Auf diesem Blog geht es um Trauma, Traumafolgestörungen und unser Leben damit.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Mittwoch, 30. Dezember 2020

#33: Trauma, DIS und Sexualität III

Ja. Das Trauma und die Sexualität. Wie oft ich mir gewünscht habe, meinen Körper einfach abschalten zu können, der an jeder Ecke Sex erwartet. Aber wisst ihr, was auch schön ist? Es wird besser. Es geht weg. Bei ruru sind wir sicher. Auch der Körper weiß das inzwischen. ruru können wir nah sein ohne dass irgendetwas sexuelles passiert, auch stunden-, tage- oder wochenlang.

Und weil ich es immer wieder höre, möchte ich es an dieser Stelle ansprechen: wenn ihr traumatisiert seid und Sex/sexuelle Dinge mit eurem Partner tun wollt und es funktioniert nicht, obwohl ihr kommuniziert habt, dass ihr traumatisiert seid und darüber gesprochen habt, was das konkret für diese Situation bedeutet. Dass euch beispielsweise Nein sagen schwerfällt. Dass ihr anfangt, in eine Rolle zu schlüpfen, in der ihr Consent vorspielt, weil ihr das Gefühl habt, dass es so erwartet wird.
Dann liegt es nicht an euch.
Ich weiß, dass niemand mir glauben wird, weil ich mir selbst nicht geglaubt hätte in derselben Situation. Dabei will ich nicht mal sagen, dass euer Partner euer Trauma ausnutzt. Auch wenn ich glaube, dass das in den allermeisten dieser Fälle so ist. Vielleicht versteht er es einfach wirklich nicht. Oder sie. Si:er. Partner:in. Who knows.
Aber es funktioniert, irgendwo auf der Welt. Und es gibt Verständnis, irgendwo, wenn nicht hier. Das weiß ich, weil ruru existiert. Und ruru ist nicht mal traumatisiert. ruru kennt nichts davon; nicht mal die schlimmen Gedanken. ruru kann sogar Sachen falsch machen ohne sich zu hassen. Das ist für mich immer wieder befremdlich.
Und trotzdem hat ruru Verständnis. Selbst ohne meine Worte. Hört er jeden kleinen nicht komplett erfreuten Laut und fragt sofort, ob alles in Ordnung ist. Hört er jedes stumme oder überdeckte Nein, ohne dass irgendjemand es sprechen muss. Und niemals würde er von sich aus irgendetwas sexuelles anfangen, bei dem nicht vollkommen klar ist, dass wir es auch wollen.

Manchmal entschuldige ich mich, weil es mir wirklich, wirklich leidtut. Dass ich keinen Sex haben kann. Dass ich ihn manchmal nicht mal anfassen kann. Dass ich manchmal wochen- oder sogar monatelang keinen Sexualtrieb mehr habe. Dass, was auch immer gerade nicht geht, schon wieder kaputt ist. Und dann nimmt er mich in seine Arme und sagt mir, dass das nicht meine Schuld ist. Und überhaupt muss ich gar nichts, selbst wenn alles in Ordnung wäre. Und außerdem liebt er mich. Und außerdem muss ich nie wieder irgendwen anfassen, wenn ich das nicht möchte.
Und weil ruru existiert, weiß ich, dass niemand einen Partner haben muss, bei dem Grenzüberschreitungen existieren. Denn es gibt bestimmt genug rurus auf dieser Welt. Für all die Menschen, die ihre eigenen Grenzen nicht einfordern können.

Eine (traumatisierte) Freundin hat mir mal gesagt, wenn ich die richtige Person finde, dann funktioniert das alles. Dann kann ich sogar Sex haben, ganz ohne Probleme.
So einfach war das nicht. So einfach ist das nicht. Aber Recht hatte sie trotzdem: bei der richtigen Person funktioniert es. Irgendwie. Vielleicht ganz langsam, vielleicht dauert es Jahre, aber es ist nicht mehr schlimm. Bei anderen funktioniert es eben nicht. Dafür ist es eigentlich auch egal, ob diese einen missbrauchen oder nicht.
Und ich weiß: niemand, der in einer ähnlich kaputten Beziehung ist, wie wir bevor wir ruru kannten, wird das, was ich gerade gesagt habe, überhaupt annehmen können. Denn: 'diese Beziehung ist anders - da liegt es wirklich einfach an meiner eigenen Kommunikationsfähigkeit - mein Partner gibt sich definitiv Mühe, aber ich bin eben einfach unfähig.'
Aufschreiben tue ich es trotzdem. Für die eine Person, der es vielleicht doch hilft. Und sowieso gilt, auch für jede andere Situation:
Es ist nie eure Schuld.
War es nie und wird es nie sein.

Montag, 28. Dezember 2020

#32: (Mit)Schuld

Zusätzliche Triggerwarnung für: relativ grafische Darstellung von psychischem Missbrauch
durch Androhung von Gewalt.

"Wenn ein Kind missbraucht wird, tragen beide Eltern, egal ob sie es persönlich missbrauchen oder nicht, immer eine Mitschuld", meinte unsere Psychologin irgendwann vor einigen Wochen zu uns. "Weil man so etwas merkt. Und wenn man nichts merkt, dann hat man mindestens weggesehen."
In uns gab es sehr viel Empörung für diese Aussage. Nicht, weil unsere Mutter so toll wäre. Das ist sie wirklich nicht. Aber sie war nie Täterin. Sie war eben einfach nur überfordert.
"Dass man sein eines Kind nicht so beachtet, wenn das andere gerade die ganze Zeit fast stirbt, finde ich extrem verständlich", entgegneten wir. Da stehen wir auch weiterhin hinter. Es ist, unserer Meinung nach, unglaublich arrogant, eine andere Handhabung in so einer Situation zu erwarten. Es gibt einen Grund, warum Geschwisterkinder von sehr kranken Kindern beinahe immer an Vernachlässigungstrauma leiden und der ist nicht, dass alle Eltern dieser Welt so furchtbar schrecklich sind.
Ja. Es ist falsch, ein Kind zu vernachlässigen. Aber leider, leider ist es auch kaum zu verhindern, alles zu vernachlässigen, wenn man ein Kind hat, das ständig beinahe stirbt. (Vorausgesetzt natürlich, man liebt dieses Kind.)
Und dann ist es trotzdem traumatisch. Aber von 'Schuld' kann man einfach nicht sprechen.

Mittlerweile sprechen wir trotzdem von Schuld.
Neulich wurden bei uns durch ein Gespräch einige Erinnerungen getriggert.
Bei uns "mussten", als wir sehr klein waren, öfters medizinische Eingriffe gemacht werden. Das mussten setzen wir extra in Anführungszeichen. Es hätte nämlich Alternativen gegeben. Es war nur einfacher. Einfacher, als uns beizubringen, Tabletten zu nehmen oder aufgelöste Tabletten zu trinken. Einfacher, als uns jemals zu erklären, dass wir krank sind und warum wir all diese Sachen machen müssen, obwohl sie zum Beispiel eklig schmecken.
Es wurde nämlich nie erklärt. Dass wir krank sind, haben wir rausgefunden, als wir alt genug waren, um festzustellen, dass andere Kinder all das nicht machen müssen und dann unsere Eltern gefragt haben, warum. Da wussten wir schon, was Unendlichkeit ist, konnten bis 100 zählen und Rechnen hatten wir auch schon gelernt.

Jedenfalls fanden wir diese Eingriffe schlimm. Sehr schlimm. (So schlimm, dass wir das Wort nicht benutzen können.) Wir haben geweint und das Haus zusammengeschrien bis Nachbarn nachgefragt haben, ob alles okay bei uns ist. Aber es war okay, weil man uns ja festhalten konnte, während man uns Dinge in Körperöffnungen steckt. Es war okay, weil man kaum Zeit aufwenden musste.
Es wurde wie eine Bestrafung gehandhabt. Wenn du nicht dies tust, müssen wir. Wenn du nicht das tust, müssen wir. Wenn du nicht brav bist, werden wir wieder ganzschlimmedinge machen.
Natürlich waren das alles wichtige Sachen. Ja. Hätten wir unsere Tabletten nicht genommen, hätte man uns eben zwingen müssen, sonst wären wir gestorben. Aber dadurch, dass davon nie irgendetwas erklärt wurde, hätte man genauso gut sagen können: "Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, schlage ich dich."
Wir wussten ja nicht mal, dass wir krank sind.

Irgendwann (in den letzten Jahren) erzählte unsere Mutter uns, dass diese Eingriffe immer unser Vater machen musste. Sie selbst hätte das nicht gekonnt. Es wäre zu schlimm gewesen, zu sehen, wie schlimm das für uns war, also war sie in ein anderes Stockwerk gegangen, damit sie bloß nicht hören musste. Bloß nicht sehen, wie man gerade wissentlich und ohne medizinische Notwendigkeit das eigene Kind traumatisiert.
Weil es einfacher ist. Als sich einmal hinzusetzen und einem Kind zu erklären, was Krankheiten sind und was der Sinn von Tabletten ist.

Irgendwann, nach einem erneuten solchen Trauma, verlernten wir, zu laufen. Beziehungsweise ist die Theorie hier momentan, dass einfach ein Anteil draußen war, der noch nicht laufen gelernt hatte, aber das können wir nicht sagen, weil wir natürlich nicht so genau wissen, seit wann wir die DIS eigentlich haben. Vielleicht war es auch einfach nur ein Traumasymptom.
Aber niemand kümmerte sich darum. Wir würden simulieren, weil wir nicht in den Kindergarten wollten, hieß es. Erst nach über einer Woche meinte unsere Mutter, wenn wir nicht jetzt sofort mit dem Unsinn aufhören würden, müssten wir am nächsten Tag zum Arzt gehen. Bedrohlich. Ärzte kannten wir. Das waren die Menschen, bei denen meistens schlimme Sachen passierten.
Natürlich konnten wir am nächste Tag wieder laufen. Vielleicht war jemand anders draußen, vielleicht hatten wir nur ganz fleißig geübt aufgrund der Angst.
Niemand hatte je in Erwägung gezogen, es könnte vielleicht ein neurologisches Problem geben. Es war ganz klar, dass es alleine unsere Schuld sein musste.

Als wir klein waren, aßen wir zu wenig. Und tranken zu wenig. Und redeten zu wenig.
Wir lebten zu wenig.
"Wenn du weiterhin so wenig isst, müssen wir dir eine Magensonde legen", wurde der persönliche Lieblingsspruch unserer Mutter. Im vollen Wissen darüber, wie schlimm wir diese Vorstellung fanden. Im vollen Wissen darüber, dass wir selbst bei Rachenabstrichen die gesamte Klinik zusammenschrien als müssten wir sterben. Wenn du nicht brav bist, stecke ich dir noch mehr Zeug in den Körper.
Zu diesem Zeitpunkt wurden wir schon regelmäßig vergewaltigt.

In uns hat sich etwas verändert. Seitdem diese Erinnerungen hochkamen, können wir nicht mehr sagen, dass unsere Mutter einfach nur überfordert war. Man bedroht sein Kind nicht mit dessen schlimmsten Albträumen, nur weil man überfordert ist.
Es ist so einleuchtend, wie sie nicht merken konnte, dass unser Vater uns missbrauchte. Es gab keine Verhaltensänderungen mehr, die man hätte feststellen können. Wir waren schon komplett traumatisiert.

Ich habe diesen Post angefangen, um darüber zu schreiben, wie sie eben doch Mitschuld daran trägt, dass nicht gemerkt wurde, dass wir missbraucht werden. Aber nachdem ich das alles aufgeschrieben habe, wird mir selbst klar, dass sie selbst Täterin war. Für jeden Grundstein, der erlaubt hat, dass wir kein Wort darüber verlieren, zu was wir ständig gezwungen werden.
Also ist Mitschuld gar nicht das richtige Wort.
Und eigentlich ist die Schuld auch egal, solange sie nicht bei uns liegt.
Aber es war gerade wichtig. Für mich und für uns. Deshalb schreibe ich es hauptsächlich auf.

Trauma passiert nicht in einem Vakuum.

Sonntag, 20. Dezember 2020

#31: Systemverantwortung

Es gibt eine Regel, dass man eine gemeinsame Verantwortung als System hat. Wenn X aus meinem System etwas falsch macht, habe auch ich für ihren Fehler gerade zu stehen.
Man kann sich das wie in einem Kommunalrat vorstellen: dort sitzen verschiedene Leute, die verschiedene Sachen wollen und wenn einer von ihnen etwas falsch macht, trifft der Fehler alle und alle müssen dafür gerade stehen. Richtig?
Nur, dass das nicht ist, wie die Welt funktioniert. Politiker, die Fehler machen, müssen in der Regel zurücktreten und dann bemühen sich alle anderen darum, zu erklären, warum sie mit dem Fehler nichts zu tun hatten.

