Auf diesem Blog geht es um Trauma, Traumafolgestörungen und unser Leben damit.
Bitte achtet auf eure Grenzen beim Lesen der Texte.

Mittwoch, 25. August 2021

#71: You want a battle? Here's a war.

Er hat gesagt, er wird uns verkaufen, schreit es in mir. Zusammen mit Wir hätten nichts sagen dürfen. Wir hätten nicht laut sein dürfen.
Er weiß gar nicht, wo wir wohnen, flüstere ich zurück. Es ist alles in Ordnung. Wir sind in Sicherheit.
Unsere Psychologin sagt, dass wir ein (kleines) Trauma erlebt haben. Und ich spüre es selber. Wie ich bei jedem Geräusch zusammen zucke, jeden Schatten drei Sekunden zu lange anstarre. Die Welt, die nur ein Stück weiter entfernt zu sein scheint, die Erinnerung, die viel zu schnell viel zu weit weg rückt, die Wachsamkeit.
Aber ich fühle mich nicht traumatisiert. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich, als wäre ich in der Welt angekommen.
Ich habe geschrien, wiederhole ich fassungslos in meinen Gedanken.
Mir wurde geholfen, mit jedem Herzschlag.
Er hatte Angst vor mir.
Er. Hatte Angst. Vor mir.
Wie jemand wollte, dass ich Angst vor ihm habe und ich
zum ersten Mal
die Macht an mich zurückgerissen habe,
hinterlässt ein Gefühl von Sicherheit in der Welt.
Ich werde nie die unumstößliche Sicherheit fühlen, mit der andere Menschen durch die Welt gehen, dass ihnen niemals etwas schlimmes passieren wird. Vermutlich werde ich die spezifische Androhung von Zwangsprostitution nie ganz so einfach wegstecken können. Es wird immer schlimmer sein als jedes Ich bringe dich um jemals sein könnte. Aber ich kann mich wehren. Ich muss nicht mehr machtlos sein. Meine Stimme, mein Körper, mein Leben gehört mir.
Und egal,
wie sehr ein Teil von uns immer noch Blyth gehört,
meine Stimme kann niemand mir mehr nehmen.

23. August 2021, 17.00, Hamburg. Wir sind zusammen mit einem Freund im Bus, ich sitze auf einem der Behindertenplätze, er steht neben mir. Dass wir zusammengehören ist nicht sofort ersichtlich, weil wir gerade nicht reden. In Altona steigt ein Mann ein, setzt sich in die Sitzreihe rechts neben mir und fängt ein Gespräch an. Als er den Gehstock, den ich seit 1.5 Wochen besitze, kommentiert mit „ich hatte auch mal einen Krükstock, allerdings mit einer Schusswaffe drin“, fange ich an, ihn zu ignorieren. Zwar textet er mich weiterhin zu, ich antworte ihm allerdings nicht mehr und schaue ihn auch nicht mehr an. Irgendwann streichelt unser Freund unterstützend meine Schulter. Daraufhin fängt der Mann an, ihn zu beleidigen. Über meinen Kopf fliegt der Inhalt eines beliebigen Gangster-Rap-Lieds, gepaart mit Ich schlag dich zusammen und Ich bringe dich um. Ich sitze da, ein Stück mehr dissoziiert, mit stetig mehr Angst in meinem Körper und vor allem unsicher, was zur Hölle ich tun soll. Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass er nicht mitten im Bus anfangen wird, jemanden zusammenzuschlagen. Aber falls doch, wird diese Person, wenn ich irgendetwas sage, höchstwahrscheinlich ich sein. Dass wir irgendwann aus dem Bus aussteigen und er dann jemanden zusammenschlagen könnte, kommt in meinen Gedanken gar nicht vor. Dass der Busfahrer eine Telefonanlage hat, mit der er die Polizei zur nächsten Haltestelle rufen kann, auch nicht.
Irgendwann beleidigt der Mann unseren Freund dafür, dass er „seine Freundin“ nicht beschützt. Vielleicht brauche ich das ja gar nicht, denke ich. Ich will nicht beschützt werden müssen. In mir regt sich Widerstand.
Um 17.04 hole ich mein Handy raus und öffne die Kamera. Zwei mal schließe und öffne ich sie wieder. Selten habe ich mich so unsicher gefühlt. Der Gedanke daran, dass der Mann mir nichts tun kann, was ich nicht in schlimmer schon erlebt habe, beruhigt mich. Die Tatsache, dass ich dafür sorgen kann, dass er bestraft wird, wenn er etwas macht, ebenfalls.
Um 17.05 stehe ich auf, zücke mein Handy und mache ein Foto von dem Mann. Dann rufe ich quer durch den Bus. Dass da ein Typ ist, der uns bedroht und meint, er würde uns umbringen. Dass ich ein Foto für die Polizei gemacht habe. Dass ich das sage, falls er tatsächlich was macht, damit der gesamte Bus es sieht und ich Zeugen habe.
Die gesamte Aufmerksamkeit des Busses liegt auf uns. Der Mann hält sich die Hände vors Gesicht, damit niemand ihn sehen kann. Fast ist es lustig. Selbst wenn ich das Foto gesetzlich nicht verwenden kann, kann ich die genauste Beschreibung abgeben, die irgendjemand haben könnte. Eine Frau neben mir sagt, ich solle am besten zum Busfahrer gehen, also drücke ich unserem Freund unseren Gehstock in die Hand und begebe mich in diese Richtung. Auf halbem Weg ruft mir der Mann hinterher: „Ich steig ja schon aus. Ich muss eh an der nächsten Haltestelle raus.“
Um 17.06 steigt er aus, natürlich nicht, ohne uns noch hinterherzurufen „N*tte. Du wirst noch Geld für mich anschaffen“. Dass das schlimm sein wird, ist mir klar. Die Wichtigkeit der Situation aber noch mehr.

Seitdem wir den Gehstock besitzen, werden wir andauernd belästigt. Was früher alle paar Jahre passiert ist, passiert jetzt mehrmals pro Woche. Aber die Welt verändert sich, wenn man laut ist. Zu einem Ort, an dem man nicht mehr machtlos ist. Zu einem Ort, an dem einem Menschen helfen, wenn irgendein Typ einen ungefragt anfasst, an dem Täter plötzlich Angst bekommen, in ihrer unangreifbaren Welt.

24. August 2021, bei unserer Psychologin. Aber daran merke ich, sage ich, dass es mir besser geht. Vor drei Jahren hätte ich ganz anders reagiert.
Was war denn vor drei Jahren?
Früher hätte ich mich nie getraut, laut zu werden oder mich zu wehren. Das lerne ich erst seit drei Jahren.
Und wir reden über Blyth und sie sagt: „Auch in drei Jahren wird es noch Zeitpunkte geben, wo Sie hier sitzen und mir sagen werden, dass er ein viel tollerer Therapeut war als ich“ und zum ersten mal in einem therapeutischen Gespräch fühle ich mich verstanden. Zum ersten Mal wurde begriffen, verstanden, was das der Missbrauch bedeutet, warum es so anders ist.
Ich habe das Gefühl, dass die Welt ein bisschen mehr zu mir gehört.

Freitag, 6. August 2021

#70: Selbstdiagnostik

Gerade im nordamerikanischen Raum scheint es viele Systeme zu geben, die sich die DIS selbst diagnostiziert haben, aber auch im deutschsprachigen Raum haben wir inzwischen davon gehört. In der Community wird diesbezüglich oft angesprochen, dass man bei solch komplexen Diagnosen nichts selbst diagnostizieren sollte, da es einfach viele andere Störungen gibt, die ähnliche oder ähnlich klingende Symptome haben, mit denen man sein eigenes Empfinden verwechseln könnte.
Viele davon sind der DIS sehr ähnlich und haben nur eine etwas andere Symptomausprägung. Dies ist beispielsweise bei der partiellen DIS so und so können DIS-spezifische Hilfsangebote vermutlich trotzdem helfen. Es gibt jedoch auch ähnliche Störungen, die einen gänzlich anderen Therapie-Ansatz verfolgen. Dadurch ist es natürlich enorm wichtig zu wissen, was man genau hat.
Auch grundsätzlich ist es wichtig, sämtliche Vermutungen, die man über Diagnosen hat, mit einer Fachperson abzusprechen - immerhin gibt es einen Grund, warum man so etwas studieren muss und warum nicht jeder Mensch auf der Welt, der ein paar Psychologiebücher gelesen hat, Diagnosen stellen darf. Bei medizinischen Problemen ist es ja genauso.

Über uns selbst als System zu denken, hat uns zwar auch vor der Diagnose sehr geholfen (der Verdacht, dass wir eine DIS haben könnten, kam von uns, nachdem wir zufälligerweise einige Videos darüber gesehen hatten), allerdings wollten wir es unbedingt abklären lassen, weil es ja hätte sein können, dass wir alles komplett falsch interpretieren und eigentlich etwas ganz anderes haben. Deshalb haben wir in den drei Monaten zwischen der Vermutung und der Diagnose auch niemandem - mit Ausnahme von ruru - von unserem Verdacht erzählt. Es war uns einfach zu unsicher.
Jedoch hatten wir auch extremes Glück, dass unser Extherapeut sich zufälligerweise mit der DIS auskannte und wir innerhalb von einem Monat einen Termin bekommen konnten. Hätten wir erstmal eigenständig Fachpersonal suchen müssen, um uns auf eine Warteliste setzen zu lassen, hätten wir vermutlich Monate bis Jahre auf die Diagnostik warten müssen.

Genau deshalb kommt an dieser Stelle ein großes Aber: wir wissen, wie sehr es uns geholfen hat, uns als System zu sehen und auch so zu bezeichnen, auch vor der Diagnose, selbst wenn es nur bei ruru und in unserem Tagebuch war. Es erklärte jede Kleinigkeit unserer Problematik, die wir nie verstanden hatten. Jedes seltsame Gefühl, das wir gehabt hatten, von dem wir nie irgendjemandem erzählt hatten. Natürlich. Wir hatten eine DIS. Das war zu dem Zeitpunkt ja nicht anders, nur weil wir noch nicht diagnostiziert worden waren.
Da Systeme aus den USA oft sagen, sie müssen sich selbst diagnostizieren, weil sie sich keine Therapie leisten können, wird hier oft gesagt, in Deutschland (und vermutlich auch in Österreich, der Schweiz und Liechtenstein; von diesen Ländern haben wir allerdings wenig Ahnung) gibt es kostenlose Therapie, also kann man in jedem Fall eine Fachperson aufsuchen, die man wegen der DIS fragen kann, es dauert vielleicht ein wenig, aber aus diesem Grund sei eine Selbstdiagnostizierung absolut abzulehnen.
Dieses Mindset finde ich allerdings extrem kurzgedacht.

Beispiel: wir haben einen Freund, der Schizophrenie hat. Er lebt in einem kleinen Dorf inmitten anderer kleiner Dörfer, mitten auf dem Land, die nächste größere Stadt ist 1.5 Stunden Autofahrt entfernt. Als wir ihn kennengelernt haben, ging er seit Monaten zum einzigen Kassenpsychologen in seiner Umgebung. Der Psychologe hatte keine Diagnose gestellt, sondern meinte, sein Problem wäre einfach, dass er zu wenig Freunde hatte. Dementsprechend ging es ihm eigentlich nur schlechter wegen diesem Psychologen. Er brach dann die Therapie auch ab, jedoch hatte er ja weiterhin psychische Probleme, auch wenn niemand so richtig wusste, was eigentlich genau los ist.
Er hatte dann glücklicherweise die Möglichkeit für eine Diagnostik zu einer privaten Psychologin zu gehen, welche dann die Diagnose stellte. Jedoch war dies ein einzelnes Gespräch - mehr wäre finanziell auch gar nicht gegangen. Die DIS-Diagnostik erstreckt sich in der Regel über mehrere Sitzungen, bei denen erst ein extrem langer Fragebogen ausgefüllt wird (das alleine dauerte bei uns schon drei Sitzungen) und danach hat man noch einige Gespräche mit dem Therapeuten, um auch wirklich sicher zu gehen.

