht brauche ich das ja gar nicht, denke ich. Ich will nicht beschützt werden müssen. In mir regt sich Widerstand.
Um 17.04 hole ich mein Handy raus und öffne die Kamera. Zwei mal schließe und öffne ich sie wieder. Selten habe ich mich so unsicher gefühlt. Der Gedanke daran, dass der Mann mir nichts tun kann, was ich nicht in schlimmer schon erlebt habe, beruhigt mich. Die Tatsache, dass ich dafür sorgen kann, dass er bestraft wird, wenn er etwas macht, ebenfalls.
Um 17.05 stehe ich auf, zücke mein Handy und mache ein Foto von dem Mann. Dann rufe ich quer durch den Bus. Dass da ein Typ ist, der uns bedroht und meint, er würde uns umbringen. Dass ich ein Foto für die Polizei gemacht habe. Dass ich das sage, falls er tatsächlich was macht, damit der gesamte Bus es sieht und ich Zeugen habe.
Die gesamte Aufmerksamkeit des Busses liegt auf uns. Der Mann hält sich die Hände vors Gesicht, damit niemand ihn sehen kann. Fast ist es lustig. Selbst wenn ich das Foto gesetzlich nicht verwenden kann, kann ich die genauste Beschreibung abgeben, die irgendjemand haben könnte. Eine Frau neben mir sagt, ich solle am besten zum Busfahrer gehen, also drücke ich unserem Freund unseren Gehstock in die Hand und begebe mich in diese Richtung. Auf halbem Weg ruft mir der Mann hinterher: „Ich steig ja schon aus. Ich muss eh an der nächsten Haltestelle raus.“
Um 17.06 steigt er aus, natürlich nicht, ohne uns noch hinterherzurufen „N*tte. Du wirst noch Geld für mich anschaffen“. Dass das schlimm sein wird, ist mir klar. Die Wichtigkeit der Situation aber noch mehr.

Seitdem wir den Gehstock besitzen, werden wir andauernd belästigt. Was früher alle paar Jahre passiert ist, passiert jetzt mehrmals pro Woche. Aber die Welt verändert sich, wenn man laut ist. Zu einem Ort, an dem man nicht mehr machtlos ist. Zu einem Ort, an dem einem Menschen helfen, wenn irgendein Typ einen ungefragt anfasst, an dem Täter plötzlich Angst bekommen, in ihrer unangreifbaren Welt.

24. August 2021, bei unserer Psychologin. Aber daran merke ich, sage ich, dass es mir besser geht. Vor drei Jahren hätte ich ganz anders reagiert.
Was war denn vor drei Jahren?
Früher hätte ich mich nie getraut, laut zu werden oder mich zu wehren. Das lerne ich erst seit drei Jahren.
Und wir reden über Blyth und sie sagt: „Auch in drei Jahren wird es noch Zeitpunkte geben, wo Sie hier sitzen und mir sagen werden, dass er ein viel tollerer Therapeut war als ich“ und zum ersten mal in einem therapeutischen Gespräch fühle ich mich verstanden. Zum ersten Mal wurde begriffen, verstanden, was das der Missbrauch bedeutet, warum es so anders ist.
Ich habe das Gefühl, dass die Welt ein bisschen mehr zu mir gehört.