Wir haben eine sehr andere Einstellung zum Thema Verantwortung innerhalb von Systemen.
Wenn X etwas falsch macht, dann gab es für mich keinen Weg, es zu verhindern. Ich kann nicht entscheiden rauszugehen und den Fehler zu verhindern. Ich kann nicht entscheiden, co-bewusst zu sein und X ihre Tat auszureden (oder selbst wenn hat mein Versuch keine Erfolgsgarantie). Ich kann nicht mal entscheiden, überhaupt etwas von X Verhalten mitzubekommen.

Wenn ich jetzt zu der verletzten Person gehe und mich im Namen Cirrus Floccus entschuldige, was hindert X dann daran, sich weiter grauenvoll zu verhalten? Sie muss nie mit ihren Fehlern umgehen. Sie kann einfach im Innen verschwinden und darauf warten, dass sich jemand anders um ihre Fehler kümmert, nur um dann erneut rauszukommen und weitere zu begehen, weil sie nie die Konsequenzen ihrer Handlungen spürt.
Deshalb gehen wir anders damit um.

Wenn X jemanden verletzt, behandle ich das so, als wäre die Person von Y aus unserem Freundeskreis verletzt worden - weil ich nichts gemacht habe. Wenn X nicht selbst einsieht, dass sie etwas falsch gemacht hat, werde ich mit X reden und versuchen, zwischen ihr und dem verletzten Freund zu vermitteln. Aber ich kann keine Verantwortung übernehmen. Dann fehlt sie nämlich bei X.
Und natürlich kann es sein, dass besagter Freund danach keinen Kontakt mehr zum gesamten System haben mag. Schließlich könnte X rauskommen und ihn erneut verletzen! Das muss ich akzeptieren, weil X immer noch ein Teil unseres großes Ganzen ist. Genauso wie ich die Strafe akzeptieren muss, wenn X eine Straftat begeht, weil wir in dem Moment eine Gefahr darstellen würden. Immerhin könnte X nochmals rauskommen und wieder eine Straftat begehen.
Aber das ist etwas anderes als Verantwortung und Schuld. Die gehört nämlich nicht mir und deshalb werde ich sie auch nicht nehmen. Dann fehlt sie nämlich da, wo sie eigentlich hingehört.

„Aber Lana“, höre ich irgendjemanden sagen. „Dann könnt ihr das doch total ausnutzen! Wenn X etwas falsch macht, kann sie einfach sagen, es war Z, die total selten draußen ist! Und wenn du etwas falsch machst, kannst du einfach sagen, es war X, weil die ja ohnehin scheinbar die ganze Zeit Fehler begeht!“
Ja. Ja, das könnten wir machen.
Wenn wir von jedem gehasst werden wollen, können wir das machen. Immerhin fällt es auf, wenn man Verantwortung immer nur von sich schiebt.
Wenn wir das dysfunktionalste System werden wollen, das wir jemals getroffen haben, weil sich alle untereinander hassen, können wir das machen.
In welchem Szenario wäre das eine wünschenswerte Zukunft?

Die Innenperson zu benennen, die die Verantwortung zu tragen hat, ist nicht seine Krankheit als Freifahrtsschein für schlechtes Verhalten zu nehmen. (Auch wenn das eine Möglichkeit ist.)
Sich selbst von einer Mitschuld freizusprechen, weil man nicht anwesend war, ist nicht sich als unfehlbar darzustellen. (Auch wenn das eine Möglichkeit ist.)
Sich selbst nicht die Schuld an Fehlern zu geben, mit denen man nichts zu tun hatte, ist richtig und wichtig, und heißt nicht, eigene Fehler von sich abzuweisen. (Auch wenn das eine Möglichkeit ist.)
Seine Krankheit als Freifahrtsschein zu benutzen wäre, jegliche Konsequenz für innersystemliches Fehlverhalten für sich abzulehnen.
Aber die Verantwortung? Gehört nur X.

Donnerstag, 17. Dezember 2020

#30: break free and leave us in ruins

Blyth,

in meinem Handy ist ein Text an dich gespeichert, den ich nicht zuordnen kann und der nie abgeschickt wurde. Aber ich kenne deine Worte und ich verstehe nicht, wie ich eine Beziehung mit deiner Wortwahl führen konnte, ohne zu realisieren, dass nichts an uns in Ordnung war.
In meinem Kopf ist der Wunsch, nach [Stadt, wo er wohnt] zu fahren.
In meinem Kopf sind Erinnerungen und Gefühle und Gedanken an dich.
Eine Gewissheit von Dingen, die ich inzwischen weiß, aber immer noch nicht fühlen kann.
Deine Ignoranz für ein System, das du selbst benutzt hast.
"[Stadt] war zehn Jahre lang mein Lieblingsort und mein Zuhause", sage ich zu ruru, mehr an einem Wunsch hängend, als an einer tatsächlichen Erklärung. "Vielleicht will ich einfach deswegen dorthin fahren." Auf die Frage, ob ich ihn denn mitnehmen wollen würde, schweige ich, bis der Wunsch auf eine schönere Erklärung in mir mitschweigt.

Die Welt scheint weiter weg zu sein als jemals und ich versuche, nach Innen zu erklären, warum du keine gute Idee bist. Irgendjemand sagt, dass er oder sie oder wir dir gehören. Ich hole das Tagebuch raus, das wir nicht umsonst 'Missbrauchsdokumentationsbuch' genannt haben, um in unser Gehirn zu hämmern, was tatsächlich passiert ist und zu unterscheiden von dem, was du darin vergraben hast. 'Gaslighting' steht als Überschrift auf der ersten Seite von Silvester 2016. Diese Seite existiert nicht mehr; irgendjemand hat sie rausgerissen, aber ich erinnere mich weiterhin daran, sie geschrieben zu haben.

Ich weiß, dass jemand aufpasst, dass wir nichts mehr mit dir zu tun haben, aber trotzdem ist das Bedürfnis, dir zu schreiben oder zu dir zu fahren, dauerhaft anwesend. Vielleicht ist das, was passiert, wenn man versucht, ein System kennenzulernen, von dem die Hälfte aus dir besteht. Vielleicht ist das, was passiert, wenn man in Therapie geht, nachdem man bei dir in Therapie war.
Also schicke ich die Seiten aus dem roten Buch mit der schwarzen Spitze nach Innen.

'Warum willst du [Zuhause] bleiben?' Weil ich dich nicht sehen will, Blyth. Das kann ich wohl kaum sagen. Die Wahrheit in mir ist gestorben. Ich kann dich anlügen.
'Was ist denn los?' Du bist mein Albtraum. Ich will nicht von dir angefasst werden. Ich bin taub. Vielleicht hasse ich deswegen alles. Mein Körper existiert nicht mehr.

Wenn alles, was ich sage, nicht genug ist, vielleicht sollte ich dann einfach aufgeben. Dich nie mehr wiedersehen. 'Gehört das hier noch zu kuscheln?' Nein, aber wen interessiert das? Also Ja, weil du sowieso weitermachst. Ja, weil es dich ohnehin nie interessiert hat. Du glaubst ohnehin nur, was du glauben willst. Dann kannst du dir einreden, dass das alles nicht schlimm ist. Und du kannst mich berühren und küssen bis ich kotzen möchte, weil ich das ja insgeheim will. Wenn ich dir dein Verhalten vorwerfe, habe ich eben nicht genug gesagt. Weil 'Ich will dich nicht küssen' nur für eine Minute gilt. Da kommt es ja gelegen, dass ich nicht Nein sagen kann.

Wir sind nicht stabil genug für eine ambulante Therapie, hat irgendwann irgendeine Therapeutin bei irgendeinem Vorgespräch gesagt. Wir sollten lieber stationär irgendwo hingehen. Oder zumindest in eine Tagesklinik.
Mittlerweile sehe ich den Ursprung dieser Aussage.
Ja. Nichts ist mir mehr zuwider, als irgendwo in Therapie zu gehen. Und nichts ist mir mehr zuwider, als ewig dieses Leben zu führen, ohne dass sich irgendetwas verbessert. Aber an irgendeinem Punkt dachte ich, in einer Therapie fängt man mit Stabilisation an. Inzwischen begreife ich, dass das nicht ist, wie unser Leben funktioniert. Inzwischen weiß ich, dass alleine in Therapie zu gehen, Traumakonfrontation ist.
Aber auch jede Psychiatrie oder Tagesklinik würde dieses Problem nicht ändern.

Ich zähle die Tage bis zum Therapiebeginn, als wäre dieser mein persönlicher Weltuntergang. Ich habe keine Angst vor einer Vergewaltigung. Ich habe Angst vor dir.
Ich glaube, keiner der Therapeuten versteht so wirklich, was für einen riesengroßen Unterschied es macht, dass du unser Therapeut warst. Und die, die es verstehen, wollen uns nicht behandeln - weil, wie behandelt man das? Wenn ich Angst vor der Therapie aufgrund ihrer bloßen Existenz habe?
Aber es wird nicht besser, je länger wir suchen. Wir werden nicht weniger traumatisiert davon, vor jeder Therapie wegzurennen, weil sie Flashbacks macht und Instabilität und Chaos. Wir finden nicht irgendwann eine richtigere Therapeutin, bei der du plötzlich einfach nicht mehr existierst.
Das muss ich mir eingestehen, selbst wenn den Antrag für die Krankenkasse zu unterschreiben sich anfühlt wie ein Vertrag, mit dem ich bestätige, dass ich jetzt wieder nicht mehr mir selbst gehöre, sondern irgendeinem Therapeuten und in erster Linie wohl immer noch dir.

"Manchmal muss man ins kalte Wasser springen", sagt unsere Therapeutin, weil ich mir noch nie so unsicher war, die richtige Entscheidung zu treffen. Aber wir springen nicht in Wasser. Wir springen in Scherben und Trauma und Feuermeer.

there is another world in your eyes and I still live there,
sometimes. I still love you and I still feel you and I still hate
how everything turned out to be. I still feel your fingertips like raindrops, but somehow
you were poison.
My heart doesn't beat like it used to anymore and I can't breathe,
I can't breathe, I can't breathe and

there is another world in your eyes and it is on fire.
I got burned, but I still long to be touched by you.
Somehow we were lovers and somehow we were friends and
somehow we were not enough, gone,
never again.

We were slowly dying but
I still loved you till the end.

Montag, 14. Dezember 2020

#29: Wortkleid

Es war einmal ein kleines Mädchen, das sehr gerne sang. Sein Gesang war nicht besonders schön, nicht so wie bei den Leuten, die es oft auf CD oder im Radio hörte, aber das störte es nicht. Es war ja noch klein und die Leute im Radio waren schon ganz groß. Bis es so alt war wie die, konnte es noch ganz viel lernen!

Einmal fragte die Mutter des Mädchens es, ob es gerne ein Instrument lernen würde. Neben der Schule, auf die es ging, hatte eine Musikschule aufgemacht und seine Mutter würde ihm gerne ermöglichen, Musik zu machen, falls das sein Wunsch war.
Freudestrahlend antwortete das Mädchen: "Ich würde gerne singen lernen!"
Die Mutter aber sagte: "Deine Stimme ist nicht gut genug, um Singen zu lernen. Singen lernt man nicht wie ein Instrument - es gibt Menschen, die werden mit einer schönen Stimme geboren und die können ihre Stimme dann durch Unterricht noch schöner machen. Aber du wurdest leider mit einer schlechten Stimme geboren, deshalb kannst du nie singen lernen."
Was die Mutter dem Mädchen nicht sagte, und vielleicht war das der eigentliche Grund, war, dass sie nicht viel Geld hatte und Gesangsunterricht viel teurer war als der Unterricht für die meisten Instrumente.