Und nein, es gibt nicht in jedem Land ein Kostenübernahme-Modell wie in Deutschland. Und selbst hier ist es einfach teilweise extrem schwierig zu beantragen (wir haben mal unserer Krankenkasse Fragen dazu gestellt und sie haben sich schlichtweg geweigert, diese zu beantworten, mit der Begründung, wir könnten ja einfach mehr Kassenpsychologen anrufen, in Hannover gäbe es ja genug). Und manche Menschen wissen vielleicht auch schlichtweg nicht, dass es überhaupt existiert. Die diesbezügliche Bildung muss man erstmal haben. Hilfsangebote werden oft extrem stark versteckt.

„Kein Problem, man kann ja immer noch in eine Klinik gehen“, werden manche jetzt denken. Da hat man zwar auch lange Wartezeiten, aber immerhin muss die nicht in der Nähe sein und da gibt es auf jeden Fall Fachpersonal.
Diese Aussage kann, meiner Meinung nach, nur aus einer unglaublich privilegierten Position heraus getroffen werden. In eine Klinik zu gehen heißt oft, der gesamten Familie und eventuell Freunden, Klassenkameraden, etc., offenlegen zu müssen, dass man psychische Probleme hat. Schließlich ist man ja mehrere Wochen weg. Klar, bei Klassenkameraden kann man vielleicht noch sagen, dass man einfach doll krank war, aber die Familie bekommt natürlich mit, wo man hingeht, zumindest insofern man noch Zuhause wohnt. Natürlich ist es nichts schlimmes, psychisch krank zu sein - aber in manchen Umgebungen ist, das offenzulegen, auch einfach nicht sicher. Oder man traut sich eben einfach nicht, es ist einem zu privat, die Familie soll nichts davon erfahren, weil sie einen eh schon die ganze Zeit grauenvoll behandeln. In vielen Fällen, in denen noch aktiv Missbrauch stattfindet, wird man ja auch dafür bestraft, wenn man sich Hilfe sucht. In so einem Fall müsste man erstmal ausziehen, bevor man in eine Klinik gehen kann. Dazwischen liegen mitunter Jahre. Wenn man arbeitsunfähig ist, darf man oft erst mit 25 ausziehen, weil man vorher keine Sozialleistungen erhält - davon abgesehen, dass es als Sozialhilfe-Empfänger extrem schwierig ist, eine Wohnung zu finden.

Viele traumatisierte Menschen haben zudem in ihrem Leben medizinischen oder therapeutischen Missbrauch erfahren (oder beides). Es ist so verdammt schwierig, in so einem Fall zu einem Therapeuten zu gehen. Ich weiß nicht, wie gut man sich das vorstellen kann, wenn man selbst nicht betroffen ist, aber jedes mal, wenn wir öfter als 1-2 mal zu einem männlichen Therapeuten gehen, bekommen wir Angst, dass er uns vergewaltigt. Diese Angst steigert sich immer mehr, bis es uns schlichtweg nicht mehr möglich ist, ohne Begleitung überhaupt zu erscheinen. Bei weiblichen Therapeuten haben wir diese spezifische Angst zwar nicht, aber jedes mal, wenn uns widersprochen wird bei irgendetwas, bei dem wir uns sicher sind, müssen wir uns erstmal tage- bis wochenlang damit hinsetzen und ganz gründlich überprüfen, ob es einen Manipulationsversuch gab, ob die Therapeutin das Machtverhältnis ausgenutzt hat, um uns zu irgendwas zu überreden, was wir eigentlich nicht wollten, müssen mit ganz vielen Freunden darüber sprechen, weil deren Einschätzung diesbezüglich einfach wertfreier ist und müssen es dann in der Therapie ansprechen, wo regelmäßig dann das halbe System Angst hat, dass wir nun tatsächlich missbraucht werden.
„Einfach zu Fachpersonal gehen, um mehrere Sitzungen lang über Dinge zu reden, über die man vielleicht noch nie mit irgendjemandem geredet hat“, ist nicht einfach. Es ist manchmal schlichtweg nicht möglich. Nach Blyth haben wir über vier Jahre lang nicht mehr wirklich mit Therapeuten geredet. Wir haben ein paar mal Therapie angefangen, waren aber nie mehr als zehn Sitzungen da und die Therapie hat auch schlichtweg nicht funktioniert, weil wir zu viel nicht sagen konnten und vor allem auch nicht in der Lage waren, irgendetwas bei den Therapeuten anzusprechen, das mit ihnen zu tun hatte. Also, zum Beispiel, wenn sie uns verletzt haben oder so. Was für die Therapie ja eigentlich wichtig ist.

Hätten wir 2015 dieselben Videos über die DIS gesehen, hätten wir dieselbe Erleuchtung wie jetzt 2019 gehabt. Und wir wären damit zu Blyth gegangen, der uns gesagt hätte, dass das definitiv nicht stimmt. Und wir hätten jahrelang keinen anderen Therapeuten sehen können, obwohl wir in einer Großstadt wohnten, in der es mit Sicherheit Therapeuten gegeben hätte, die sich mit der DIS auskennen.
Des Weiteren wissen wir alle, wie viel Systeme falschdiagnostiziert werden. Wie viele Therapeuten auch einfach die Existenz der DIS absprechen oder Dinge sagen wie „das kannst du nicht haben, das ist extrem selten und außerdem bist du ja gar nicht traumatisiert (hast keine Erinnerungen)“. Wie oft einem selbst aufgrund eines Symptoms der DIS gesagt wird, dass man diese ja gar nicht haben kann.

An dieser Stelle kehren wir zum Anfang des Textes zurück:
Die Erkenntnis, dass wir ein System sind, dass wir eine DIS (o.Ä.) haben, hat uns schon vor der Diagnose extrem geholfen. Wir konnten plötzlich unser Leben verstehen, erklären. Wir konnten unser Sein verstehen. Die Welt ist so unglaublich viel besser geworden.
Wir wurden innerhalb von 3.5 Monaten diagnostiziert.
Wir mussten nicht jahrelang auf einen Therapieplatz, einen Klinikplatz, eine Diagnostik warten.

Andere Menschen haben nicht so viel Glück.
Andere Menschen haben für Monate oder vielleicht sogar Jahre nur sich selbst.
Wenn sie wirklich eine DIS haben, wie viel können sie dann in diesen Monaten oder Jahren bis zur Therapie vielleicht selbst schon erreichen?
Wenn sie keine DIS haben, aber aus welchen Gründen auch immer klingt die Diagnose für sie passend und hilft ihnen, ist es dann hilfreich, ihnen das abzusprechen? Vielleicht sind sie einfach traumatisiert. Vielleicht ist das, warum es passend klingt. Wenn es ihr Leben besser macht, warum ist es dann so verdammt wichtig, dass es falsch sein könnte? Wenn man sich jahrelang verbietet, mit den zu sein/arbeiten, was sich passend anfühlt, weil man sich irren könnte, dann klingt das ebenfalls nicht sinnvoll.
Klar. Wenn man sich irrt, dann gibt es höchstwahrscheinlich etwas, das einfach viel besser helfen könnte. Vielleicht lernt man sogar ein paar falsche Sachen, die man wieder verlernen muss, wenn man dann irgendwann die richtige Diagnose erhalten hat. Natürlich ist es besser, das sofort zu klären. Aber wenn sofort eben nicht geht, dann ist die eigene Vermutung die beste Arbeitsgrundlage, die man zu dem Zeitpunkt zur Verfügung hat.

Ich weiß nicht, was wir gemacht hätten, wenn wir 2019 keine Diagnostik zur Verfügung gehabt hätten. Wie wir damit umgegangen wären. Was wir mit dem Begriff, der sich für uns so richtig anfühlte, umgegangen wären. Aber was ich weiß ist, dass es hilfreich gewesen wäre, damit zu arbeiten, selbst wenn wir zu diesem Zeitpunkt keine Diagnostik hätten erhalten können. Dass ich weiß, wie viel Systemarbeit wir in diesen 1.5 Jahren schon gemacht haben, die unser Leben unglaublich viel besser gemacht hat. Selbst ohne Therapeut:in kann man Dinge erreichen.
Ich weiß, hätten wir das alles ganz weit von uns weggeschoben, weil wir uns hätten irren können, dann wären wir jetzt vermutlich an demselben Punkt, an dem wir damals waren. Wir hätten immer noch nichts verstanden. Es wäre immer noch nichts besser geworden. Jetzt, wo die Therapie anfängt, würden wir ganz am Anfang stehen.

Dienstag, 27. Juli 2021

#69: Was ist rituelle Gewalt?

Nachdem wir nun einen ganzen Post über rituelle Gewalt verfasst haben, fühlt es sich nur richtig an, zu erklären, was das eigentlich genau ist. Wir wussten es nämlich, als wir unsere Diagnose bekommen haben und zum ersten mal so wirklich mit diesem Begriff konfrontiert wurden, nicht. Und dann war lange Zeit unser Verständnis davon falsch, weil es einfach gefühlt tausende Definitionen gibt, die im Prinzip etwas ähnliches meinen, aber das teils so missverständlich ausdrücken, dass es wie etwas ganz anderes klingt. Eine wirklich einheitliche Definition gibt es aber auch nicht, also ist das hier im Prinzip wieder nur unser jetziges Verständnis.

Rituelle Gewalt findet in organisierten Gewaltstrukturen statt und bezeichnet den systematischen Missbrauch von Menschen mit dem Ziel, diese für die bestehende Struktur gefügig zu machen und auszunutzen. Häufig geschieht dies unter dem Deckmantel irgendeiner Ideologie.
Betroffene sind in der Regel von Geburt an massiver psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. In der Regel sind die Eltern selbst involviert, da es ansonsten nur schwer möglich ist, ein Kind so durchgängig und viel zu missbrauchen. Oft findet rituelle Gewalt generationenübergreifend innerhalb von Familien statt.
Durch verschiedenste Manipulationstechniken werden Betroffene an die Gruppe gebunden. Ihnen werden Schweigegebote auferlegt (sie werden durch Folter dazu konditioniert nicht über das Geschehene zu reden) und die Erlebnisse werden so für sie dargestellt, dass es schwierig bis unmöglich für sie wird, überhaupt darüber zu sprechen. Eine Vergewaltigung ist dann eben keine Vergewaltigung sondern eine feierliche Zeremonie und Missbrauch ist nicht Missbrauch sondern Liebe. Ihnen wird schlichtweg keine Möglichkeit gegeben, Wörter zu erlernen, durch die sie das Geschehen richtig einordnen könnten.
Es werden Techniken verwendet, die unter dem Begriff „Mind Control“ zusammengefasst werden. Insgesamt geht es dabei darum, den Betroffenen durch massive Konditionierung beizubringen, dass ihre Wahrnehmung grundsätzlich falsch ist, niemand ihnen glaubt, sie für jedes Fehlverhalten (zum Beispiel darüber reden) bestraft werden und sie niemandem außerhalb der Gruppe vertrauen können.
Damit der Außenwelt nichts von dem Missbrauch auffällt, wird häufig weiße Folter angewandt. Weiße Folter ist ein Oberbegriff für Foltertechniken, die kaum bis keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Ich werde an dieser Stelle keine Beispiele dafür aufzählen, aber im Wikipedia-Artikel zu weißer Folter finden sich einige davon.
Häufig (nicht immer!) entwickeln Betroffene eine dissoziative Identitätsstörung. Hierbei kann es sich um eine reaktive oder eine programmierte DIS handeln.

Während eine reaktive DIS eine DIS bezeichnet, die jemand „einfach so“ (ohne äußeren Einfluss) als Reaktion auf Missbrauch entwickelt, wird eine programmierte DIS von Tätern systematisch bei Betroffenen erzeugt (daher auch der Name).
Da man für die Entwicklung einer DIS eine gewisse Neigung zu Dissoziation braucht, werden die Kinder in solchen Strukturen nach der Geburt auf ihre Dissoziationsfähigkeit geprüft. Danach werden dann durch gezielten Missbrauch bestimmte Innenpersonen erschaffen, bestimmte Hierarchien innerhalb des Systems (DIS-Systems), die innere Welt wird in der Regel von den Tätern gestaltet und es werden gezielt Innenpersonen abgespalten, deren einzige Aufgabe es ist, das System zu überwachen, für bestimmtes Verhalten zu bestrafen oder an bestimmten Tagen zu bestimmten Orten zu gehen, sodass das System der Gruppe nie (nur sehr schwierig) entfliehen kann, da es eben viele Innenpersonen gibt, die immer wieder zurücklaufen. Solche Systeme sind häufig polyfragmentiert - das heißt, sie haben über 100 Innenpersonen.

Das ist alles, was mir momentan zusammenhängend zu diesem Thema einfällt. Ich verlinke an dieser Stelle einmal die Definition von ritueller Gewalt des Vielfalt e.V., sowie eine Reportage über ein betroffenes System von ritueller Gewalt.

Freitag, 23. Juli 2021

#68: Missbrauch und Leugnen

Content Note: Leugnung von ritueller Gewalt.

Rituelle Gewalt existiert nicht. Das wurde mir neulich gesagt. Zum Glück stellte sich schon nach einer Minute heraus, dass es ein Missverständnis war und die Person eigentlich etwas anderes gemeint hatte. Trotzdem kräuselte sich, in dieser einen Minute, alles bei mir.
Wir sind nicht von ritueller Gewalt betroffen, aber kennen natürlich viele Systeme, die es sind. Da die meisten Systeme nicht so direkt über ihre Traumata reden, wissen wir es bei denen, die wir persönlich kennen, nicht, aber es gibt natürlich zahlreiche Systeme auf Instagram und Youtube, die betroffen sind und davon berichten.
Ich weiß, dass rituelle Gewalt existiert. Ich weiß es, weil ich weiß, wie grauenvoll Menschen sind und sein können. Ich weiß es so sehr, dass ich nie auf die Idee käme, einen Funken davon anzuzweifeln. Und dann gibt es Menschen, die einfach so nicht daran glauben. Auch wenn es hier nur ein Missverständnis war, wurde es mir dadurch zum ersten mal so richtig, richtig bewusst.

Ich weiß nicht, was ich fühle. Wut, Trauer, ich habe keine Ahnung. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, wie schön die Welt von jemandem sein muss, dass er sich nicht vorstellen kann will, dass etwas so grauenvolles existiert.
Und dann denke ich mir aber auch, ich kann es der Person ja nicht beweisen. Wenn ich sage, ich weiß das, dann klingt das vollkommen an den Haaren herbeigezogen. Ich hab ja nicht mal etwas erlebt. Vermutlich fühlt es sich an wie die eine Person, die ich vor Jahren getroffen habe, die mir weismachen wollte, dass unser Gendefekt heilbar ist. Die „wusste“ das bestimmt auch.
Das macht mich verzweifelt.
Für mein Leben spielt es keine Rolle. Ich bin nicht betroffen. Niemand bestreitet meine Lebensrealität. Aber das ekelhafte Gefühl davon, wenn man etwas erlebt hat und niemand glaubt es, das kenne ich. Und ich will nicht, dass irgendjemand das erleben muss.

Ich hab irgendwann einen Entschluss gefasst. Wenn ich denke, dass Menschen über Ereignisse lügen, dann spreche ich es nicht an, wenn ich nicht mit 100% Genauigkeit beweisen kann, dass sie es tun. Wenn die Ungewissheit zu schlimm für mich ist, gehe ich aus ihrem Leben. Aber ich werde nie, nie, nie, niemals jemanden einer Lüge bezichtigen, die ich nicht beweisen kann. Weil die Chance besteht, dass es die Wahrheit ist. Weil es, wenn es wirklich die Wahrheit ist, viel zu schlimm wäre.
Andere Menschen handhaben das nicht so. Sie reden einfach. Es ist ja nur eine Meinung. Das kann man ja ansprechen, wenn es berechtigte Zweifel gibt.
Aber es ist keine Meinung. Es ist das Absprechen einer Existenz, es ist ein metaphorisches Messer in die Seele oder ins Herz oder meinetwegen ins limbische System der betroffenen Person.
Man hat keinen Nachteil davon, einfach nichts zu sagen. Keinen einzigen. Ich werde nie verstehen, warum man dann jemandem ins Gesicht sagt, dass er lügt.
Würde man sich nur eine Sekunde vorstellen, man erzählt jemandem sein Leben und derjenige sagt 'Nein'.
Einfach so.
Hört man auf zu existieren.

Blyth hat uns gesagt, wir hätten uns alles nur eingebildet. Den Missbrauch. Das nennt man Gaslighting. Dass man jemanden dazu bringt, an seinen eigenen Erinnerungen zu zweifeln. An seiner eigenen Wahrnehmung. An seinem eigenen Leben.
Jemandem zu sagen, das, was er erlebt hat, würde nicht existieren, ist nichts anderes. Es ist derselbe Missbrauch. Es ist dieselbe Gewalt.

Gewalt ist keine Meinung.

Dienstag, 20. Juli 2021

#67: empathielos

Die Welt um mich herum existiert nicht. Sie besteht aus nicht lebendigen Dingen, Pappmenschen und Kunstbäumen, meinen Babyenten und mir. Und uns.
Ich verstehe niemanden mehr. Ich kann es nicht nachvollziehen. Ich weiß nicht mehr, was Verständnis ist, außer ein gelogenes „oh nein, das klingt extrem unflauschig, hoffentlich geht es dir bald besser, wenn ich irgendetwas für dich tun kann, sag Bescheid“, weil ich nicht die Person sein will, die von jedem Problem, das Menschen haben, genervt ist. Nicht der Mensch sein will, der ich bin.
Mit Corona kam es, dass ich mich vollkommen distanziert fühlte von anderen Menschen. Es hat mich einfach nicht mehr interessiert. Ich glaube, Menschen könnten einfach verschwinden und ich würde es nicht registrieren. Sie sind mir so dermaßen egal.
Aber meine Freunde waren mir noch wichtig. Ich wollte wirklich, dass die Welt flauschig ist, für sie. Mittlerweile ist mir auch das egal. Menschen sind Pappscheiben. Nicht real, nicht real, nicht real. Die gesamte Welt ist nicht real und eine Lüge.

Ich hasse mich. Ich hab das Gefühl, das muss ich hier reinschreiben. Ich will diese Person nicht sein, die andere Menschen nicht interessieren, die von jedem ihrer Probleme genervt ist, die absolut kein Verständnis für irgendetwas hat. Deshalb verhalte ich mich natürlich auch nicht so und lüge Menschen an, es würde mich interessieren, versuche, zu helfen, weil, was zur Hölle soll ich überhaupt bitte sonst tun. Es ist trotzdem widerlich. Ich will auch nicht lügen. Es erscheint mir nur als die beste Lösung, die ich momentan haben kann.
Ich fühle mich so verdammt alleine. Ich könnte den ganzen Tag mit Menschen verbringen und es würde nichts ändern. Davon abgesehen, dass das nicht geht. Davon abgesehen, dass Corona.

Ich hasse die Maskenpflicht. Sie macht mein Leben absolut unlebenswert und der einzige Grund, warum ich mich nicht umbringe, ist, dass sie irgendwann vorbei ist und ich keine Depressionen habe, die mir sagen, dass es alles niemals besser wird. Ich hab keine Lust mehr, um Aussagen herumzutänzeln, weil andere Menschen nicht verstehen, dass man etwas hassen und gleichzeitig sinnvoll finden kann.
Ich hasse die Maskenpflicht, weil ich Menschen nicht mehr sehe. Weil sie genauso gut Pappscheiben sein könnten und inzwischen auch sind. Weil sie keine Gefühle mehr haben. Ich hasse sie, weil ich es psychisch nicht abkann, eine Maske zu tragen, aber ich mich, wenn ich es nicht tue, fühle, als hätte ich gerade jemanden ermordet, obwohl ich seit einem Jahr eine Befreiung habe. Jeder Schritt vor die Haustür ist nur eine Entscheidung, auf welche Art ich mich heute scheiße fühlen möchte.

Ich bin nicht mehr empathiefähig und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. In meinem Kopf passen andere Menschen und Gefühle nicht mehr zusammen. Andere Menschen existieren überhaupt nicht mehr. Ich bin ganz alleine in dieser komplett leeren Welt.

Mittwoch, 14. Juli 2021

#66: anfangen aufzugeben

Ich fühle mich, als würde ich feststecken. Jeden Tag denke ich: wenn wir wieder laufen können. Wenn wir wieder laufen können, werde ich. * (Anmerkung: wir können laufen, auch ganz normal die meiste Zeit über, es tut aber weh.)
Es geht nicht. Ich habe das ein halbes Jahr lang gedacht und dann ging es wieder, jetzt stecken wir seit vier Monaten fest. Ich weigere mich, Hilfsmittel zu kaufen, weil wir das alles irgendwann wieder können werden. In Schlangen stehen und lange Spaziergänge machen und Rennen, mit wenig genug Schmerzen, dass man sie in Kauf nehmen kann. Seit einem Jahr tun wir nichts mehr als auf ein Leben warten, dass wir irgendwann, vielleicht, hoffentlich haben werden.
Und wenn wir uns einen Rollator kaufe oder Stützen (nicht Krücken, hab ich inzwischen gelernt) oder eine Erhöhung der Schwerbehinderung beantragen, dann sagen wir an irgendeiner Stelle auch, dass die Möglichkeit besteht, dass es nicht besser wird. Dass wir nie wieder Rennen können werden, nie wieder lange Spaziergänge machen können werden, nie wieder dieselben Coping-Strategien werden haben können, zumindest nicht ohne Hilfsmittel und das ist eben einfach nicht dasselbe. Und egal, wie sehr ich weiß, dass unser Leben so viel besser wäre, wenn wir einfach anfangen würden, damit zu leben, anstatt dagegen, anstatt auf das Ende zu warten, das nie kommt, es geht nicht. Ich fühle mich schuldig. Obwohl ich nicht mal weiß warum, obwohl es nicht mal irgendetwas gibt, von dem ich mir einreden könnte, dass ich es anders oder besser hätte machen können; ich bin mir vollkommen bewusst, dass es absolut nichts mit mir zu tun hat.