Das Mädchen war sehr traurig über diese Absage.
Aber im Radio hörte sie jemanden, dessen Stimme auch nicht besonders schön war. Seine Texte waren aber sehr schön, auch wenn das kleine Mädchen sie noch nicht ganz verstand. Mit der Erlaubnis ihrer Mutter besuchte sie sogar ein Konzert von diesem Sänger und er füllte ein ganzes Stadion! So viele Menschen waren gekommen, um diesem Mann zuzuhören, dessen Stimme nicht besonders schön war, weil seine Texte so schön waren.
Also dachte sich das Mädchen, obwohl seine Mutter ihm jeden Tag sagte, dass es doch endlich aufhören sollte zu singen, weil es nervig war, seine grauenvolle Stimme zu hören: wenn ich schon nie schön singen können werde, werde ich einfach wunderschöne Texte schreiben! Dann werden mir alle wegen meiner Worte zuhören, schöne Stimme oder nicht.
Und so begann das Mädchen zu schreiben. Anfangs waren seine Texte nicht sehr schön, aber schon bald begann es, sehr stolz auf die geschriebenen Texte zu werden. Auch wenn sie längst nicht so toll waren wie von dem Menschen von dem Konzert. Aber der ist ja auch schon alt, dachte sich das Mädchen. Ich bin erst 12. Ich habe noch sehr viele Jahre Zeit, um sehr viel zu lernen!

Das Mädchen hatte eine sehr gemeine Schwester. Einmal fand seine Schwester einen der Texte und fragte es, was das für ein Text war.
"Das ist ein Liedtext", antwortete das Mädchen voller Stolz. "Den habe ich geschrieben! Es geht darin um ein Mädchen aus einem Buch, das ich neulich gelesen habe, die von ihrem besten Freund betrogen wird."
Die Schwester sah es skeptisch an. "Aber du weißt schon, dass du gar nicht singen kannst, oder?", fragte sie das Mädchen.
"Ja", antwortete das Mädchen. "Aber ich werde so tolle Texte schreiben, dass das niemanden interessieren wird, genau wie bei dem Sänger aus dem Radio!"
Die Schwester blickte spöttisch. "Sing mir doch das Lied mal vor", bat sie.
So sang das Mädchen und als es geendet hatte, sagte die Schwester: "Die Stimme von dem Sänger aus dem Radio ist einfach nur nicht gut. Von deiner bekommt man Ohrenkrebs."

Fortan sagte die Schwester des Mädchens jedes mal, wenn sie es singen hörte, ähnliche Worte: "Von deiner Stimme bekommt man Ohrenkrebs. Es ist einfach nur nervig, wenn du singst, hör auf damit."
Das Mädchen nahm all seinen Mut zusammen und fragte seine Mutter nochmal nach Gesangsunterricht. "Ich möchte gerne singen und ich schreibe auch echt tolle Texte", sagte es. "Aber meine Stimme klingt ganz schrecklich. Ich möchte machen, dass meine Stimme nicht mehr so schrecklich klingt."
Die Mutter aber sagte: "Deine Stimme ist so nervig und grauenvoll, dass niemand dir jemals freiwillig zuhören wird. Mit dem Talent zu Singen wird man geboren, also gibt es dort nichts für dich zu lernen. Du kannst lernen, Noten zu treffen, aber davon wird deine Stimme nicht weniger grauenvoll."
Und fortan sagte auch die Mutter dem Mädchen jedes mal, wenn sie es singen hörte - was oft war, denn das Mädchen sang gerne - dass es nervig war und es damit aufhören sollte.

Und so hörte das Mädchen, das eins so gerne gesungen hatte, auf zu singen. Es schrieb weiter seine Texte und manchmal, ganz selten, wenn alle Hausbewohner bis auf es außer Haus waren, sang es noch.
Einmal war doch die Schwester Zuhause, aber das Mädchen hatte es nicht gemerkt.
"Ich hab dich gerade singen gehört", sagte die Schwester. "Und ich glaube, das klang gar nicht mehr so schlimm wie früher. Magst du mir nochmal etwas vorsingen?"
Das Mädchen verneinte, doch die Schwester redete immer weiter, dass es ja dieses mal eigentlich ganz gut geklungen hätte und so sang das Mädchen ihr doch etwas vor.
Als es geendet hatte, grinste die Schwester hämisch. Sie sagte: "Es klingt immer noch genauso grauenvoll. Aber jetzt habe ich es mit meinem Handy aufgenommen und kann mich jederzeit darüber lustig machen."
Natürlich klaute das Mädchen ihr Handy, um das Video zu löschen. Aber Singen tat es danach nie wieder.

Einige Monate später lernte das Mädchen ein anderes Mädchen kennen, das schon bald seine beste Freundin wurde. Einmal sah diese Freundin es einen seiner Texte schreiben und fragte, was das war.
"Das ist ein Liedtext", sagte das Mädchen. "Ich kann leider nicht singen, aber ich schreibe sehr gerne Texte."
Die Freundin war begeistert über den Text. Sie sagte: "Du solltest mir das mal vorsingen, dann könnte ich ein Instrumental dazu machen. Ich spiele nämlich Klavier."
Das Mädchen fand diese Idee ganz wundervoll. Wenn es ein Instrumental hatte, würde sich vielleicht jemand anders finden, der sein Lied singen wollen würde. Jemand mit einer schöneren Stimme. Es hatte sogar eine Freundin im Kopf, die sehr gerne sang.
Doch dann stellte das Mädchen fest, dass es sich nicht dazu überwinden konnte, vor seiner besten Freundin zu singen. "Man hört keine Melodie bei dir", hatte seine Schwester mal gesagt, und wenn man keine Melodie hörte, dann konnte man ja auch kein Instrumental schreiben, davon abgesehen, dass es seiner besten Freundin seine grauenvolle, ohrenkrebserregende Stimme ersparen wollte. Also sang es nicht.
Seine beste Freundin war sehr enttäuscht und es selbst fast noch mehr. Was nützten denn die tollsten Texte, wenn niemand sie je hören würde, weil es selbst dazu zu unfähig war, jemandem die Melodie zu zeigen?

Und so hörte das mittlerweile nicht mehr ganz so kleine Mädchen, das einst so gerne gesungen hatte, auf, seine Liedtexte zu schreiben.
Vergessen wanderten sie erst für mehrere Jahre in seine Schreibtischschublade und schließlich, als sie es wiederfand, auf den Müll. Es hatte keine Verwendung mehr dafür. Und gut hatten sie auch nur für sein 14jähriges Ich geklungen.

Eines Tages, als es schön längst komplett alleine wohnte, lernte das Mädchen eine Sängerin kennen, die eine sehr interessante Ansicht hatte: jeder Mensch konnte singen lernen.
Das Mädchen erklärte ihr, dass es definitiv nicht singen lernen konnte. Dass seine Stimme komplett grauenvoll war und es auch gar keine Melodien singen konnte. Aber die Sängerin gab nicht auf, es vom Gegenteil zu überzeugen und schaffte es schließlich, das Mädchen zu überreden, aufzunehmen, wie es etwas sang und ihr zu schicken, damit sie ihm Feedback dazu geben konnte.
Entgegen aller Erwartungen des Mädchens sagte die Sängerin ihm nicht, dass es komplett grauenvoll, nervig und ohrenkrebserregend klang. Stattdessen erklärte sie dem Mädchen, was es beim Singen besser machen konnte, um schöner zu klingen. Und auch wenn das Mädchen nicht ganz verstand, was sie meinte, stimmten ihre Worte das Mädchen sehr glücklich. Und es beschloss: eines Tages werde ich Gesangsunterricht nehmen, wenn ich genug Geld dafür habe. Zudem fing es wieder an, Texte zu schreiben.

Das ist mittlerweile drei Jahre her und das überhaupt nicht mehr kleine Mädchen ist fast 25. Seit über einem halben Jahr kann es sich inzwischen Gesangsunterricht leisten, aber noch immer kann es nicht vor anderen Menschen singen.
"Es gibt bestimmt auch Gesangsunterricht auf Youtube", sagte der Freund dem Mädchen, nachdem es ihm endlich von diesem Problem erzählt hatte, das es so sehr quälte. "Dann kannst du das alleine in deiner Wohnung machen."
Aber die Wohnung hat zentimeterdünne Wände. Es kann jedes Gespräch seiner Nachbarn hören und sie jeden Ton, den es singt.
Und es kann doch nicht sein,
dass irgendjemand auf der Welt
seine ganz grauenvolle Stimme ertragen muss.

Sie renn' weiter und ich zerfall,
falle tief, tief, tief, tief.
Von allem, was ich wollte, gibt es nichts,
das mir noch erhalten blieb.

Alle gehen
und ich bleibe hier und sing allein für
diese Welt, in der mich niemand hört
und ich weiß genau, das wird genug für mich sein.
...

Donnerstag, 10. Dezember 2020

#28: Warum Du (k)eine DIS haben möchtest

„Ich wünschte, ich hätte auch eine DIS“, sagte mir mal jemand, kurz nach unserer Diagnose, als wir davon erzählten und gerade erklärten, was das ist. „Dann wäre ich nie alleine.“
Mir war schon vorher erzählt worden, dass es so etwas gab: ignorante Unos, die sich 'einfach so' eine DIS wünschten, weil ihnen langweilig war und sie gar nicht wussten, was traumatisiert sein eigentlich bedeutet! Deshalb machte mich das sehr wütend und ich erzählte ihm, was er sich da gerade wünschte: schwerste Traumata in der frühsten Kindheit. So etwas wollte doch niemand. Richtig respektlos, das einfach so zu sagen! Der hatte scheinbar meinen Text über die Ursachen der DIS gar nicht erst gelesen und dachte jetzt, das wäre ein lustiges Rollenspiel!

So viel Ignoranz in einer einzelnen Person.
Mir.
Denn er erzählte: von einer Kindheit voller Trauma. Jugend voller Trauma. Alles und überall Trauma - von den Eltern, den Mitschülern, den Lehrern, dem nie Sichersein, Isoliertsein, den Flashbacks, der PTBS, den ganzen Problemen, die ich selbst kannte.
Wie schön es doch wäre, das zumindest nicht alleine erlebt haben zu müssen!

Danach hörte ich auf, auf Menschen, die sagten, sie hätten gerne eine DIS, wütend zu werden und fragte stattdessen: warum?
Und in 90% der Fälle hörte ich von Misshandlungen, schwersten Kindheits- und Jugend- und Alles-Traumata, einem Leben voller Flashbacks und PTBS und sonstigen psychischen Erkrankungen.
Wie schön das doch wäre, nur für eine Sekunde vergessen zu können!

Und ich weiß doch selbst: wir alle (in unserem System) sind uns gegenseitig so unglaublich dankbar. Dafür, einen Teil der Erinnerungen zu halten, nur einen Teil des Grauens, das ich selbst nicht erlebt haben muss, nur eine Sekunde, für die ich abschalten kann, weil jemand anders übernimmt, für die Innenpersonen, die bei Flashbacks aufpassen, da sind, beruhigen, die Personen, die vor Angst beschützen, die Personen, die die Dinge tun, die ich selbst nicht sein kann.
Wie schlimm das sein muss. Ein einzelner Mensch zu sein, mit genauso viel Trauma.
Ganz alleine in der Hölle.
Und ja: die DIS hat sehr unschöne Seiten. Amnesien oder Körperdysphorien oder einfachverschwinden, einandervermissen, nicht einfach dem Trauma entkommen können, weil irgendjemand immer zurückrennt.
Aber wir alle, als Systeme, haben doch eins gemeinsam: wir haben keine Ahnung, wie es sich anfühlt, eine schwertraumatisierte Einzelperson zu sein. Also woher nehmen wir das Recht so wütend zu sein, dass jemand sich unsere Realität wünscht? Wir haben doch keine Ahnung, ob sie vielleicht erträglicher ist.

Und ja,
es ist etwas anderes, wenn jemand wirklich nicht versteht und die DIS tatsächlich für ein lustiges Rollenspiel hält.
Aber in den wenigsten Fällen kennen wir diese Menschen überhaupt.
Also warum verurteilen wir so schnell? Wenn wir selbst uns doch Akzeptanz wünschen.
Warum machen wir so schnell zu? Wenn alles, was die Welt braucht, mehr Offenheit ist.
Warum reagieren wir mit Wut? Ablehnung? Zurückweisung?
Wenn wir doch einfach fragen könnten: Warum?

Freitag, 13. November 2020

#27: ein offener Brief an Ärzte

… die Befreiungen von der Maskenpflicht nicht akzeptieren.

(Eigentlich war es ein Brief an einen ehemaligen Arzt von mir, der etwas gesagt hatte, was darauf schließen ließ, dass er das nicht tut, obwohl es im Endeffekt nicht mal stimmte, aber ich mag diesen Brief als Erklärung dafür, warum manche Menschen die Masken nicht tragen können, also dachte ich, ich poste ihn hier mal.) Der absolute Ehrenarzt, an den das ging, hat mich übrigens gefragt, ob er den Brief ans gesamte Behandlungsteam weiterleiten darf, für mehr Aufklärung über psychische Probleme!