Ab irgendeinem Punkt muss man anfangen, aufzugeben. Weil man sonst nur darauf wartet, dass man irgendein Leben wiederhaben kann, das man irgendwann mal hatte, obwohl das nicht mehr geht. Weil man erst an dem Punkt, wo man sich eingesteht, dass die Möglichkeit besteht, dass alles für immer anders sein wird, anfangen kann, sein Leben so umzugestalten, dass es eben anders ist, um sich an die neuen Begebenheiten anzupassen, aber vielleicht nicht unbedingt schlechter.
Wir haben uns schon mal am Knie verletzt. Seitdem können wir keine engen Hosen mehr tragen, das Knie nicht mehr länger als ein paar Minuten anwinkeln und wir konnten jahrelang keinen Kraftsport machen oder Joggen. Wir mussten Sachen ändern. Wir mussten andere Arten finden, Sport zu machen und unseren halben Kleiderschrank ändern und es war irgendwann okay (und irgendwann konnten wir auch wieder Kraftsport machen und Joggen gehen). Und immer noch schränkt es uns an manchen Stellen ein, aber es ist inzwischen normal. Es ist auch normal geworden, dass unser rechtes Knie die gesamte Zeit wehtut. Es war nicht mehr wichtig. Es war einfach da. Es hat nicht mehr gestört.
Und klar, es ist schlimmer, dass wir jetzt nicht mehr laufen können, ohne Schmerzen zu haben. Dass wir nicht mal mehr Spazierengehen, nicht mal mehr vernünftig Kochen können oder Einkaufen oder, oder, oder, weil Stehen noch mehr wehtut. Aber es ist nicht so, als wäre das nichts, mit dem man lernen könnte, zu leben.

Aber wie findet man einen Abschluss? Es gibt immer neue Möglichkeiten. Gerade steht zur Diskussion, ob wir Rheuma haben und wenn ja, dann könnte es daran liegen, dass die Verletzung nicht vernünftig heilt und wenn wir dann Cortison nehmen, vielleicht heilt es dann doch. So geht es seit elf Monaten: in ein paar Wochen werden wir das und das ausprobiert haben und dann wird es besser. Oder dann. Oder dann. Oder dann. Vielleicht, hoffentlich, irgendwann.
Die Sache ist aber, nur, weil man sich eingesteht, dass etwas vielleicht nicht besser wird, heißt das ja nicht, dass es tatsächlich nicht besser werden kann. Als wir uns damals verletzt hatten, hat es auch zwei Jahre gedauert bis wir annährend wieder das Leben haben konnten, das wir vorher hatten. Man muss nur einen Punkt finden, an dem man aufhört, darauf zu warten und anfängt, Anpassungen zu machen. Erst dann kann sich irgendetwas ändern.

Montag, 12. Juli 2021

#65: Gehirnmatsch & Co-Bewusstsein

Neuronal gesehen sind die verschiedenen Innenpersonen bei einer DIS nur verschiedene Gehirnaktivitätsmuster mit einem dazugehörigen Identitätsgefühl. Mit diesem Hintergrund ist es nicht vermutlich nicht schwierig, sich vorzustellen, wie mehrere Innenpersonen gleichzeitig da sein können oder wie man ein Gefühl von „Matsch“, wie wir es immer nennen, haben kann, bei dem man nicht genau weiß, wer eigentlich da ist.
Wir hatten lange Zeit ein ziemlich gutes Gefühl dafür, wer da ist, die meiste Zeit über jedenfalls. Gerade, wenn wir müde sind, wissen wir es eigentlich konstant nicht, aber meistens sind wir zum Glück nicht müde.
Dann ist der Unfall passiert.
Wir dachten lange Zeit, wir wechseln weniger, wenn wir körperliche Probleme haben. Das würde auch Sinn machen. Erstens haben wir das schon von anderen Systemen teilweise gehört, zweitens macht es vermutlich gerade bei einer chronischen Erkrankung, die schon in der Kindheit da war, Sinn, dass es eine Innenperson gibt, die spezifisch dafür da ist, sich in solchen Situationen um den Körper zu kümmern. Es würde Sinn machen, wenn diese Person gleichzeitig der Host ist. Jedenfalls für unser Leben.
Neulich waren wir bei unserer Therapeutin (Therapiebeginn vermutlich Mitte August, wenn die Krankenkasse bis dahin bewilligt) und erzählten ihr dies. Sie fand es komisch, da die Schmerzen, die wir haben, ja eigentlich eine konstante Stressquelle sind und Stress eigentlich mehr Wechsel bedeuten sollte und nicht weniger.
Wir beobachteten dann auch, dass wir sehr spezifische Probleme öfter hatten, die wir zuletzt vor der Diagnose gehabt hatten, aufgrund des Gefühls, irgendeine Melanie-Rolle erfüllen zu müssen. Deshalb horchten wir in uns hinein und kamen zu dem Schluss, dass wir gerade eigentlich die meiste Zeit über keine Ahnung haben, wer da ist. Es gibt kein Identitätsgefühl. Es ist mehr ein "keine Ahnung, interessiert mich auch nicht". Ich glaube, es ist ein "es gibt gerade wichtigere Probleme". Auch bei der Therapie meinten wir schon, dass sich eine DIS-Therapie gerade sehr witzlos anfühlt, weil wir wichtigere Probleme haben. (Nur dass es an den Problemen ohnehin auch nichts ändern würde, wenn wir keine Traumatherapie hätten. Deshalb machen wir trotzdem eine.)
Das ist übrigens auch der Grund, warum seit ein paar Wochen unter den Posts nicht mehr steht, von wem sie geschrieben wurden. (Auch wenn man das ohnehin nur am Computer sehen kann, warum auch immer.) Wir wissen es eigentlich durchgehend nicht. Das Klarste, was wir in letzter Zeit so hatten, war ein "Skye, mit irgendeinem Kind oder Lana". Was auch nicht wirklich sehr präzise ist.
Für uns ist das nicht schlimm. Es ist einfach Normalität.
Es ist nur wichtig zu wissen, dass es existiert.

Donnerstag, 8. Juli 2021

#64: Zeitreise II

Als ich neulich ein paar Texte rausgesucht hab und dafür relativ viel von allem gelesen habe, was wir früher so geschrieben haben, fielen mir einige Dinge auf, die im Kontext der DIS-Diagnose sehr interessant sind. Man braucht dafür vielleicht etwas Hintergrundinfo: mittlerweile schreiben wir meistens sehr geordnete Texte. Es gibt irgendein Thema, wir machen uns darüber Gedanken, wir schreiben es auf, der Text wird mehrmals bearbeitet, meistens auch deutlich zeitversetzt zu seiner Entstehung veröffentlicht. Das liegt daran, dass es sonst momentan nicht viel gibt, über das wir schreiben wollen würden. Unser Leben ist ziemlich leer.
Früher haben wir sehr frei Texte geschrieben, nur Rechtschreibung korrigiert und dadurch entstand sehr viel, das wir teils selbst nicht verstanden haben, wenn wir uns nicht gerade fünf Stunden mit dem Text hingesetzt haben, um die Metaphern (oder was auch immer) zu verstehen. Und so gibt es auch sehr viele Anspielungen auf DIS-Dinge (pun not intended).
Hier einige Auszüge:

"Ich kann dir nicht sagen, was ich meine, ich werde niemals reden können, diese gesamte Zeit wird immer ein totgeschwiegener Anfang sein, den ich nicht ausspreche. [...] Es gibt keine Worte, es wird niemals welche geben, weil ich alles so tief in mir verschlossen habe, dass ich die Wahrheit selbst nicht mehr kenne." - 20. März 2014.
Hintergrund: Dieser Text war ein Brief an unseren Ex darüber, dass wir unsere Beziehungsproblematiken nicht erklären konnten, die vom Missbrauch stammten. (Von dem wir nichts wussten.)

"Es gibt Wörter, die so hässlich sind, dass du sie nicht aussprechen kannst und es gab mal eine Sprache, die sich nach Heimat anfühlte, aber gestorben ist. In deinem Kopf sprichst du anders. Aber das ist nicht deine Heimat und so läufst du in Sackgassen, während du versuchst Zuhause zu finden, aber das existiert nicht mehr. Du existierst nicht mehr. Jedenfalls nicht so, jedenfalls nicht voller Worte, [...] bis zu dem Punkt, an dem du verstehst, warum Menschen sich andere Namen geben." - 02. März 2015
Kurz nach dem Hostwechsel; der erste Satz bezieht sich auf (unbekannten) Missbrauch, das 'Du' ist Direktanrede für uns und Melanie hatte das Gefühl, sie müsste ihren Namen [vom Ausweisnamen] ändern, weil "sie plötzlich so anders war".
Den Text haben wir tatsächlich auch unserem Psychologen gezeigt, als es um die Diagnosestellung ging. Wir haben generell relativ oft uns selbst mit 'Du' angesprochen oder ganze Gespräche aufgeschrieben, die in unserem Kopf stattgefunden haben. Aber das war natürlich alles nur ein Stilmittel. /ironie

"Kann ich bitte meine Erinnerungen wiederhaben?
Ich habe Angst, dass dort nur Leere ist; ich habe Angst, irgendetwas zu finden."
- 26. Dezember 2015.
Ein kleiner Text an unseren Exfreund (Blyth).

"Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Vielleicht habe ich nie irgendetwas gesagt. Vielleicht ist das alles auch einfach gar nicht passiert und ich bilde es mir nur ein. [...] Wusstest du, dass ich jede Erinnerung an dich aus meinem Gedächtnis streiche? Es dauert in etwa sechs Monate. Aber dann sehen wir uns wieder. Du sagst 'ich weiß noch als' und ich denke: nein. Das ist nicht passiert. Jedenfalls nicht in meinem Leben." - 19. Januar 2017.
Gaslighting gepaart mit Amnesie und dem Zeitraum, den es dauert, Erinnerungen abzuspalten, die nicht einfach weggehen könnten, ohne auffällig zu sein, weshalb es erst nach ein paar Monaten passiert. Irgendwann ist mir das aufgefallen: dass ich Schlimmes erleben konnte und nach einem halben Jahr war es relativ zuverlässig weg. (Und weg heißt natürlich, dass jemand anders die Erinnerungen und vor allem die dazugehörigen Gefühle bekommen hat.)

Es gibt noch einen Text, in dem wir darüber geredet haben, dass es sich anfühlt, als wäre "ich" verschiedene Personen. Ich erinnere mich daran, dass ich den Text dem Psychologen gezeigt habe, aber ich kann ihn nicht finden. Er ist nicht auf unserem Zusammenfassungsblog - ich hab eine Notiz gefunden, dass er von 2015 ist, aber leider habe ich keine Ahnung, was das tagebuchmäßig heißt, welches Tagebuch wir da gerade hatten. Deshalb kann ich den leider nicht zeigen, was mich selbst traurig macht, ich hätte den gerne zitiert.
Nichtsdestotrotz fand ich das alles sehr interessant zu lesen!
Ich hab auch ein tolles Beispiel für ein Gespräch gefunden, das aufgeschrieben wurde, aber der Inhalt ist leider nichts, was wir auf dem Blog haben wollen würden, also taucht es an dieser Stelle nicht auf.

Montag, 5. Juli 2021

#63: Erste Person Plural III

Ich möchte dich anschreien. Wie du immer noch beschließt, unsere Lebensrealität für dich umzudefinieren. Wie wir nichts wert sind, was ich spüren kann, in jedem einzelnen Satz von dir. Als hätte ich jemals etwas anderes erwarten können.
Es fühlt sich so ekelhaft an, das eigene Sein erklärt zu bekommen, in die Normalität reindefiniert zu werden, in der andere Menschen so gerne leben würden, als wäre dort jemals Platz für uns gewesen. "Ich definiere Personen nicht nach einer Persönlichkeit", sagst du, "jeder Mensch hat Persönlichkeitsanteile, die sich mal mehr mal weniger voneinander unterscheiden, mal mehr mal weniger verträglich miteinander sind", als wüsstest du nicht genau, was eine DIS ist. "Ich akzeptiere das Wir in dir als Lebensvorstellung, aber sehe dich als Person dann doch in einem Körper.
Insofern darfst du dich nicht wundern, wenn ich dich als ein 'Du' betrachte und auch so benenne."
Insofern darfst du dich nicht wundern, wenn ich dein Sein komplett ignoriere und es in irgendeine Schublade stecke, die für mich besser passt.

Es kotzt mich so sehr an. Rein biologisch gesehen sind wir eine Person, die neuronal aufgeteilt ist, die Identitätsgefühle sind nur ein Stück Zuordnung. Damit arbeiten wir. Nach außen hin benutzen wir verschiedene Namen und Pluralpronomen, weil es sich richtiger anfühlt, uns getrennt zu betrachten in einem sozialen Kontext mit anderen Menschen, weil uns das hilft, weil es ein Stück Therapie gegen eine fehlerhafte Vorstellung von Sein ist, ein Stück Sichtbarkeit für alles, was wir erlebt haben. Niemand sonst hat das Recht, für sich selbst festzustellen, wie man uns behandeln sollte. Niemand sonst hat das Recht, für sich selbst zu definieren, was es bedeutet, wie wir sind. Es gibt Systeme, die sich als eine Person mit gespaltenen Persönlichkeitsanteilen wahrnehmen. Das sind nicht Wir.

Dass diese Aussagen von Blyth kamen, steht mit Absicht erst an dieser Stelle im Text, weil sich gerne alle angesprochen fühlen dürfen, die genau dasselbe zu uns gesagt haben. Viel Spaß mit der Erkenntnis, dass ihr uns genauso missachtet habt wie jemand, dem wir offensichtlich komplett gleichgültig sind. Wir haben klar definiert, wie wir uns den Umgang von anderen Menschen mit unserer DIS wünschen und an Stellen, an denen es unklar ist, sind wir immer offen für Fragen. Unser Sein in einen anderen Kontext zu setzen und uns darauf basierend (falsch) zu behandeln, ist übergriffig.

Irgendjemand wird sich vielleicht daran erinnern, dass wir in diesem Post im April angeschnitten hatten, dass jemand von uns Blyth angeschrieben hat. Zum Glück fiel uns auf, dass man Nachrichten zurückziehen kann (jedenfalls dort, wo die Nachricht geschrieben wurde) und das haben wir dann gemacht, bevor er überhaupt merken konnte, dass wir ihm geschrieben haben.
Vor ein paar Tagen ist dasselbe nochmal passiert. Ich hab das zwar wahrgenommen, aber nicht richtig, es war irgendwie weit weg. Mittlerweile haben wir den Account gelöscht, von dem ihm geschrieben wurde. Nur nicht ohne vorher zu lesen, was da für Nachrichten ausgetauscht wurden.
Natürlich ist es nicht weiter verwunderlich, dass ein Täter übergriffig handelt, dass er ignoriert, was man sagt und es vollkommen ohne Rücksicht irgendwie in seinem Leben einordnet, dass es ihm schlichtweg egal ist. Wütend hat es mich trotzdem gemacht, vor allem, weil er bei Weitem nicht die einzige Person ist, die bezüglich unserer DIS solche Aussagen trifft. Wir hatten dieselbe Aussage erst vor ein paar Wochen von jemand anderem - und die Person war kein Täter.

Sonntag, 4. Juli 2021

#62: Zeitreise

Ich hab gesagt, wir machen eine kleine Zeitreise, weil ich persönlich das interessant fand, weil wir einfach sehr viel unterschiedliches in unserem Leben schon geschrieben haben. Außerdem habe ich einige Texte gefunden, die gerade im Kontext der DIS extrem interessant sind. Um die geht es heute allerdings nicht! Heute gibt es ein paar Gedichts- und allgemeine Prosaauschnitte:

Atlantik

Die Ferne verliert sich in unendlichen Tagen,
drei Monate, drei Jahre, drei Blicke entfernt.
Der Wind weht her die leisen Klagen,
während er durch tosende Wellen des Ozeans fährt.

Die Worte, so einsam, an Flügel gebunden -
schlagend, entfliehend, der einsamen Nacht;
im Licht des Dunkeln für immer verschwunden
und Schwärze ward in Träumen durchwacht.

- 04. Juni 2012

aufgefangen

und die Worte, die du schreibst
sind die Sterne am Himmel,
die ich nicht sehen kann,
die Hoffnung, die
versinkt, versinkt, versinkt.
und deine Worte
sind der Regen
der Welt, der
so sanft,
so leis
in Kälte
fällt.

- 27. September 2012

lightgown

And I thought I would be safe here
if my words brought so much light
that if you looked between the lines, you
couldn't find what they denied,

so I wrote to bring you moments,
hoping you would stay right here,
but you went and tore my pages,
breaking all I once held dear.

Wondering what my veil held hidden,
woven from the words I wrote,
so you never stopped to question
if my light should be my own,

since all you could see was this brightness
and you never really knew
that it only seemed this radiant
due to the darkness it shone trough,

that far beneath my world of beauty
there was no light to exist,
for every word that once held truth dies
until lies are all there is.

So when you left to see more light since
for you my world was just too dark,
you never cared to turn around to
the blazing fire that you sparked.

- 11. August 2014

Ich finde kein Notizbuch, das meine Gefühle beschreibt. Ich kann nicht schreiben. Die Worte sind in irgendeinem Gefühlsnebel verschwunden und gerade habe ich ein paar wiedergefunden, irgendwo im November, der kein Monat ist, aber sie werden alle wieder verschwinden, während die Dinge verschwinden, aus denen meine Welt besteht. Vielleicht verschwindet meine Welt ja auch, vielleicht finde ich deshalb keine Notizbücher, vielleicht gibt es gar keine; vielleicht ist es ja egal, ob sie Linien haben oder Kästchen oder Punkte oder einfach nichts, ob sie einen Einband, einen doppelten Einband oder Ringe haben, oder ob sie nur von ein paar Fäden zusammengehalten werden. Vielleicht ist das ja mein Leben, von ein paar Fäden zusammengehalten, aber Pink ist keine Farbe, die man mit Nebel verbinden würde, genauso wenig wie Hellblau. Oder Gelb. Vielleicht werden sie nie wieder passen, genauso wenig wie sich Dinge richtig anfühlen. Vielleicht aber auch doch. Vielleicht ist ein schönes Wort, es ist so voller Hoffnung, anders als ich. Ich ist kein schönes Wort; ich bin kein schönes Wort. Oder ein Buchstabe oder ein Satz.
- 13. November 2014

embracing shadows

If I can hate you but still love you, why can't I hate myself without falling apart?
It was never a real question; I saw the end right from the start.
Now I'm crumbling in the shadows, a piece of paper, clean white sheet;
thought you'd bring words onto my blankness, your hope was all I'd ever need.

If I can love you and yet hate you, why can't I love myself to stay right by your side?
I know I cannot find an answer. I guess my world's not made for light.
There is this feeling, is this knowledge: I can't replace what I have lost,
for even without your presence hurting, my light is gone, my hope has stopped.

- 05. August 2018

Donnerstag, 1. Juli 2021

#61: get out while you can

In einer anderen Welt habe ich Ja gesagt, als du gefragt hast, ob du vorbeikommen kannst und vielleicht wären wir dann immer noch befreundet. Das ist ein Gedanke, der meinen Kopf nicht verlässt. Ich lebe immer noch in einer Welt, in der du fehlst, obwohl du doch gar nicht weit weg bist.
Die Antwort ist vermutlich Nein. Du warst immer weg, noch bevor du überhaupt gegangen bist. Dass ich Teil deiner realen Welt geworden wäre, hätte nichts daran geändert.
Weißt du, es hat eigentlich auch gar nicht so viel mit dir zu tun. Mein Gehirn hängt sich nur an jeden Fetzen Verlassen als wäre es das Wichtigste, was jemals passiert ist. Ich kann Menschen jedes Jahr Nachrichten schreiben, weil ich mir Sorgen mache, dass sie tot sein könnten und wenn sie mir nach sechs Jahren antworten, bin ich trotzdem enttäuscht, dass ich die Freundschaft nicht wiederhaben kann.

Ich hätte nicht mehr viel darüber nachgedacht, dass du irgendwie hier bist, aber eben irgendwie auch nicht, wenn ich nicht geträumt hätte, dass du mir geschrieben hast. So etwas träume ich oft. Manchmal vergesse ich aber auch Sachen und denke, ich habe sie geträumt, aber später merke ich, dass sie real passiert sind und ich einfach nur Amnesie habe. Deshalb hab ich gesucht und gesucht. Es war ein Traum, dessen bin ich mir inzwischen sicher. Auch wenn ich es erst nicht komplett ausgeschlossen hatte, dass es tatsächlich passiert ist, weil es definitiv Beschützer hier gibt, die dich nicht in unserem Leben haben wollen würden. Als wärst du die einzige Person, die wegrennt.
Du bist nur unbeständig genug, um wiederzukommen. Wenn wir rennen, dann ist das nie nur vorübergehend. Dass ich dasselbe Gefühl in anderen Menschen auslöse wie du in mir, das ist mir trotzdem in all den neun Jahren nie aufgefallen. Wie absolut grausam, nicht war? Ich kann Herzen zerstückeln ohne es überhaupt wahrzunehmen.
Du könntest jederzeit zurückkommen und ich denke, das ist gut so. Ich glaube, ich könnte nie zurückkehren. Ich habe mir selbst schlichtweg keine Möglichkeit gelassen.
Manchmal zerbreche ich mein eigenes Herz.

Aber die Wahrheit ist auch, dass es nichts an meiner chronischen Einsamkeit geändert hätte, wäre 2014 anders verlaufen und ich hätte niemanden verloren. Ich konnte ohnehin nie irgendetwas halten. Wenn Menschen stattdessen mich verlassen, fühlt es sich nur eben unfertig an. Und ich frage mich oft, ob sie dasselbe Gefühl haben von Zurückgehen wollen und wir haben unsere Telefonnummer geändert und unseren gesamten Namen und niemand wird uns jemals wiederfinden können. Selbst wenn irgendjemand hier wäre - niemand von uns ist mehr Melanie und erst Recht nicht [Ausweisname], unser Blog heißt 'Cirrus Floccus' und nichts hier spricht wirklich darüber, dass es irgendwann mal anders war. Wir können nicht zurückgehen und niemand wird jemals zu uns zurückkehren können. Manchmal macht mich das unendlich traurig.
Als ich diesen Text hier angefangen habe, habe ich versucht, eine Liste zu schreiben mit Blognamen, die wir im Laufe der Zeit hatten. Das ist witzlos, wenn man Amnesie hat, habe ich festgestellt. Ich habe keine Ahnung. Es würde auch nicht besser machen, dass ich einfach nur erklären will, was ich 2014 nicht erklären konnte, wofür ich mir selbst jede Möglichkeit genommen habe. Ich fand es nur interessant, rede ich mir selbst ein. Weil das besser macht, dass ich vor meinem Leben davongerannt bin.