Hallo [Name],

ich bin nicht mehr [bei Ihnen] in Behandlung, jedoch schreibe ich Ihnen, weil ich Ihren Corona-Newsletter lese und ich eine Stelle daraus als diskriminierend empfinde. Ich bin mir sicher, es ist nicht Ihre Absicht, irgendeine Gruppe von Menschen zu diskriminieren, deshalb wollte ich Ihnen erklären, warum ich das so empfinde.
Und zwar geht es um den Absatz bezüglich der Maskenpflicht. Sie schreiben, dass in der Klinik davon keine Ausnahmen gemacht werden, da in Studien keine Gesundheitsgefährdung durch das Tragen einer Maske festgestellt werden konnte. Da kann ich Ihnen natürlich nicht widersprechen, die Masken haben einen enormen Vorteil und der Bereich der Medizin ist ohnehin Ihr Fachgebiet, nicht meins.

Als Kinderprostitutionsopfer möchte ich Ihnen dennoch eine andere Seite der Maskenpflicht aufzeigen, die in Ihren Überlegungen vermutlich bisher nicht vorgekommen ist (was auch verständlich ist, wenn Sie sich bisher nicht mit dem Thema beschäftigen mussten, was man hoffen möchte).
Ich habe sehr viele Bekannte, die in ihrer Kindheit mehrfach vergewaltigt wurden und nahezu alle (inklusive mir) haben dasselbe Problem: das Tragen der Maske erinnert sie an traumatische Erlebnisse. Es ist dem Gefühl sehr ähnlich, den Mund zugehalten zu bekommen, einmal wegen der Bedeckung, aber auch aufgrund des Gefühls schlechter Luft zu bekommen. Leider passiert dies während einer Vergewaltigung sehr häufig, damit das Opfer keine Möglichkeit hat, auf sich aufmerksam zu machen.
Natürlich ist das Tragen einer Maske nichts schlimmes und es passiert auch nichts schlimmes dadurch, aber das ist eben leider nicht wie Trauma funktioniert. Eine PTBS verändert eben leider wie das Gehirn auf Reize reagiert und dagegen kann man nichts machen, zumindest kurzfristig nicht (langfristig hilft natürlich Therapie).
Ich kenne einige Menschen, die die Maske nur für eine sehr begrenzte Zeit tragen können (z.B. 5 Minuten), bei längerem Tragen haben sie ziemlich sicher einen Flashback. Und ja: ein Flashback macht keine gesundheitlichen Schäden. Niemand stirbt durch einen Flashback. Aber Menschen sterben durch Suizid, jeden Tag. Und Menschen sterben durch Dauerstress, der entsteht, wenn man mehrfach am Tag durch solche Flashbacks belastet ist.

Auch aus diesen Gründen gibt es Befreiungen von der Maskenpflicht. Wenn Sie schreiben 'wir machen keine Ausnahmen bei der Maskenpflicht', dann machen Sie Ausnahmen bei der Behandlung. Für all die Leute, deren PTBS zu schlimm ist, als dass sie eine Maske über einen längeren Zeitraum tragen könnten. Für all die Kinder, die regelmäßig vergewaltigt werden, von denen es auch in [Ihrer Klinik] welche gibt. Für all die Eltern und Erwachsenen Überlebenden. Wir existieren auch. Und wir brauchen solche Ausnahmen.

Ich schreibe Ihnen das, weil ich mir sicher bin, dass es Ihnen schlichtweg nicht bewusst ist. Sie betreuen Menschen mit [Name der Krankheit], keine Menschen mit psychischen Erkrankungen. Aber es gibt eben auch [Menschen mit der Erkrankung] mit psychischen Erkrankungen, mit Trauma, mit Überlebenshintergrund aus der Kinderpornografie oder von übergriffigen Eltern, Nachbarn, Familienmitgliedern, … Und wir können keine Masken tragen. Zumindest in vielen Fällen.
Ich hoffe, dass Sie sich dessen bewusst werden und Menschen, die von der Maskenpflicht durch Hausärzte, Psychiater, etc. befreit sind, zumindest anhören bezüglich ihrer Gründe, bevor Sie ihnen, schlichtweg aus Ignoranz, die Behandlung verweigern.

Dienstag, 3. November 2020

#26: Trauma, DIS und Sexualität II

Riesige Triggerwarnung für's Thema Sex/Sexualität an dieser Stelle.

Das Trauma spürt man in jedem Moment.
Jedes Mal, wenn wir jemandem nah sind, achten wir auf Atem, Bewegungen, Geräusche. Weil wir so sehr gelernt haben, dass man uns nicht nahe sein kann, ohne Sex mit uns haben zu wollen. Dass gleich irgendetwas passiert, auf das man vorbereitet sein muss. Damit man das Nein schon minutenlang vorher im Kopf proben kann.
Früher haben wir uns immer mit Menschen angefreundet, die dann versucht haben, auszunutzen, dass wir so schlecht Grenzen setzen können. Wir haben es immer angesprochen, dass wir sexuelles Trauma haben und dass wir nicht oder nur sehr schlecht Nein sagen können, obwohl wir nichts davon wollen und bei jedem Treffen ist trotzdem irgendetwas in die Richtung passiert. Dadurch haben wir gelernt, dass jeder grundsätzlich nur Sex mit uns möchte. Und jetzt ist es so in unser Gehirn eingebrannt.

Wir können Menschen nicht körperlich nahe sein, ohne erregt zu werden. Das fühlt sich widerlich an zuzugeben, vor allem, da ein überwiegender Teil von uns tatsächlich (nicht sexuelle!) Nähe braucht. Herzlichen Glückwunsch, jetzt wissen alle unsere Freunde, was bei uns passiert, wenn wir sie kuscheln.
Aus diesem Grund werde ich nie müde zu betonen, dass Erregung nichts schlimmes ist und nichts, was man irgendwie kontrollieren kann. Erregung ist eine unbewusste Reaktion auf einen sexuellen Reiz. Und weil wir fast unser gesamtes Leben lernen durften, dass Nähe ohne Sex nicht existiert, ist Nähe für unser Gehirn mittlerweile ein Zeichen dafür, dass gleich Sex folgt. Oder eben eine Vergewaltigung. Jedenfalls etwas, was man körperlich schon mal vorbereiten muss.
Dasselbe würde passieren, wenn man jedes mal Pfefferminztee trinkt, bevor man Sex hat - und ausschließlich dann. Dann würde man irgendwann davon erregt werden, Pfefferminztee zu trinken, selbst wenn man gerade mitten in der Stadt in einem Café ist. Man findet dann weder Pfefferminztee sexuell erregend, noch will man Sex mit der Person haben, die einem den Tee gerade gemacht hat.

Es hat auch nichts damit zu tun, was passiert. Wir haben nie irgendwen von uns aus angefasst außer unsere Beziehungspartner und werden es auch nicht tun. Wenn jetzt trotzdem jemand angewidert ist und uns nicht mehr umarmen will, kann ich es trotzdem verstehen. Es ist dennoch ein Missbrauchssymptom. Es heißt, dass wir jahrelang vergewaltigt wurden. Und sonst nichts. Das muss man dazu sagen.
Zumindest muss ich es dazu sagen. Weil ich mich widerlich dafür fühle, aber nichts dafür kann und es nichts bedeutet und ich nicht widerlich bin und mich auch sonst niemand widerlich finden sollte, nur weil mein Körper traumatisiert reagiert. Dass ich es verstehen kann, ändert nichts daran, dass es eine grauenvolle Reaktion wäre.
Und ich bin fest davon überzeugt, dass es vielen Menschen mit sexuellem Trauma ähnlich geht. Es wird nur nie darüber geredet. Wir tragen alle dieselbe Scham. Nur deshalb schreibe ich es an dieser Stelle überhaupt auf.

Ich bin mir sicher es gibt viele solcher schambehafteten Symptome. Bei denen man vielleicht weiß, Ja, es ergibt Sinn, dass es entstanden ist, aber irgendwie scheint niemand außer man selbst davon betroffen zu sein. Irgendwie redet niemand darüber. Wie klingt denn das auch? Dass der Körper jeden Menschen, der zu nahe kommt, als potentiellen Sexpartner sieht. Garantiert ist nur man selbst so ganz furchtbar widerlich.
Über das hier habe ich nie geredet bis ich neulich beschlossen habe, daran zu arbeiten, dass ich so unglaublich viel Scham aufgrund der hypersexuellen Innenpersonen in unserem System empfinde. Wie soll ich jemals akzeptieren können, dass all das Trauma zu Personen in meinem Körper mit Sexsucht geführt hat, wenn ich nicht mal mich selbst annehmen kann? Also habe ich mit ruru darüber geredet. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass auch andere Menschen uns deswegen widerlich finden werden, zumindest ein paar. Und dann saß ich da und dachte: das kann doch nicht richtig sein. Ich bin doch bestimmt nicht die einzige Person mit sexuellem Trauma, der es genauso geht. Wir können doch nicht kollektiv abgelehnt werden aufgrund der Folgen zu vieler Vergewaltigungen.
Aber ich weiß auch: Verständnis und Akzeptanz entsteht nie in Abwesenheit von Erklärungen. Also erkläre ich jetzt. Erkläre ich für mich und uns und für jede andere Person, die ähnliche Probleme hat. Und wenn mich oder uns irgendjemand widerlich findet deswegen, dann ist das eben so. Wenn mich oder uns deswegen irgendjemand nicht mehr treffen möchte, dann ist das nicht unsere Schuld. Dann war es alleine die Entscheidung der Person. Das hat nichts mit uns zu tun.

[Fortsetzung folgt.]

Mittwoch, 28. Oktober 2020

#25: Trauma, DIS und Sexualität

Riesige Triggerwarnung für's Thema Sex/Sexualität an dieser Stelle.
Falls jemand sich fragt, warum wir 'Sex' ständig mit * schreiben: es gibt halt ziemlich viele sexuelle Dinge, die man machen kann, die nicht direkt Sex sind, aber dafür gibt es irgendwie kein Wort oder zumindest haben wir keins, also schreiben wir halt 'Sex*'.

Die meisten anderen Systeme, mit denen wir bisher über das Thema Sexualität geredet haben, sind fast durchweg asexuell. Damit meine ich, dass 90% des Systems asexuell ist - in fast jedem System gibt es 'sexuelle Anteile'. Das liegt daran, dass so gut wie jedes System massive sexuelle Gewalt erfährt, deren Erleben oft dadurch überlebt wird, einen Anteil zu erschaffen, der das alles tatsächlich "mag". Ich setze dieses Mögen in Anführungszeichen, weil ein sexueller Anteil bei uns nur einmal einvernehmlichen Sex* brauchte, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Vergewaltigungen eigentlich überhaupt nicht schön waren und sie diese gar nicht wirklich mochte.
Dafür, wie das in anderen Systemen ist, kann ich natürlich nicht sprechen. Und vielleicht sind auch gar nicht wirklich so viele Systeme asexuell, wie es für uns den Anschein macht. Vielleicht wird einfach nur nicht viel darüber geredet.

Wir waren lange Zeit darüber verwirrt, ob wir asexuell sind oder nicht, als wir noch dachten, wir wären eine einzelne Person. Die Trauma-Anteile, wie sexuelle Anteile, nahmen wir als Alltagsteam nicht wahr - zu viel Amnesie. Aber Dawn war sehr offensichtlich nie asexuell. Während ungefähr der Rest des Alltagsteams die Vorstellung von Sex entweder widerlich fand oder Angst davor hatte. (Ja. Das ist nicht, was Asexualität ist. Darauf gehe ich gleich ein.)
Tatsächlich schwankten wir lange dazwischen, uns als 'grey-asexuell' oder 'demisexuell' zu bezeichnen. Dabei wussten wir nicht mal, mit Ausnahme von Dawn, ob wir überhaupt sexuelle Anziehung empfinden. Und noch schwieriger war es, zwischen sexueller Anziehung und dem Wunsch, Sex zu haben, zu unterscheiden. Es war alles sexuell. Es war alles grauenvoll. Ende des Gedankengangs.

Das erste mal positive Sexualität haben wir in unserer zweiten Beziehung erlebt, wenn auch nur für kurze Zeit. Dann wurden immer mehr Grenzen missachtet, bis es auch zu Vergewaltigungen kam.
Trotzdem hat uns das nachhaltig geprägt - ja, auch das Positive. Wir sind wesentlich offener für das Thema geworden. Wir haben uns, soweit unserer Möglichkeiten, sogar damit beschäftigt: verschiedene Sexualitäten. Verschiedene Fetische. Verschiedene Menschen.
Unsere eigene Sexualität wurde aber durch die sexuelle Gewalt immer weiter zerstört. Wir waren alle akut traumatisiert. Niemand wollte mehr irgendetwas damit zu tun haben.