Vielleicht machen wir eine kleine Zeitreise.

Donnerstag, 24. Juni 2021

#60: Ableismus

Für nicht chronisch kranke Menschen scheint es vielleicht ein Widerspruch zu sein, dass man oft medizinisch schlechter behandelt wird, je kränker man ist, aber ich habe gerade ein fantastisches Beispiel, also dachte ich, ich erläutere es mal:
wir haben seit unserer Zweitimpfung (Corona) Schmerzen im rechten Oberbauch. Die waren zwei Wochen lang extrem schlimm, wurden dann etwas besser, weggegangen sind sie aber nicht. Da bei den Impfsymptomen ja in der Regel gesagt wird, dass sie nach zwei Wochen weg sind und wir zudem nichts spezifisches zu solchen Nebenwirkungen im Internet gefunden haben, sind wir letzte Woche zum Arzt gegangen. Unsere Hausärztin war da gerade im Urlaub, weshalb wir bei einem Vertretungsarzt waren. Der Arzt hat einen Ultraschall von unserer Leber und Gallenblase gemacht, allerdings nichts festgestellt und meinte dann, wir sollen einfach mal abwarten, ob es vielleicht innerhalb der nächsten Woche weggeht und wenn nicht, nochmal zu unserer Hausärztin gehen, da diese ja auch unsere Krankheitsgeschichte besser kennt.
So weit würde das jeder nicht chronisch kranke Mensch auch erleben. Man hat eben manchmal aus seltsamen Gründen irgendwelche Beschwerden und dann gehen sie von selbst wieder weg.

Da sie aber nicht weggingen, waren wir dann heute nochmal bei unserer Hausärztin.
Das Gespräch lief in etwa so ab:
Wir: "Hallo, wir haben seit der Corona-Impfung vor über drei Wochen Schmerzen im rechten Oberbauch. Wir waren deswegen letzte Woche schon bei Ihrem Kollegen, der hatte einen Ultraschall gemacht, allerdings nichts festgestellt und er meinte, wenn es nicht besser wird, sollen wir nochmal wiederkommen."
Sie: *kramt den Bericht raus* "Also, er hatte bei Ihnen schon eine Fettleber festgestellt."
Wir: "Ja, das ist bei Mukoviszidose normal, die haben wir seit ... Jahren."
Sie: "Vermutlich kommt es einfach daher."
Wir: "Na ja, es ist aber schon auffällig, dass es eben genau seit der Impfung ist."
Sie: "Das ist wahrscheinlich einfach Zufall. Ich würde da gar nichts machen, vermutlich kommt es von der Mukoviszidose und es wäre jetzt auch echt übertrieben, ein MRT zu machen, nur weil Sie ein bisschen Schmerzen haben." (Letzteres ist ein Zitat, wollte ich noch dazusagen, weil es extrem überzogen klingt.)

Leider ist das unsere Lebensrealität. Man geht zum Arzt, weil man irgendwelche Probleme hat und wenn der Arzt nicht innerhalb von kürzester Zeit rausfinden kann, was die Ursache ist, heißt es: "Das hängt bestimmt mit dieser Krankheit zusammen, die sie haben."
Dann muss man nämlich nicht zugeben, dass man keine Ahnung hat.
Die meisten Ärzte haben ein verdammt großes Problem damit, zuzugeben, wenn sie nicht wissen, woran irgendetwas liegen könnte. Also wird dann irgendeine Krankheit rausgekramt, die man hat, an der es ganz bestimmt liegt, damit sie sich einreden können, es wäre alles gut. Je mehr Vorerkrankungen man hat, desto mehr Auswahl haben Ärzte die Symptome auf etwas zu schieben, dass vielleicht, möglicherweise irgendetwas damit zu tun haben könnte. Je mehr Vorerkrankungen man hat, desto seltener wird man über Blutabnehmen hinaus untersucht.

Ich möchte nebenbei anmerken, dass unsere Hausärztin keine Ahnung von Mukoviszidose hat. Sie weiß natürlich ungefähr, was das ist, es wird im Medizin-Studium auch behandelt, aber eben nur sehr oberflächlich. Selbst Lungenärzte haben meistens wenig Ahnung von Mukoviszidose, weshalb es extra auf Mukoviszidose spezialisierte Ärzte gibt, zu denen man alle paar Monate geht, wenn man diese Krankheit hat.
Ebenfalls haben die allermeisten Hausärzte keine Ahnung von psychischen Erkrankungen und trotzdem wird extrem schnell gesagt: "Das hat bestimmt irgendwas mit deiner PTBS zu tun." Einfach so. Klingt irgendwie logisch. Vielleicht hab ich ja ein sterbendes Immunsystem, weil ich vergewaltigt wurde. Was, HIV? Ach, das müssen wir doch nicht überprüfen! Eine Autoimmunerkrankung? Aber ihre Blutwerte sind alle in Ordnung! Das Problem wurde mittlerweile gelöst - nicht von irgendeiner:m Ärzt:in, sondern von uns in Zusammenarbeit mit Google. Aber es zeigt extrem gut, wie absurd die Diagnosestrategien von Ärzten sind, sobald man irgendetwas hat, mit dem es vielleicht, eventuell, entfernt zusammenhängen könnte. Als bräuchte man dann keine Diagnostik. Als wäre das Problem gelöst, weil es vielleicht mit irgendetwas anderem zusammenhängt, das man nicht heilen kann.

Mittwoch, 16. Juni 2021

#59: Selten ist niemals nie

Wir haben eine Erberkrankung, die in etwa eine Person von 2.000 Menschen in Deutschland hat. Ich glaube, deshalb konnten wir nie dieses Gefühl der Unberührbarkeit entwickeln, das viele Menschen haben: dass alles immer nur anderen, niemals ihnen passiert.
Ein Fluff aus unserer Freundesgruppe hat mal gegenüber deyren* Psychotherapeutin den Verdacht geäußert, dey könnten eine dissoziative Identitätsstörung haben. Die Therapeutin glaubte aus verschiedenen Gründen nicht daran, entschied sich aber, als Grund anzugeben, dass es extrem selten ist. Davon abgesehen, dass das nicht stimmt, gibt es für jede Erkrankung, Störung, Erfahrungswelt Menschen, die sie erleben. Dass etwas selten ist, macht es nicht inexistent - man kann jederzeit jemanden treffen, den es betrifft.

* 'dey' ist ein Neopronomen, das als deutsche Version des englischen 'they's als geschlechtsneutrales Pronomen verwendet wird, aber zeitgleich im Plural steht, was gerade für uns als System sehr toll ist

Darüber mache ich mir gerade viele Gedanken.
Zum einen, weil wir seit ein paar Wochen eine unbedeutende kleine Schwellung im rechten Bein haben, wegen der wir nächste Woche einen Arzttermin haben, einfach aufgrund der Tatsache, dass es Krebs sein könnte. Nicht, weil wir Angst hätten. Das ist eine Stelle, an der wir uns sehr oft stoßen, und es macht Sinn, dass der Körper da mehr Gewebe ablagert als normal ist, um den Knochen zu schützen. Aber man sollte es eben mal anschauen.
Und weil wir sehr viele Menschen kennen, die kleine Probleme haben, die nicht wirklich schlimm sind und höchstwahrscheinlich nur von einem Vitamin X Mangel stammen, aber anstatt es kurz vom Arzt überprüfen zu lassen, wird es lieber ein halbes Jahr lang ignoriert. Oder auch drei. Wir kennen mindestens zwei Menschen, die wegen so etwas fast gestorben wären.

Zum anderen haben wir von der Corona-Impfung Schmerzen in Gegend der Leber bekommen. Wir waren mittlerweile beim Arzt, es wurde ein Ultraschall gemacht, es scheint alles in Ordnung zu sein, aber bevor wir beim Arzt waren, haben wir versucht, im Internet rauszufinden, ob das eine normale Nebenwirkung ist. Obwohl wir das Internet rauf und runter gesucht haben, auf Englisch und auf Deutsch, haben wir absolut nichts dazu gefunden, was mich zu dem Schluss führt, dass es eine extrem seltene Nebenwirkung ist. [Die Schmerzen werden mittlerweile allerdings besser.]

Drittens.
Wir hatten im August einen Unfall.
Ab Februar konnten wir uns wieder einigermaßen bewegen.
Ab April hatten wir viel mehr Schmerzen und seltsame Muskelbeschwerden. [Überlastungsschmerzen nach relativ wenig Sport.]
Ende Mai wurden die Schmerzen so schlimm, dass wir nicht mal mehr mehrere Stunden sitzen konnten, weil unsere Bauchmuskeln so doll davon wehtaten. Einmal hatten wir Schmerzen in den Armen davon, dass wir unsere Haare gekämmt hatten, weil das scheinbar zu anstrengend war.
Da das neue Medikament, das wir seit Februar nehmen, als Nebenwirkung Muskelabbau hat, beschlossen wir, es probeweise abzusetzen, auch wenn unsere Ärztin meinte, es wäre bisher kein Fall bekannt, bei dem das so schlimm gewesen wäre, alle Fälle wären (von erhöhten Blutwerten abgesehen) nahezu ohne Symptome verlaufen. Aber da ein Test auf Rheuma negativ war, setzten wir es eben ab.
Die Schmerzen wurden besser. Nicht mal nur die Muskelschmerzen. Auch die Knieschmerzen. Ich sah uns plötzlich nicht mehr vor einer Zukunft, in der wir mit 25 einen Rollator beantragen würden müssen. Trotzdem dachte ich mir, einfach, weil das Medikament so toll ist, dass es bestimmt Zufall sein müsse, dass die Schmerzen besser geworden waren. Oder eben Placebo. Also fing ich wieder an es zu nehmen.
Es ist fünf Tage später, wir haben wieder Schmerzen und ich hätte gerne einen Rollator oder am besten direkt einen elektrischen Rollstuhl. [Ein nicht-elektrischer geht natürlich nicht, wenn die Arme bei der kleinsten Anstrengung anfangen wehzutun.]
Natürlich setzen wir es jetzt wieder ab. Dauerhaft. Das fühlt sich scheiße an, weil wir wochenlang heftigste Nebenwirkungen davon hatten, dass sich die gesamte Biochemie unseres Körpers umgestellt hat. Das dürfen wir jetzt alles nochmal haben. Und dann wieder mehr Husten. Und wesentlich mehr Therapie. Und ich wünschte, ich hätte einfach eine beschissene Tablette nehmen und quasi gesund sein können. So gesund, wie man eben sein kann, wenn man damit gleichzeitig seine Leber zerstört.
Stattdessen müssen wir der Eintrag für seltenste Nebenwirkungen sein, der bisher nicht mal existiert. Wegen uns wird man einen gesamten Beipackzettel ändern. (Möglicherweise, ich hab keine Ahnung, wie so etwas abläuft.)

Irgendjemand wird immer die Person sein, die diese eine total seltene, total unwahrscheinliche Krankheit oder Nebenwirkung oder was auch immer bekommt. Das ist nicht anders, nur weil man gesund geboren wurde.
Und ich könnte die Welt anschreien. Warum wir die eine Person sein müssen, die die häufigste CF-Mutation hat, für die fast am schnellsten ein gutes Medikament entwickelt wurde, die dieses Medikament nicht nehmen kann, während für so viele andere Mutationen gerade Phase 3 Studien laufen.
Aber das ist eben, wie die Welt funktioniert. Irgendjemand wird immer diese eine Person sein, von der niemand denkt, dass sie:r jemals diese sein könnte. Und dieses mal sind das eben wir.

Dienstag, 1. Juni 2021

#58: Seelenstriptease

Vielleicht sind wir Teil des Problems, fiel mir neulich ein, als ich mal wieder lang und breit erklärte, warum wir eine bestimmte Sache anders machten als nicht-traumatisierte, neurotypische Menschen. Das hinge mit der DIS zusammen, deshalb bräuchten wir das so. Damit beendete ich ein Gespräch über etwas, das nur uns selbst betraf, von dem uns ständig versucht wurde einzureden, dass es falsch ist, weil es für andere Menschen nicht gut wäre. (Ja. Denn das Erleben von anderen Menschen ist nicht aus mehreren Schichten Dissoziation aufgebaut.)
Ich war frustriert. Jedes mal erkläre ich immer und immer wieder das Gleiche: dass es für mich, für uns so besser funktioniert. Akzeptiert wird es erst, wenn ich sage: "Das hängt damit zusammen, dass ich fünfzig mal vergewaltigt wurde und deshalb mein Gehirn jetzt anders funktioniert als deins."
Mir fiel auf, dass es immer dasselbe ist. Erfahrungsgemäß wäre das nicht gut, was wir tun. Erfahrungen, die auf neurotypischen Menschen aufbauen.

Der Grund, dass unsere Bedürfnisse so (verhältnismäßig) sehr akzeptiert werden, ist nicht, dass unser Umfeld so phänomenal verständnisvoll ist; obwohl das mit Sicherheit auch ein Faktor ist. Aber der Grund ist vielmehr, dass wir jedes mal unsere Seele auf dem Tisch ausbreiten, zerhacken, anderen Menschen einen Teil zum Ansehen in die Hand drücken. Sie können erkennen: dieses Erleben ist ganz fundamental anders als mein eigenes. Und dann akzeptieren sie auch, dass man nicht damit umgehen kann, wenn Menschen sexuelle Witze machen, weil das ja logisch ist. Man ist halt irgendwie kaputt. Vergewaltigungen machen eben, dass das Thema Sex schwierig ist.
Wir kennen aber auch die Welt bevor wir Erinnerungen an Missbrauch hatten: da war es nie okay. Wir mussten uns halt einfach mit diesen (nebenbei bemerkt meist zutiefst übergriffigen) Witzen abfinden. Immerhin hatten wir keinen Grund sie schlimm zu finden - wir waren ja nicht vergewaltigt worden.

In meinen Gedanken stelle ich mir immer eine Welt vor, in der es anders sein kann. In der man einfach sagen kann: hey, können wir das Thema wechseln? Mich zieht dieses Thema runter. Ohne seine Lebensgeschichte zu erklären. Ohne all seine schlimmsten Erinnerungen vor teilweise komplett fremden Menschen auf den Tisch zu legen. Ohne seine Seele metaphorisch zu zerstückeln und überall zur Schau zu stellen.
Vielleicht sind wir Teil des Problems, dachte ich. Die Welt kann nur dann anders werden, wenn genug Menschen aufhören, sich dauerhaft zu erklären und trotzdem ihre Grenzen einfordern.

Montag, 24. Mai 2021

#57: Konfetti und Liebe

Vielen Menschen, die wir kennen, die traumatisiert sind, fällt Vertrauen unglaublich schwer.
„Wenn du erst einmal richtig verletzt wirst“, hat unsere Mutter immer gesagt, „dann wirst du auch misstrauischer werden.“ Wie wenig Ahnung sie hatte. Von all den Verletzungen.
„Du bist viel zu gutgläubig“, sagten (fast) alle unsere Freunde. „Irgendwann wird dir jemand deswegen wehtun.“ Irgendwann. Als wäre das nicht alles schon geschehen.

Es gibt misstrauische Innenpersonen hier.
Ránne denkt, jeder Mensch wird „ihr“ Kind verletzen - sie beschützt ein bestimmtes, traumafreies Innenkind bei uns. Rinea vertraut ohnehin niemandem und hält alle auf Abstand. Skye sucht Distanz zu Menschen, weil sie meint, dass sie ohnehin niemand mag, dauerhaft, ein Beschützer hatte Ti (irgendwann letztes Jahr) in der Innenwelt eingesperrt, weil er der Meinung war, mein Freund würde sie sonst vergewaltigen. Sehr viele Personen hier haben sehr oft Angst, von irgendjemandem vergewaltigt zu werden.
Und dann bin da ich.
Verletzt und verletzt und verletzt und unerschütterlich schmeiße ich jedem mein Herz entgegen, der es haben will. Wirklich jedem? Nein. Bei manchen Menschen habe ich ein so ungutes Gefühl, dass ich einen großen Bogen um sie mache. Es gibt Menschen, die nicht mal kleine Grenzen beachten. Wie sollten sie dann unsere Grenzstummheit verstehen, selbst wenn es ihnen nicht einfach egal ist?
Aber das sind einige, wenige. Alle anderen bekommen mein Herz und was ich sonst noch alles an metaphorischen Dingen zu bieten habe.
Dawn macht mit. Ja. Dawn, unsere Beschützerin. Schmeißt ihr eigenes Herz jedem Menschen hin, den sie einigermaßen mag und lässt jeden hier, der möchte, dasselbe tun.
All die Kinder vertrauen nicht blind.
Viele haben gelernt: wem Melanie, jetzt Lana, vertraut, der ist in Ordnung, andere nicht.
Andere Kinder aus anderen Systemteilen haben vermutlich andere Vertrauensvorbilder.

Jede zwischenmenschliche Beziehung hier ist ein Vertrauensüberfluss.
Aber warum? Warum, warum, nach all den Schmerzen?
Genau gegen die Schmerzen.
Menschen sind nämlich nicht böse. Die allermeisten Menschen würden einem niemals absichtlich ernsthaft wehtun. Klar, sie sagen vielleicht mal was Unflauschiges, aber sie würden einen nicht plötzlich psychisch kaputtmachen oder missbrauchen. Wenn ich verletzt werde, trage ich das Trauma, aber es war nur eine von hundert Personen, die mein Vertrauen nicht ausgenutzt haben.
Ich kann die Menschen nicht abzählen, denen ich schon vertraut habe. Aber verletzt, absichtlich und ernsthaft, wurden wir davon von kaum jemandem.

Zu gutgläubig.
Wie gutgläubig kann ich sein, wenn ich so gut den schlechten Menschen in meinem Leben ausweiche?

Zu nett.
Auch wenn ich weiß, was damit gemeint ist, möchte ich jeden anschreien, der diesen Satz sagt: Ach ja? Soll ich lieber gemein werden? Ein grauenvoller Mensch sein? Dich den ganzen Tag vergewaltigen?
Denn zu nett existiert nicht.
Grenzen nicht verteidigen können hat nichts mit nett sein zu tun.

Zu positiv.
Ach ja. Die Ironie in diesem Satz. Ich habe mir geschworen, mit der nächsten Person, die das sagt, werde ich nur noch über alles Negative in meinem Leben reden. Bin ich dann negativ genug?
Wozu brauchen wir das überhaupt? Entschuldigung, dass ich ein Stück Licht in dein Leben bringe.

Jeder Mensch ist im Grundsatz vertrauenswürdig.
Ich möchte, dass die Welt eines Tages aufhört, mich wie eine aussätzige Überlebende zu behandeln.
Oh Gott, sie wurde vergewaltigt und kann noch vertrauen. Eindeutig verwirrt dieses Kind, wir müssen ihr helfen.
Selbst eine Psychologin hat mich gefragt, ob ich allen ernstes ein erwachsener Anteil bin. „Aber Sie wirken so kindlich!“ Was für ein trauriges Geständnis an die Welt. Wenn nur Kinder lächeln und vertrauen dürfen, trotz des Traumas.

Ich will auf etwas hinaus.
Vertrauen ist nicht inhärent falsch, nur weil man verletzt wurde. Das weiß jeder, der trotzdem mindestens einen Freund oder eine Freundin hat.
Vertrauen ist auch nicht inhärent schwierig. Vertrauen ist Übungssache.
Und viele traumatisierte Personen beschließen, dass Vertrauen schlecht für sie ist und machen es nur noch ganz selten und dadurch wird es schwierig. Und das ist vollkommen in Ordnung! Wirklich. Ich verstehe jeden, der nach so viel Trauma misstrauisch wird.

Aber es gibt eine andere Seite von Traumareaktion.
Auf der man verzweifelt jedem Menschen seine Liebe, sein Vertrauen, sein Alles schenkt, um bloß einmal jemanden zu treffen, der einem nicht wehtut.
Und ich habe getroffen. So, so viele Menschen. Die anderen waren immer dabei.
Und deshalb wissen wir eine unerschütterliche Wahrheit: nicht jeder Mensch ist böse.
Vertrauen ist in Ordnung.
Es ist kein Widerspruch. So viel Leid noch Hoffnung entgegenzustellen.

Montag, 17. Mai 2021

#56: Lebensupdate

Momentan haben wir vier Termine pro Woche.
Zwei mal Physiotherapie für unser Knie, einmal Physiotherapie aufgrund von CF, dann noch irgendeiner der vielen, vielen Arzttermine, Psychologentermine, Amtstermine, von denen wir im Jahr im Durchschnitt bestimmt 26 haben. Man sollte meinen, drei Stunden pro Woche, das bekommen wir doch hin.
Andere Leute arbeiten mehr als das zehnfache.
Andere Leute wurden nicht fünfzig mal vergewaltigt.
(Oder auch fünf mal. Oder einmal. Andere Leute hatten flauschige Eltern. Andere Leute haben keinen Gendefekt. Andere Leute haben nicht durchgehend Schmerzen, keine Albträume, keine Flashbacks, keine Intrusionen.)

Es ist zu viel.
Wir haben eine Liste an Sachen, die wir jede Woche machen (Wohnung putzen, Wäsche waschen und so was), von der die Hälfte jetzt ruru macht, weil wir es nicht mehr hinbekommen. Wegen drei Stunden Terminen pro Woche.
Wir Dissoziieren beim Duschen, weil die Lautstärke des Wassers Reizüberflutung ist. Die Hälfte des Tages laufen wir mit Noise Cancelling Kopfhörern durch die Gegend, aber die vertragen leider kein Wasser. [Dieser Wohnblock ist zu laut. Es ist zu hell. In einer Großstadt wohnen ist ein Experiment, das wir nicht wiederholen werden, für kein ruru der Welt.]
Wir machen trotzdem weiter, weil alles andere schlimmer ist.