Das hielt an bis Melanie sich ein Jahr nach Ende der Beziehung in jemanden verliebte.
Zu dieser Person entstand zuerst eine Freundschaft+ und, nach ein paar Monaten, auch eine Beziehung.
Am Anfang war es schrecklich. Ich weiß nicht, wer damals in diesen Situationen eigentlich draußen war, aber es wurde ständig dissoziiert und traumatisierte Innenkinder kamen raus. (Das war immer noch alles vor der Diagnose.) Irgendwann lernte Melanie zu bemerken, wenn sie anfing zu dissoziieren - was noch nichts brachte, weil sie nicht Stopp oder irgendetwas sagen konnte. Fast niemand von uns konnte das.
Aber ruru gab uns Zeit. Er hörte uns zu und lernte uns kennen und sah all die kleinen Neins und Stopps, die immer wieder missachtet worden waren. Und vor allem fing er an, bei allem zu fragen, ob das okay war, ob wir das wollten und kein einziges mal nahm er unser Schweigen als Ja. Auch kein 'ich mag dich' war ein Ja für ihn. Weil 'ich mag dich' nicht Ja heißt sondern 'Nein, aber ich habe Angst, dass du mich nicht mehr magst, wenn ich das sage'. Zumindest bei uns. Ich weiß nicht, wie das bei nicht traumatisierten Menschen ist.

Ganz langsam lernten wir auch selber Nein zu sagen.
Das ist immer noch ein Prozess, auch über zwei Jahre später. Nicht immer schaffen wir es. Hören tut er es trotzdem immer. Fast immer.
Ich erinnere mich an eine Situation, die sehr uneinvernehmlich war, was er aber nicht gemerkt hat. Das wollte ich ursprünglich nicht erwähnen, weil es ihm unglaublich leid tat und es definitiv nicht seine Absicht war.  Aber irgendwie ist es trotzdem wichtig. So etwas wird es geben, wenn man selbst nicht ausreichend kommunizieren kann, was man möchte, selbst wenn der Partner sich noch so viel Mühe gibt.
Es war nur eine Minute, vermutlich sogar weniger, dann hat er selbst gemerkt, dass irgendetwas fundamental falsch ist. Das ist nichts im Vergleich zu sexuellem Missbrauch. Es ist trotzdem eine Minute, in der man überzeugt ist, es passiert jetzt wieder.

Ich würde mich immer noch als asexuell definieren, denke ich. Wir machen uns inzwischen wenig Gedanken um solche Schubladen. Sexuelle Anziehung spüre ich definitiv nicht und Sex* fühlt sich für mich 99% der Zeit widerlich an. Auch wenn ich inzwischen akzeptieren kann, dass es anderen Innenpersonen anders geht.
Aber viele Innenpersonen, also 80% der Erwachsenen, würde ich sagen, haben das inzwischen (kennen)gelernt: einvernehmliche Sexualität. Mit jemand anderem. Alleine ist ein ganz anderes, viel größeres, Problem. Da hat man selber Kontrolle. Und das geht irgendwie nicht.
In unser Gehirn ist eingebrannt, dass Sexualität mit Kontrollverlust einhergeht. Ein kurzes 'Stopp' ist vielleicht noch okay, da behält trotzdem jemand anders die Kontrolle darüber, was er damit macht. Sich selbst die Kontrolle zu geben? Unmöglich. Zumindest bisher.

Tatsächlich Sex kann noch niemand von uns haben. Vor einiger Zeit hat es jemand versucht, aber wir haben sofort massive Bauchkrämpfe bekommen, was wohl ist, wie unser Körper uns sagen möchte, dass wir das lieber nicht machen sollten.

Und jetzt dissoziiere ich.
[Teil 2 folgt.]

Freitag, 23. Oktober 2020

#24: Wie man Vertrauen lernt

Es gibt eine traurige Wahrheit, die immer wieder vergessen wird: man lernt Dinge nur, indem man sie immer wieder versucht und versucht und darin versagt, versagt, versagt, Fehler begeht, Rückschläge erleidet, um schließlich am Ziel anzukommen, das man sich eigentlich ganz anders vorgestellt hatte.
Es gibt bei uns eine Wahrheit, die (gefühlt) in unsere DNA einprogrammiert ist: nicht jeder Mensch ist böse!
Und trotzdem fragte ich ruru, nach all der langen Zeit, die ich nicht draußen war, ob er mir jetzt wehtun würde. Und ich frage ihn immer noch, ob er mir auch wirklich nicht wehtut und ob er mich auch wirklich beschützt und lieb hat und ob ich wirklich nie wieder so schlimme Dinge tun muss. Jeden Tag.
Vertrauen ist nämlich gar nichts hübsches oder bedingungsloses. Man kann vertrauen und trotzdem Angst bekommen sobald jemand ein wenig genervt klingt, ein wenig wütend klingt, man einen Fehler begeht. Vertrauen ist nicht, grundsätzlich immer zu wissen, dass mir jemand nichts tut, sondern es ist, zu fragen „aber du tust mir doch nichts, oder?“ und sich ein klein wenig besser zu fühlen, nachdem man ein „ich tue dir nichts, versprochen“ als Antwort bekommt.
Aber um zu sehen, dass einem nichts getan wird, muss man erstmal in eine Situation gehen, in der einem etwas getan werden könnte, um dann zu sehen: es passiert gar nichts.
Und dass gar nichts passiert, ist auch eine Lüge.
Nicht jeder Mensch will einem wehtun. Aber ruru hat Mina schon mal gesagt, dass es nervig ist, dass sie immer fragt, ob sie nervig ist. Da hat sie ganz viel geweint und gesagt, aber sie denkt es doch und fühlt sich doch so und er meinte doch, Gefühle sind nie falsch, aber scheinbar findet er ihre falsch, weil er sie nervig findet. Und da hat er sich entschuldigt und sie ganz doll umarmt. Und als Melanie einem Freund von der DIS erzählt hat, hat der gesagt: aber was ist denn, wenn ich die richtige Melanie jetzt gar nicht mag? Weil er das einfach nicht richtig verstanden hatte mit der DIS!
Vertrauen heißt nämlich gar nicht, dass die Person einen nicht verletzen wird, sondern dass man versteht, ob die Person einen verletzen wollte und dass es nichts (am Vertrauen) kaputtmacht, wenn die Verletzung nicht die Absicht war.
Aber natürlich gibt es auch Menschen, die einem absichtlich wehtun, wenn man ihnen vertraut. Aber wenn man es immer und immer und immer wieder macht, merkt man, dass das eigentlich gar nicht so viele sind. Es gibt sehr viel mehr nette Menschen als gemeine! Die tun einem auch ganz oft weh, nur eben nicht absichtlich. Und das ist eigentlich ziemlich schön. Es geht nämlich nicht die Welt unter, weil jemand sich falsch ausgedrückt hat. Das lernt man irgendwann.

Montag, 19. Oktober 2020

#23: ein kurzer Abstecher in die Traumadiagnostik

Die (k)PTBS ist von einer Reihe Symptome aus verschiedenen Symptomkategorien gekennzeichnet, von denen je nach betroffenem Individuum verschiedene zutreffen. Es gibt Symptome, die für die Diagnose definitiv zutreffen müssen, andere, die nicht zwingend zutreffen müssen, aber sehr häufig sind und wieder andere, die zwar ebenfalls auftreten können, aber nicht ganz so häufig sind.

In der Vergangenheit haben wir immer wieder mit Menschen geredet (meist Psychologen), die uns Symptome einreden wollten, die wir gar nicht haben, weil doch aber 95% aller Leute mit PTBS diese Symptome haben oder die bestimmte Symptomausprägungen, die wir haben, übersehen haben, weil sie nicht der "Standardsymptomausprägung" entsprechen. Teilweise haben wir natürlich auch selbst Symptome nicht wahrgenommen, weil diese beispielsweise nur bestimmte Innenpersonen betrafen, zu denen aber starke Amnesie bestand oder teilweise auch aus dem Grund, dass sie uns falsch kommuniziert wurden. Letzteres haben wir vor ein paar Tagen festgestellt und daraus ist im Endeffekt auch dieser Post entstanden.
Vermutlich geht es jeder Person mit einer posttraumatischen Belastungsstörung ähnlich. Es gibt einfach Symptome, die im ICD-10 (oder 11) stehen, die man so einfach nicht unterschreiben kann. Und irgendwie scheinen "alle anderen" auch ganz andere Symptomausprägungen in diese Richtung zu haben. Nur dass es eben immer andere Symptome betrifft.

Deshalb folgt heute eine Liste an Annahmen, die andere Menschen ständig über unsere PTBS machen (oder teilweise auch über die PTBS allgemein), die so einfach nicht stimmen; mit dazugehöriger Erklärung natürlich. Und zudem der erwähnten Falschannahme, die wir selbst jahrelang hatten.

  1. "Bei einer PTBS hat man immer Flashbacks."
    Falsch. Aber tatsächlich sogar vom Fachpersonal häufig so kommuniziert. Die Realität ist allerdings, dass die Diagnoserichtlinien ausschließlich sagen, dass man das Trauma wiederholt nacherlebt - das kann in Form von Flashbacks sein. Es kann jedoch auch in der Form von Intrusionen sein (eine Art Mini-Flashback, bei der einem jedoch voll bewusst ist, dass es sich um eine Erinnerung handelt und gerade nichts passiert). Selbst ein Wiedererleben in der Form von Albträumen ist für die Diagnose absolut ausreichend.

  2. "Bindungsstörungen bedeuten grundsätzlich, dass man misstrauisch gegenüber allen Menschen ist und (nahezu) niemanden an sich heranlässt."
    Ebenfalls falsch. Zwar scheint es bei der Mehrheit der betroffenen Bevölkerung so zu sein (zumindest nach unseren Beobachtungen), aber es gibt auch ein genau gegenteiliges Verhalten, das ebenfalls manchmal bei Bindungsstörungen auftritt: man schmeißt jedem Menschen sein Vertrauen entgegen, als hinge das eigene Leben davon ab. Das mache ich. Herzlich willkommen in meiner Welt voller Liebe und Verletzlichkeit. Ich freunde mich innerhalb von Minuten mit Menschen an, entwickle Gefühle für sie nach ein paar Stunden und muss mich die ganze Zeit zurückhalten, nicht jeden Menschen, den ich treffe, total mit Zuneigung zu überschütten, weil ich gelernt habe, dass das die meisten Menschen vollkommen überfordert. Und wenn ich dann damit anfange, ist es für die meisten Menschen trotzdem immer noch zu früh. Oder sie denken, ich muss in sie verliebt sein, sonst könnte ich mich gar nicht so verhalten. Oder andere Menschen denken das.
    Ich bin nicht naiv. Meine Menschenkenntnis ist größtenteils ziemlich gut, würde ich behaupten. Aber ich binde mich definitiv schneller an Menschen als ich ihre Vertrauenswürdigkeit einschätzen kann - und das ist auch eine Bindungsstörung. Wenn jemand nach drei Tagen sagt, dass er doch kein Interesse an der Freundschaft hat und man sich fühlt, als hätte man einen langjährigen Freund verloren. (Zum Glück halten meine Freundschaften selten lange genug, dass ich tatsächlich langjährige Freunde verlieren könnte, das war bisher in der Regel tatsächlich [re]traumatisierend.)
    Und generell kommt diese Form der Bindungsstörung bei uns auch deutlich häufiger vor als grenzenloses Misstrauen in andere Menschen. Wirklich misstrauisch sind nur eine handvoll von Innenpersonen.

  3. "Bei einer PTBS ist man grundsätzlich dissoziiert von seinem Körper oder hat zumindest ein sehr schwieriges Verhältnis dazu."
    Ich glaube, das ist tatsächlich in den aller-, allermeisten Fällen so; wobei ich mich auch irren könnte. Den Eindruck bekomme ich nämlich nur, weil gefühlt nahezu niemand (positiv) darüber redet. Aber vielleicht wird auch einfach das Thema nicht gemocht.
    Bei mir (und da kann ich an dieser Stelle wirklich nur von mir reden, bei vielen Innenpersonen ist es komplett anders) ist es so: mein Körper und ich, wir sind ein perfektes Team. Er ist echt super. Selbst mit kaputter DNA gibt er sich unendlich viel Mühe.
    Ich kann intuitiv den allermeisten Fällen sagen (ich würde sagen, ich liege so zu 98% richtig), ob Schmerzen, die ich habe, psychisch bedingt sind oder aufgrund einer körperlichen Verletzung/Krankheit auftreten. Letztes Jahr, als mein Immunsystem sich verabschiedet hat und mir von allen Seiten, allen Ärzten, allen Psychologen gesagt wurde: das passiert halt bei komplexen Traumafolgestörungen irgendwann. Das ist normal. Selbst da wusste ich, auch nach einem Jahr noch, dass die Ursache nicht psychisch ist (und siehe da: eine Schimmelbelastung in rurus Wohnung, spezifisch der Matratze, auf der ich bei ihm geschlafen habe, wurde gefunden, nachdem ich monatelang akribisch meine Symptome beobachtet habe). Ich stelle fest, welches Essen mir gut tut und welches nicht, ohne aufwendige Ernährungstagebücher zu führen. Und so weiter und so fort. Mein Körper und ich sind ein tolles Team. (Außer Hungersignale. Die habe ich nicht. Das ist sehr traurig.)

  4. "Vermeidung geschieht bewusst und willentlich."
    Vermeidung ist ein Symptom der (k)PTBS. Es werden Aktivitäten, Situationen oder Menschen vermieden, die einen an das Trauma erinnern, teilweise auch Gedanken daran, insofern das geht. Für uns klang Vermeidung immer nach einer Entscheidung. Natürlich in dem Gedanken getroffen, dass man bei einer bestimmten Aktivität vielleicht einen Flashback oder ähnliches haben könnte, also sehr nachvollziehbar, aber eben nie etwas, was wir gemacht haben. Das haben wir Psychologen auch immer gesagt - dass wir nicht vermeiden. Wir reden über unser Trauma, weil es wichtig für uns ist. Wir machen Dinge, von denen wir wissen, dass sie uns triggern könnten, weil wir sie für die Möglichkeit machen wollen, dass sie das vielleicht nicht tun. Das erste Mal, das wir uns aktiv zu Vermeidung entschieden haben, war Ende 2018, als wir beschlossen haben, dass wir nie wieder nach Hannover fahren würden. Davor nicht. Und niemand hat uns jemals erklärt, wie beschränkt unser Bild von Vermeidungsverhalten ist, bis wir neulich (wie so oft) irgendetwas nicht machen konnten, das wir eigentlich machen wollten, weil wir aus welchem Grund auch immer (ich erinnere mich nicht mehr an das Ereignis) so starke Panik davor hatten, dass es schlichtweg nicht möglich war, überhaupt das Haus zu verlassen, weil wir so doll geweint haben. Und plötzlich haben wir verstanden: das ist auch Vermeidung. Und das haben wir ständig. Wir wollen etwas machen, aber können es einfach nicht. Und hinterher ist Selbsthass, hinterher ist Frustration, hinterher ist Traurigkeit. Aber wir schaffen es eben einfach nicht. Vielleicht bei einem späteren Versuch.
    Im Endeffekt fühlt sich einfach das Wort falsch an. Etwas zu vermeiden klingt so, als würde man es freiwillig tun: ich will das nicht. Dann geht es mir schlecht. Und niemand redet darüber, dass es einfach schlichtweg nicht möglich ist. Dass man einfach auch schlichtweg nicht in der Lage ist, sich zu zwingen. Selbst wenn man die Dinge, die so viel Angst machen, trotzdem gerne machen würde.

    Mir war es wichtig, das insbesondere aufzuschreiben, weil ich nicht weiß, ob es nicht anderen traumatisierten Menschen genauso geht wir uns und sie jahrelang ständig denken: aber ich vermeide ja nichts.
    Vielleicht hatten wir auch einfach besonders viel Pech damit, dass uns nie vernünftig erklärt wurde, was genau mit Vermeidung eigentlich gemeint ist. Vielleicht ist unser Verständnis des Wortes grundsatzfalsch.

    Aber auch wenn es an dieser Stelle bloß ein Missverständnis war:
Euer Trauma ist mehr als Symptome. Davon abgesehen, dass man von einem Trauma nicht zwangsläufig eine PTBS entwickeln muss, um darunter zu leiden - es gibt viele Traumafolgen, die keine posttraumatische Belastungsstörung, aber trotzdem unglaublich belastend sind.
Gleichzeitig sind aber nicht nur wir sondern auch jedes Trauma individuell. Ihr müsst nicht die genau gleichen Symptome haben wie irgendjemand anders, um "richtig" traumatisiert zu sein. Jeder hat seine eigenen Symptome. Seine eigenen Folgen.
Bitte vergleicht eure nicht mit anderen oder andere mit euch und versucht, daran abzuleiten, wie (wenig) valide irgendeine Erfahrungsreaktion ist. Es führt zu nichts.

Sehr viel Kraft & Licht an euch.

Freitag, 16. Oktober 2020

#22: Erste Person Plural II

Und ich denke, wenn man in einer Situation verstanden werden will, die für andere Menschen nicht einfach zu verstehen ist, weil sie eben nicht in der normalen Erlebenswelt eines Menschen vorkommt, muss man oft auch Wünsche äußern. Denn manche Menschen fragen nach, aber andere auch wieder nicht und das liegt nicht zwangsläufig daran, dass es sie nicht interessieren würde, sondern oft auch an der Angst, etwas falsch zu machen oder eigenen traumatischen Erfahrungen, aufgrund derer sie sich ohnehin wie eine Belastung fühlen. Damit möchte ich nicht sagen, dass man für das Verhalten anderer Menschen zuständig ist. Aber es kann vieles einfacher machen, wenn man direkt auf sie zugeht.
Also schreiben wir an dieser Stelle auf, wie wir uns wünschen, dass andere Menschen mit uns umgehen.

Wir sind ein System - das bedeutet für uns, dass wir eine große Familie sind. Nur teilen wir eben ein Leben. Das heißt, uns bekommt man nur zusammen - aber gleichzeitig existieren wir auch alle einzeln. Wir möchten gerne alle als einzelne Personen behandelt werden, zumindest in einem Moment. Wenn man allgemein über uns spricht, ist es total schön, wenn Pluralpronomen benutzt werden und wir auch sonst im Plural angesprochen werden, eben durch Sachen wie "Flauschis" (man kann sich auch was anderes ausdenken, uns ist selbst einfach noch nichts eingefallen). Aber wenn man direkt in einem Gespräch mit uns ist, dann wollen wir (also die Person, die gerade draußen ist) als eigene Person gesehen werden. Das äußert sich dann sowohl in so Sachen wie, dass der Name der Person verwendet wird, die gerade draußen ist (oder dass nach dem Namen gefragt wird, wenn man ihn nicht kennt), als auch, dass man Dinge an die richtige Person adressiert. Also, wenn man zum Beispiel etwas sagen möchte, das spezifisch an eine Person geht (beispielsweise Lana, weil man mit ihr bisher am meisten zu tun hatte) und man weiß aber, dass gerade eine andere Person draußen ist, dass man dann sagt: "Hey, könntest du Lana sagen, dass ...", anstatt die Person anzusprechen mit: "Lana, ich wollte dir sagen, dass ..." Weil die Person eben nicht Lana ist. Und ständig Lana genannt zu werden, obwohl man jemand ganz anderes ist, tut eben weh.
Es äußert sich aber auch in Sachen wie, die Person altersgerecht zu behandeln. Dawn redet beispielsweise gerne über erwachsene Themen. Und natürlich kann man diese dann auch bei ihr ansprechen. Wenn dann stattdessen Skye draußen ist, die ebenfalls erwachsen ist, kann man natürlich fragen: "Kann ich auch mit dir über dieses Thema sprechen?" Aber wenn gerade ein fünfjähriges Kind draußen ist, sollte man es eben einfach lassen. Alles andere ist meistens sehr verängstigend.

Dazu zählt ebenfalls, dass man auf das individuelle Verhältnis, das man mit der jeweiligen Person hat, eingeht. Es reicht eben nicht aus, den richtigen Namen zu benutzen. Wenn man bisher nur mit Lana Kontakt hatte, selbst wenn man sie schon jahrelang kennt und richtig gut mit ihr befreundet ist, ist es einfach unglaublich befremdlich, eine andere Person, die gerade draußen ist, die man noch nie getroffen hat, wie eine jahrelange Freundin zu behandeln. Oder weibliche Pronomen oder Bezeichnungen zu benutzen, bei einer Person, deren Gender man nicht mal weiß, nur weil der Körper und ein Großteil des Systems weiblich sind.
Oft bekommen wir auch Aussagen, die definitiv an eine bestimmte Innenperson gerichtet sind (in der Regel Lana), aber dann einfach systemweit angewendet werden. Es ist einfach verletzend, gesagt zu bekommen "ich finde es schön, dass du immer so gefühlsübersprühend bist", wenn man das gar nicht ist und man weiß, es ist mal wieder Lana gemeint und man selbst wird einfach nicht gesehen und in den Lana-Topf geworfen. Weil Lana die meiste Zeit da ist, werden wir dann kollektiv als sie gesehen und auch so behandelt. Menschen benutzen dann vielleicht den richtigen Namen, aber sie verstehen eben nicht wirklich, was das gerade bedeutet - dass sie wirklich mit jemand anderem sprechen.
Aus demselben Unverständnis heraus werden Lana und Melanie in den allermeisten Fällen entweder als ein und dieselbe oder als zwei vollkommen getrennte Personen gesehen. Aber das ist beides nicht richtig. Lana ist aus den geteilten Erinnerungen zweier Innenpersonen entstanden - Melanie und Caomhe. Das bedeutet, dass 95% von Lanas Charakter auf den Lebenserfahrungen von Melanie aufbaut (Caomhe war ziemlich selten draußen). Dadurch sind auch ihr Charakter und ihre Gefühle so ähnlich. Aber sie ist eben nicht Melanie. Gleichzeitig ist Melanie aber auch keine andere Person. (Dasselbe gilt natürlich für Caomhe.)

ruru erkennt oft einfach am Verhalten oder an der Stimme, wer draußen ist, meistens aber auf jeden Fall, wenn ein Wechsel passiert ist oder wenn jemand anders co-bewusst ist. So etwas kann man nicht erwarten. ruru verbringt eben nur unglaublich viel Zeit mit uns und dann lernt man solche Kleinigkeiten eben. Dann merkt man, dass Fólan ein bisschen tiefer redet, dass Skye weniger Emotionen in der Stimme hat, Dawn überall ein Ausrufezeichen setzt (auch wenn sie redet). Man erkennt den Unterschied zwischen Lanas Stimme, die sehr kindlich klingt und tatsächlichen Innenkindern, die erstens noch kindlicher klingen und zweitens ein anderes Vokabular haben. Man weiß, welche Kinder viel reden und welche wenig und die bestimmten Sätze oder Wörter, die so nur ganz bestimmte Innenpersonen sagen. Oder die Verhaltensweisen, die nur bestimmte Innenpersonen haben. So was kann niemand erkennen, der uns nur selten sieht oder fast ausschließlich schriftlich mit uns kommuniziert.
Aber manchmal werden wir stiller, obwohl wir gerade noch viel geredet haben. Oder unsere Stimme wird kindlicher, selbst dann, wenn man Lanas Tonfall gewohnt ist. Und es wäre unglaublich schön, dann gefragt zu werden: "Wurde gerade gewechselt?" oder "Bist du noch [Name der Person, die vorher draußen war]?"
Manchmal ist das auch gar nicht so. Aber es könnte ja sein.

Gleichzeitig wäre es sehr schön, wenn nicht einfach angenommen werden würde, dass eine bestimmte Person draußen ist (zum Beispiel Lana). Auf Discord ist das okay, weil dort in der Regel im Wechsellog steht, wer gerade draußen ist und falls die Information dort mal falsch sein sollte, dann ist das komplett unser Fehler und man kann da niemandem einen Vorwurf machen.
Wenn man uns jedoch IRL oder in einem Voice Chat antrifft, dann werden wir vermutlich keine Wechsellogs aktualisieren (dann ist unsere Aufmerksamkeit wo anders). Und man selbst schaut dann vermutlich auch gar nicht nach. Also wäre es schön, wenn gefragt werden würde, wer gerade da ist.
So ein Wechsel kann schnell passieren. Mitten in einem Gespräch merkt man es vermutlich, wenn man weiß, dass so etwas existiert, aber wenn man nicht gerade mit der Person redet, ist es sehr unwahrscheinlich, dass man irgendetwas merkt. Vielleicht wäre es ein bisschen viel nach jedem Gang aufs Klo neu zu fragen: "Und, wer ist jetzt draußen?" (auch wenn es definitiv kein Problem wäre und vermutlich sehr schön). Aber wenn einem etwas anders oder komisch vorkommt, wäre es schön, gefragt zu werden. Wir werden in solchen Situationen nämlich oft gefragt, ob alles in Ordnung ist (weil wir uns plötzlich anders verhalten). Und meistens ist alles in Ordnung. Es gab dann eben nur gerade einen Wechsel.

Man könnte jetzt berechtigterweise fragen: warum sprecht ihr das nicht einfach selber an, wenn es einen Wechsel gab, wenn es euch so wichtig ist? Tatsächlich ist das auch der langfristige Plan. Viele von uns handhaben das auch so. Aber es gibt eben gleichzeitig unglaublich viele traumatisierte Anteile, die sich so etwas einfach nicht trauen. Die denken, sie müssen jetzt beispielsweise Lana spielen, sonst sind alle enttäuscht. Und das kann man nur lösen, indem man von sich aus auf sie zugeht und ihnen die Chance gibt, sie selbst sein zu können.

Ein weiterer Punkt wäre Körperkontakt.
Lana liebt Körperkontakt. Sie umarmt nahezu jeden, hält mit nahezu jedem Händchen, headpattet Menschen, wird gerne zurückgeheadpattet und, und, und. Das ist aber längst nicht bei jedem so. Mit ruru wird bei den allermeisten gekuschelt und ebenso Händchen gehalten, weil er Sicherheit bedeutet. Aber wenn dann einfach unsere Hand genommen wird oder wir umarmt werden (weil vermutlich mal wieder davon ausgegangen wird, dass Lana da ist), dann kann das unter Umständen sehr schlimm sein. Denn die meisten traumatisierten Anteile haben große Probleme damit, aber gleichzeitig können sie keine Grenzen setzen. Und dann machen sie eben mit. Weil es wenigstens "nichts richtig schlimmes" ist. Und wenn sie die Person wegschieben, dann tun sie ihr vielleicht weh. Und dann passiert vielleicht doch etwas richtig schlimmes.
Im Endeffekt gehört das natürlich zu dem Punkt, dass man nicht einfach annehmen sollte, dass irgendjemand bestimmtes draußen ist. Aber es geht noch einen Schritt weiter. Denn nur weil dieselbe Person letzte Woche deine Hand gehalten hat, ist es heute vielleicht nicht okay. Also sollte gefragt werden. Weil es auch einfach ist. Nach Berührungen kann man nämlich sogar ohne Worte fragen. Zum Beispiel, indem man die Arme zu einer Umarmung ausbreitet und wartet, was die andere Person tut. Oder indem man die Hand in die Nähe hält und abwartet, ob sie genommen wird. (Natürlich kann man auch einfach fragen. Ich wollte nur veranschaulichen, dass es noch mehr Möglichkeiten gibt, falls man nicht so viel nachfragen möchte.)

Wir haben extra versucht, in dem Text herauszukristallisieren, was einfach nur schön wäre, wenn es gemacht werden würde und was tatsächlich notwendig ist - also, was verletzend oder triggernd ist, wenn es nicht gemacht wird. Weil wir extra betonen möchten, dass nicht alles ein Fehler ist, nur weil man etwas hätte besser machen können. Wir benutzen ja zum Beispiel selbst nicht die ganze Zeit Pluralpronomen, obwohl es sich schöner anfühlen würde, weil wir einfach wissen, dass nicht alle Menschen das verstehen und man manchmal auch einfach keine Lust hat, es zu erklären. Oder weil man einfach so sehr an etwas anderes gewöhnt ist, dass man automatisch singuläre Pronomen verwendet.
Und wenn ihr ein anderes System kennt: bitte fragt dort nach. Dieser Text drückt nur unsere Wünsche aus. In anderen Systemen kann das alles ganz anders aussehen.

Mittwoch, 14. Oktober 2020

#21: Erste Person Plural

In letzter Zeit überlegen wir vermehrt, wie man Menschen so wirklich begreiflich machen kann, was eine DIS zu haben bedeutet. Nicht das Trauma - das versteht in unserem Freundeskreis beinahe jeder nur allzu gut. Sondern das Viele-sein.
Dass wir uns vor allen unseren Freunden und Bekannten "geoutet" haben, ist mittlerweile zehn Monate her. Wir alle sind immer wieder sehr begeistert von einer Freundin (hi!), die ganz natürlich dazu übergegangen ist, Pluralpronomen zu benutzen, wenn sie uns erwähnt und uns den Namen "Flauschis" gegeben hat, um uns irgendwie kollektiv bezeichnen zu können ("Flauschi" war vor der Diagnose unser Spitzname, also wohl am ehesten Melanies und jetzt eben Lanas). Oder von einem Freund (ebenfalls hi!), der oft, wenn er uns anschreibt in unseren Wechsellog schaut (wo wir eine Übersicht darüber führen, wer wann ungefähr draußen ist oder war) und dann die Person namentlich anspricht, die gerade draußen ist. Mit ihm haben wir uns sogar dadurch angefreundet, dass er so viele Fragen über die DIS gestellt hat! Und natürlich von ruru, der für uns alle so viel ist - Beziehungspartner, großer Bruder, bester Freund. Er hat zu jeder Innenperson (die er kennt) ein eigenes Verhältnis.

Natürlich gibt es Unfluffs, die die DIS komplett ignorieren und uns alle mit Lana ansprechen und jede Innenperson, die nicht Lana ist, komplett ignorieren, aber mit denen haben wir gar nicht erst viel zu tun. Stattdessen soll es heute um die Menschen geben, die die DIS einfach nicht richtig verstanden zu haben scheinen, aus welchem Grund auch immer. Die sich viel Mühe geben, aber trotzdem immer wieder dieselben Fehler machen, wie beispielsweise eine Innenperson mit 'Lana' anzusprechen, selbst wenn diese gerade gesagt hat, dass sie nicht Lana ist, oder bei Innenkindern Themen anzusprechen, die definitiv nicht für Kinder geeignet sind. Denen es wirklich leidtut, wenn sie diese Fehler machen, es aber dadurch nicht ändern können, dass die Fehler eben nicht aus Ignoranz entstehen, sondern aus einem grundsätzlichen Nicht-Verstehen der DIS.
"Die Welt ist nicht barrierefrei", hat ruru neulich dazu gesagt: Etwas an einem wird zwar akzeptiert, aber es wird gleichzeitig absolut nicht mitgedacht.

Also versuchen wir an dieser Stelle eine verständlichere Erklärung zu geben, die die DIS eher veranschaulicht als irgendetwas zu erklären. Weil das oft mehr bringt (diese Erklärung richtet sich explizit an Nicht-Systeme):

Stell dir vor, du bist in einer Arbeitsgruppe. So etwas hatte hoffentlich jeder schon, mindestens in der Schule.
Manche Arbeitsgruppen arbeiten gut zusammen, andere überhaupt nicht. Manchmal machen alle ihr eigenes Ding, weil sie die anderen für unfähig halten. Manchmal interessieren sich Teile der Arbeitsgruppe gar nicht für die Arbeit. Manchmal funktioniert auch alles prima, die Arbeit ist gleichmäßig aufgeteilt, alle haben eine Aufgabe.
Alle Arbeitsgruppen haben aber zwei Gemeinsamkeiten: sie haben eine definierte Aufgabe und sie bestehen aus verschiedenen Menschen, mit verschiedenen Ansichten und Meinungen, Persönlichkeiten und Vorlieben, Erinnerungen und Erfahrungen, die alle in die Erfüllung der Aufgabe mit einfließen. Das ist gleichzeitig gut und schlecht, denn jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Wenn ihr es schafft, die Aufgaben optimal aufzuteilen und jeder seine Stärken verwenden kann, dann könnt ihr eure Aufgabe vermutlich sehr gut und ohne Probleme bewältigen. Wenn nicht, dann ist das Ergebnis vermutlich nicht so gut.

Eure Arbeitsgruppe hat ein Problem: zu jeder gegebenen Zeit kann ausschließlich eine(r) von euch an eurem Projekt arbeiten. Andere Personen können maximal Ratschläge geben - allerdings dürft ihr euch nicht in demselben Raum aufhalten. Deshalb habt ihr zum Kommunizieren ein kaputtes Telefon bekommen, welches ihr erst reparieren müsst. Niemand in eurer Gruppe weiß, wie man Telefone repariert und generell wissen das nur sehr wenige Menschen auf der Welt, bei denen man dann lange Wartezeiten hat, um das Telefon zu reparieren. Zudem fällt das Telefonsignal in eurer Stadt regelmäßig aus. Ansonsten könnt ihr über Notizzettel kommunizieren, diese kann jemand anders aber erst dann lesen, wenn er sich selbst im Projekt-Raum befindet.
Leider dürft ihr auch nicht entscheiden, wer gerade an dem Projekt arbeiten darf. Dies wird per Zufall ausgewählt. Zwar ist die Chance, dass eine geeignete Person ausgewählt wird, über 50%, aber ihr könnt euch eben nie sicher sein. Wenn ihr Pech habt, arbeitet eine Person an dem Projekt, die überhaupt nicht gut für den Teil, den ihr gerade machen wolltet oder müsst, geeignet ist.
Das macht natürlich eure abgesprochene Aufgabenverteilung zunichte. Jetzt muss immer derjenige, der gerade da ist, an der Aufgabe arbeiten, egal, ob er die Sachen gut kann oder nicht. Viele Sachen bleiben auch liegen, wenn jemand sie einfach überhaupt nicht kann; die muss dann jemand anders nachholen.

Um das Ganze zu erleichtern, dürft ihr Freunde fragen, ob sie euch helfen. Aber dadurch, dass ihr ja nicht wisst, zu welcher Zeit ihr euch gerade um das Projekt kümmern könnt, muss manchmal einer eurer Arbeitspartner mit euren Freunden reden. Leider sieht dieser für sie aber immer aus wie ihr. Und weil das so seltsam ist, verstehen eure Freunde manchmal nicht, dass ihr das nicht seid.
Auf der anderen Seite seht ihr, immer wenn ihr mit den Freunden eurer Arbeitspartner redet, stattdessen aus wie diese. Also nennen euch manche die ganze Zeit Paul, weil eurer Arbeitspartner so heißt. Dabei heißt ihr gar nicht Paul. Das sagt ihr ihnen auch, aber beim nächsten Treffen haben sie es scheinbar schon wieder vergessen. Und dann behandeln sie euch außerdem, als wärt ihr seit Jahren die besten Freunde - dabei habt ihr euch gerade erst vor fünf Minuten kennengelernt. Und alles nur, weil ihr ausseht wie ihr Freund Paul. Das ist echt frustrierend.
Manche verstehen es aber auch und am Ende freundet ihr euch sogar miteinander an und dadurch ist es dann irgendwie egal, wer gerade da ist, weil ihr euch ja ohnehin alle super versteht.

Die Hälfte eurer Arbeitsgruppe ist übrigens schwer traumatisiert, die andere Hälfte hat andere psychische Krankheiten und mindestens ein Drittel ist unter 10 Jahren alt.
Viel Spaß.
Euer Projekt heißt Leben.

Freitag, 9. Oktober 2020

#20: Platzeinnahme

Ich hasse mich ein wenig dafür, diesen Post zu schreiben, weil ich die Gedanken hasse, die ich habe, aber gleichzeitig empfinde ich es als wichtig, darüber zu sprechen, weil ich vermute, dass es vielen in anderen Situationen ähnlich geht und es auch eigentlich gar keinen Grund gibt, sich dafür zu hassen.

Neulich haben wir dem Teil unserer Familie, mit dem wir noch Kontakt haben, davon erzählt, was unser Vater gemacht hat (unser Vater war Haupttäter bei unserem Ursprungstrauma). Sie haben uns sofort alle geglaubt, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten.

Nachdem wir unserer Schwester einen Katalog an Fragen beantwortet hatten, fing sie an, darüber zu reden, dass sie sich an Dinge erinnerte.
Zuerst waren das sehr harmlose Sachen, die auch sehr viel Sinn machten. Zum Beispiel, dass man ein fremder Mann abends in unsere Wohnung gekommen war, um irgendetwas mit unserem Vater zu besprechen. Oder dass sie uns mal mit unserem Vater zusammen von irgendwo abgeholt hatte, wo sie noch so dachte, dass dort ja aber gar keine Freunde von uns wohnen und sie es dann damit abgetan hatte, dass wir vielleicht eine neue Freundin haben oder jemand umgezogen ist.

Für den nächsten Teil muss ich dazu sagen, dass unsere Schwester ihre halbe Kindheit im Krankenhaus verbracht hat und zahlreiche Operationen und andere Eingriffe hatte, dementsprechend also ebenfalls traumatisiert ist. Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass sie vor ein paar Jahren eine Traumatherapie angefangen hat, die mittlerweile seit einiger Zeit abgeschlossen ist und dass sie nahezu keine traumabedingten Probleme mehr im Alltag hat.

Plötzlich erzählte sie uns, dass sie sich auch an andere Sachen erinnerte. Wir hatten ihr erzählt, dass ein Großteil des Missbrauchs in einem großen weißen Haus mit schwarzen/dunkelgrauen Ziegeln und einem großen Garten, durch den ein Steinweg zur Eingangstür des Hauses führte, stattgefunden hatte. Man könnte es wohl fast schon Anwesen nennen - die Familie, die dort gewohnt hatte, war sehr reich gewesen. Sie hatten außerdem eine Tochter gehabt.

Plötzlich erinnerte sie sich daran, wie sie mit unserem Vater vor dem Haus gestanden hatte, wo sie uns hingebracht hatten, und dass er angefangen hatte zu weinen, als sie weggingen.
Dieses Bild macht hier kollektiv alle wütend und wir wird schlecht dabei. Es passt nämlich nur allzu gut in ihr Narrativ, dass es ihm leidtun muss. Sie hat es uns selbst gesagt: sie wollte ihn damit, was er getan hat, konfrontieren und wir hatten sie gefragt, was sie sich denn davon erhofft. Sie meinte: "Dass er dann anfängt zu weinen und es ihm voll leidtut."
Zudem erinnerte sie sich daran, ein Gespräch zwischen unserem Vater und seinem Vater mitbekommen zu haben, das angedeutet hätte, dass unser Opa unseren Vater sozusagen dazu 'gezwungen' hatte, uns zu verkaufen. Um genau zu sein, hatte er wohl gesagt "ich kann das jetzt nicht länger aufschieben", worauf unser Vater geantwortet hatte "aber nicht [unsere Schwester], sie wurde gerade operiert."

Plötzlich waren angeblich Sachen passiert, während wir noch in einer bestimmten Wohnung gewohnt hatten - als wir dort ausgezogen sind, waren wir 2. Natürlich ist das nicht unmöglich. Aber soweit wir mittlerweile aufdröseln konnten, hat der eigentliche Missbrauch angefangen, als wir 5 waren. In den Jahren davor sind, soweit wir wissen, ausschließlich medizinische Eingriffe passiert, die natürlich ebenfalls sehr traumatisch waren, aber eben kein Missbrauch.
Es kam uns komisch vor, dass sie sich auf einmal an so viele Sachen erinnerte, aber natürlich ergab es auch Sinn - es waren ja alles einfach Erinnerungen, die in dem Moment vermutlich total unwichtig erschienen waren und so etwas vergisst man dann eben einfach und erinnert sich erst wieder daran, wenn es irgendeinen Sinn ergibt.

Dann fand sie das Haus, das wir beschrieben hatten und meinte, sie würde sich erinnern, dass erwähnte erinnerte Szene vor diesem Haus stattgefunden hatte. Nur dass sie uns ein Foto schickte und das Haus passte absolut 0 zu unserer Beschreibung - es war nicht nur ein bisschen anders, sodass man vielleicht hätte sagen können, dass in den letzten 15 Jahren eben Dinge verändert worden waren. Es war schlichtweg ein komplett anderes Haus.
Trotzdem meinte sie sich plötzlich daran zu erinnern, wie wir dort im Garten mit dem Kind der Hausbesitzer gespielt hatten. "Vermutlich war das diese [Name], von der du erzählt hast."

Seitdem sind wir misstrauisch, teilweise wütend, dass sie es einfach so wagt, ganz nebenbei, ihren Namen in den Mund zu nehmen.. Denn wir haben nie mit ihr gespielt. Wir hatten zwar Kontakt zu ihr, aber ausschließlich in Missbrauchskontexten. Sie durfte nämlich nicht mit anderen Kindern spielen. Sie durfte überhaupt nichts. Und dann hat sie sich umgebracht.
Und es tut so weh, das zu lesen. Diese angenommene Wahrheit, die unsere Realität begräbt. Dass unser Trauma plötzlich unserer Schwester gehört - sie ist der Mittelpunkt. Denn sie war eindeutig, ganz ganz eindeutig, auch irgendwie dabei.

Plötzlich erinnerte sie sich daran, wie unser Vater sie auch zu einem fremden Mann gebracht hatte, allerdings an nichts mehr, was dort geschehen war. Sie war aber mit einem mal sehr überzeugt davon, dass sie dort ebenfalls sexuell missbraucht worden war.
Man kennt das ja auch. (ironie) Wenn man sich plötzlich an Trauma erinnert, das bisher 0 Einfluss auf das eigene Leben hatte, nach einer abgeschlossenen Traumatherapie, seit der man kaum noch Symptome hat, bei der nie nur ein Funken Amnesie festgestellt wurde, nicht mal für das eigentliche Krankenhaustrauma (außer natürlich für die Situationen, in denen Betäubungsmittel verabreicht worden waren). Obwohl man mittlerweile seit Jahren in funktionierenden Beziehungen ist, in denen man auch ganz normal und problemlos Sex hat. (Man mag sich erstmal fragen, woher wir das so genau wissen können, aber sie erzählt uns tatsächlich gefühlt jedes kleinste Detail ihres Lebens, schickt uns regelmäßig ihre Tagebucheinträge und Sonstiges.)

Vor ein paar Tagen fing sie dann plötzlich an mit: "Du hattest ja erzählt, dass da so religiöse Rituale stattgefunden haben. Ich meine, mich daran zu erinnern, dass wir bei [Nonne aus unserer Familie] in diesem Kloster waren und sie bei diesem Ritualskram dabei war und so Sachen vorgemacht hat, die wir nachmachen sollten." Natürlich handelte es sich dabei um ganz normale Kirchenrituale. Weil eben niemand an Tieropferungen und Exorzismusrituale denkt, wenn man "komische religiöse Rituale" sagt. Sondern an Brot essen und Traubensaft trinken und lauter solche Dinge, die wir früher in tatsächlichen Kirchen gemacht haben.

Der Höhepunkt ist, dass ihre Psychologin eine ganz neue Idee hatte: die DIS, das ist doch diese Störung, die aus ritueller Gewalt entsteht. Und so etwas gibt es ja meistens familiendurchlaufend. Und außerdem hatten wir ja erwähnt, dass wir glauben, dass unser Vater Amnesie hat. Also hat er bestimmt auch eine DIS. Also ist die Realität bestimmt folgende: dieser Klosterorden ist in echt Teil eines rituellen Gewaltnetzwerks. Unsere gesamte Familie (väterlicherseits) ist tief in diese Strukturen verwickelt. Vermutlich wurden schon unser Vater und seine Schwester in ihrer Kindheit massiv missbraucht. Und so erstreckt es sich nun durch unsere Familie.
Falls irgendjemand uns hier schon lange folgt, wird derjenige wissen, was für eine große Ironie diese Theorie ist. Für alle anderen eine Zusammenfassung: die Theorie hatten wir selber schon, vor über einem halben Jahr. Weil wir extrem uninformiert waren und dachten, viele der Sachen, die wir erlebt haben, finden ausschließlich im Kontext von ritueller Gewalt statt. Wir waren dann sogar eine Zeit lang inaktiv, weil wir durch viele unserer Aussagen darüber andere Menschen verletzt hatten und uns erstmal ausführlicher damit beschäftigen mussten. Im Endeffekt sind dann zu dem Schluss gekommen, dass wir definitiv nicht im Kontext ritueller Gewalt missbraucht wurden, sondern eben nur innerhalb eines "ganz normalen" Kinderpornografierings.
Gleichzeitig möchte unsere Mutter, die sich nie mit der DIS beschäftigt hat, obwohl sie seit März weiß, dass wir sie haben, nun ein Buch über die DIS im Kontext ritueller Gewalt lesen, weil sie der Meinung ist, unseren Vater besser verstehen zu müssen. Ich denke, wir müssen nicht erklären, warum das auf unglaublich vielen Ebenen total falsch ist.

Das Schlimmste für uns ist aber, wie unsere Schwester den Namen von dem Kind der Besitzer des Hauses in den Mund nimmt. So beiläufig. Als wäre sie irgendjemand, einfach irgendein Kind, das zufälligerweise zur selben Zeit am selben Ort war. Als wäre sie nicht genau dort und genau deswegen gestorben.
Wir wissen nicht mehr, was man darauf entgegnet.
Wir wissen nur, dass es sich schrecklich anfühlt, wie unser Trauma plötzlich zur Geschichte des Lebens aller anderen Menschen gemacht wird außer uns - wir sitzen wieder nur am Rand und sind kaum existent, dürfen maximal Fragen beantworten.

Mittlerweile hat unsere Schwester uns das 21. Foto 'des Hauses' geschickt. Natürlich ist es nicht das Haus. Es wird vermutlich nie das Haus sein, weil man nach so vielen Fehlversuchen schlichtweg nicht mehr glauben kann, dass sie tatsächlich jemals dort war (vor allem, da es unglaublich starke Unterschiede zwischen allen Häusern, die sie uns schickt, gibt - und überhaupt nur eins davon annährend unserer Beschreibung entspricht).
Natürlich will aber niemand sagen: "Du lügst."
Weil das die grauenvollste Aussage ist, die man treffen kann.

Im Endeffekt glauben wir auch nicht mal wirklich, dass sie lügt. Wir glauben, dass sie das wirklich glaubt; dass diese Erinnerungen (wie die Gespräche) teils bestimmt auch stimmen und sie teils Erinnerungen hat, die sie dann vollkommen aus dem Kontext reißt und in einen anderen einfügt. Sie 'muss' immer der Mittelpunkt sein, das wissen wir, kann es gar nicht ertragen, wenn es mal länger als ein paar Minuten um jemanden anderen geht, aber gleichzeitig glauben wir auch, dass sie das unbewusst macht und es ihr selbst gar nicht so klar ist. Zudem besteht natürlich die Möglichkeit, dass all diese Erinnerungen eben doch echt sind.

Ich will aber eigentlich etwas sagen: man hat keinen Einfluss darauf, ob man Menschen irgendetwas glaubt. Das haben wir inzwischen gelernt. Man hat nur einen Einfluss darauf, ob man das nach Außen trägt, wogegen wir uns entschieden haben, weil es wenig Schlimmeres gibt, als einer Person ihre tatsächlichen Erfahrungen abzusprechen - und man kann eben nie zu 100% wissen, ob es nicht doch stimmt, was diese Person sagt.
Aber weil wir eben selber einige Zeit lang öfter zu hören bekommen haben, dass wir lügen (inzwischen hat das tatsächlich seit Monaten, glaube ich, niemand mehr gesagt), war meine erste Reaktion auf diese Gedanken, mich zu hassen. Weil es ja nicht sein kann, dass mich das selbst so belastet hat, dass Menschen das gesagt haben und jetzt denke ich einfach selber etwas ähnliches.
Ich glaube, dass es vermutlich vielen Betroffenen so geht, wenn sie selbst zum ersten mal jemandem nicht glauben. Man hat das Gefühl, man würde der Person irgendetwas antun. Dabei macht man eigentlich gar nichts. Man hat nur ein Gefühl. Und auf Gefühle hat man eben wenig Einfluss. Also darf man das auch denken und fühlen - und man darf es auch an anderen Stellen ansprechen, insofern man der Person eben nicht schadet. Das macht einen nicht zu einem schlechten Menschen. Es geht jedem manchmal so.

Wir haben uns persönlich entschlossen, unserer Schwester einfach nichts mehr über unser Trauma zu erzählen. Damit können wir dann selbst einen Beweis haben, falls sie sich jemals an Dinge erinnert, die wir nicht erzählt haben, während wir ihr gleichzeitig nicht mehr Material geben, aus dem sie sich weitere Erinnerungen basteln kann (falls so etwas überhaupt funktioniert - das wissen wir nicht).
Vermutlich ist es auch gut, dass sie jetzt wieder in Therapie ist und diese Dinge mit ihrer Psychologin bespricht (abgesehen von deren Theorien).

Ich möchte nur mir und euch sagen, dass es okay ist, solche Gedanken zu haben.
Niemand ist ein schlechter Mensch deswegen.