Vor neun Monaten sind wir eine Treppe runtergefallen und haben uns diverse Verletzungen zugezogen. Wir konnten ein halbes Jahr nicht (nur unter starken Schmerzen und mit Stützbandage) laufen.
Als wir im Februar wieder laufen konnten, war ich überglücklich. Dass unser Knie weiterhin durchgehend wehtat, war egal. Dass wir weiterhin wegen der Schmerzen nicht vernünftig schlafen konnten auch. Wir haben jeden Tag Sport gemacht (natürlich nicht viel, aber wir konnten uns wieder bewegen!).
Unser Arzt hat uns dann Physiotherapie verschrieben, weil wir es verlangt haben.
(Damit vielleicht endlich mal der Rest heilt.)
Daraufhin hatten wir die schlechteste Physiotherapie, die wir jemals hatten, die dazu geführt hat, dass unser linkes Knie auch noch kaputtgegangen ist, wegen Überbelastung. Jedes mal, wenn wir es belasten, fühlt es sich an, als würden wir Messer hineinrammen. (Die Sehnen sind komplett entzündet von der Überbelastung.)
Zur Diagnose (vom Arzt) meinte die Physiotherapeutin übrigens so: 'Das kann eigentlich nicht sein, Sie haben ja gar nichts gemacht.' (Also, außer so zwei mal Physiotherapie pro Woche mit Kniebeugen und was weiß ich nicht was nach über einem halben Jahr quasi kompletter Nicht-Belastung.)
Mittlerweile sind wir bei einer deutlich, deutlich besseren Physiotherapeutin.
(Eigentlich will ich das nicht mal 'besser' nennen, sie macht einfach nur ihren Job vernünftig, wie jede:r andere Physiotherapeut:in, die wir bisher kennenlernen durften, auch. Ich weiß nicht, wie die Physiotherapeutinnen, wo wir vorher waren, es geschafft hat, so unglaublich unfähig zu sein. Das sage ich nicht nur wegen der Fehleinschätzung davon, wie belastbar wir sind, sondern auch wegen diverser anderer Dinge, die da falsch gelaufen sind, die aber diesen Post sprengen würden.)

Na ja, jedenfalls wollen wir wieder laufen können. Momentan fahren wir sogar das eine Stockwerk zu unserer Wohnung mit dem Fahrstuhl, weil Treppenlaufen so sehr wehtut. Das ist momentan wichtiger als wie es uns psychisch geht.
(Unser linkes Knie wird seit der neuen Physiotherapie besser. Vermutlich können wir im Sommer wieder Spazierengehen.)
2022 werden wir auch auf Reha fahren. (Zumindest ist das der Plan, wenn es nicht klappt, wird es 2023.) Nachdem irgendjemand Blyth angeschrieben hat und ich ihn dann blockiert habe, damit er uns niemals, niemals wieder antworten können wird, hab ich das Gefühl, vielleicht können wir das. Vielleicht, ganz vielleicht können wir den wunderschönen Ort zurückbekommen, an dem wir zu oft vergewaltigt wurden. (Vielleicht auch nicht und dann fahren wir nach zwei Wochen nach Hause und das ist dann auch okay. Aber wir wollen es zumindest ausprobieren.)

Irgendwann im Sommer fangen wir den nächsten Versuch einer Psychotherapie an (momentan haben wir nur so einmal im Monat einen Termin). Das fand ich erst fast zu unwichtig, um es zu sagen, aber es fiel mir gerade noch so ein. Davon werden wir dann vermutlich auch mehr schreiben, wenn wir dann tatsächlich jede Woche Therapie haben.

Ich glaube, das ist momentan alles, was ich sagen wollte.

Freitag, 14. Mai 2021

#55: Umgang mit Zweifeln/Leugnen

Neulich wurden wir gefragt, wie wir mit Zweifeln und dem Leugnen umgehen. Das wollten wir an dieser Stelle einmal beantworten.

Auf die DIS bezogen, ist das hier tatsächlich ein sehr kleines Thema. Soweit ich weiß, betrifft das eigentlich nur mich (Lana) und einige Innenkinder. Wobei es bei ihnen etwas anders ist. Bei uns war irgendwann Tätern bekannt, dass wir eine DIS haben und dann haben sie teilweise Innenkindern sehr unflauschige Dinge erzählt. Dadurch ist es nicht so, dass sie die DIS leugnen würden, sondern sie haben einfach ein sehr falsches Bild davon.

Bei mir ist es so, wenn jemand anders draußen war und ich habe die Erinnerungen davon noch, dann kann ich ganz klar sehen, dass die DIS existiert, weil ich mich an Sachen erinnere, die ich nie so sagen/machen/was auch immer würde. Ich sehe dann ganz genau, dass das jemand anders war. Aber manchmal ist tagelang niemand außer mir da und dann fang ich schon öfter an zu denken, dass ich mir das bestimmt nur eingebildet habe, vielleicht hatte ich einfach eine seltsame Phase, und so weiter. Da hilft dann aber auch nichts, außer dass irgendwann wieder jemand anders draußen ist, wonach es sofort weg ist.
Natürlich kann es auch sein, dass noch mehr Innenpersonen Probleme mit dem Leugnen haben, das sind aber die einzigen Sachen, die ich weiß.

Missbrauch leugnen ist hier sehr viel verbreiteter (vor allem bei bestimmten Dingen, die uns passiert sind - bei anderen nicht so). Zum einen gibt es natürlich viele traumatisierte Innenpersonen, die gar nicht verstehen, dass sie missbraucht wurden, die sagen, dass sie das alles so gut fanden oder die denken, sie hätten das verdient gehabt. Da hilft erkennen, dass man auch anders behandelt werden kann. Es gibt bei uns einige Innenpersonen, die diese Gedanken nicht mehr (so stark) haben, weil sie Zeit mit ruru verbringen konnten.
Im Alltagsteam leugnet niemand, dass wir missbraucht wurden. So viel ist offensichtlich. Es war schon offensichtlich bevor wir davon wussten. Nur unsere Vorstellung von dem, was eventuell passiert sein könnte, war sehr anders. Teilweise werden bestimmte Details des Ursprungstraumas geleugnet oder zumindest in Frage gestellt, aber das ist im Prinzip nicht so wichtig, da es nichts an den Tatsachen ändert. Zum Beispiel denke ich manchmal so: "Vielleicht war unser Vater ja gar nicht involviert." Das ist natürlich Schwachsinn, da andere Innenpersonen gesagt haben, dass sie sich daran erinnern. Zudem wäre es aus verschiedenen Gründen für jemanden anders auch gar nicht (so) machbar gewesen.
Aber da ist mein Gedankengang dann immer folgender: wenn er so ein schlechter Vater ist, dass die gesamte Familie inklusive mir ihm ohne mit der Wimper zu zucken sofort zutrauen würde, dass er Kinder missbraucht, wäre es dann wirklich so schlimm, wenn die Erinnerung falsch wäre? Er ist ein grauenvoller Mensch und wenn er wirklich nichts damit zu tun hätte, würde das absolut nichts an irgendetwas ändern.

Ein größeres Problem ist Blyth. (Den wir mittlerweile wieder aus unserem Leben entfernt haben, so als kleines, wichtiges Update am Rande.) Das liegt an dem Zwiespalt zwischen 'er hat uns extrem geholfen' und 'er hat uns missbraucht'. Da denke ich (und auch andere Innenpersonen) dann doch wieder oft: "Vielleicht war es meine Schuld, vielleicht habe ich nicht gut genug erklärt, dass ich das nicht wollte, ..." (Diejenigen, die tatsächlich Erinnerungen an Missbrauch haben, leugnen das nicht, nur ich hab die Erinnerungen da eben nicht, beziehungsweise nur sehr begrenzt Erinnerungen an Dinge, die definitiv auch Missbrauch waren, aber in einem anderen Zusammenhang auch ein Versehen hätten sein können.)
Zum Glück schreiben wir sehr viel Tagebuch. Wir haben ein bestimmtes Tagebuch, das wir benutzt haben zu einer Zeit, in der wir für längere Zeit in seiner Nähe waren. (Es war eine Fernbeziehung.) Ich nenne es immer liebevoll "Missbrauchsdokumentationsbuch". Der Name ist selbsterklärend. Wenn ich zweifle, lese ich es. Danach zweifle ich nicht mehr. Ich weiß, dass niemand von uns in Tagebüchern lügen würde, weil wir die nur selbst lesen. Zudem habe ich manchmal, wenn ich sie lese, Intrusionen von einzelnen Momenten der Tage, über die da geschrieben wird. So was denke ich mir nicht aus.
Generell ist hier aber das größte Problem auch nicht das Leugnen sondern das 'nicht zusammenbringen Können'. Selbst wenn wir nicht leugnen, wird es nicht verstanden, wie Blyth uns einerseits so sehr helfen konnte und andererseits dann so sehr schaden. Und dann wird sich oft gefragt, mochte er uns jetzt wirklich und hat uns dann deshalb missbraucht, weil er uns dann "haben wollte", oder hat er das alles vorgespielt, damit wir ihm vertrauen, weil er von Anfang an erkannt hat, was unser Problem ist, und wusste, wie wundervoll man das ausnutzen kann. (Aber letzteres passt dann wieder nicht zu Dingen, die andere Innenpersonen erzählt haben. Aber ersteres ergibt für mich einfach keinen Sinn.)

Ich wünschte, ich könnte an der Stelle irgendwelche Tipps geben, weil mir natürlich bewusst ist, dass wir verhältnismäßig wenig Probleme mit so was haben, aber ich hab das Gefühl, das ist etwas so grundlegendes, dass es da nichts bestimmtes gibt, was wir gemacht haben, dass wir uns selbst besser glauben können. Es ist einfach so.
Vielleicht liegt es daran, dass unsere Erziehung nicht komplett grauenvoll war. Wir haben immer gelernt, uns selbst am meisten zu glauben, weil niemand sonst unser Leben so gut einschätzen kann wie wir.
Das hängt hauptsächlich mit unserer Krankheit zusammen. Man muss sehr stark an sich selbst Glauben, wenn man sich durch die Schichten von Ärzten kämpfen möchte, die einen nicht ernstnehmen, um irgendwen zu finden, der einem hilft. Ohne funktionierende Selbsteinschätzung wären wir wahrscheinlich schon gestorben. Also war es wichtig für unser Überleben. Demnach gibt es da keine einzelnen Tipps, die ich geben kann, mit denen man dasselbe Ergebnis erreichen könnte.

Dienstag, 11. Mai 2021

#54: Fragen

Neulich haben wir auf Instagram und Discord gefragt, ob es eigentlich irgendwelche Fragen an uns gibt, die wir jetzt mit diesem Post beantworten wollten.

1. Warum postet ihr auf Instagram nichts mehr?
Es ist nicht unser Medium. Fast niemand hier macht gerne Bilder, aber fast alle schreiben gerne Texte und auf Instagram hat man eine Zeichenbegrenzung für diese Texte. Unsere waren aber immer länger und dann mussten wir sie extrem verkürzen oder die Texte in den Kommentaren weiterschreiben, was dann aber wiederum Menschen, die Instagram nicht haben, nicht lesen können - im Gegensatz zu hier. Ein Blog eignet sich deshalb für uns einfach besser.

2. Wird der Blog immer von einer Person geschrieben?
Nein. Am PC kann man sogar bei den meisten Texten sehen, wer den Post geschrieben hat (es steht unter dem Post, unter 'geschrieben von Cirrus Floccus'). Am Handy kann man das, soweit ich weiß, leider nicht sehen, allerdings findet sich oben unter 'Cirrus Floccus' eine kleine Übersicht von Innenpersonen, die hier auf dem Blog schon Texte verfasst haben oder irgendwo erwähnt wurden.
Teilweise steht es bei Posts nicht bei, weil entweder die Person nicht genannt werden wollte, die sie geschrieben hat oder weil es einfach nicht ersichtlich war, für die Person, die den Post auf unseren Blog getan hat (wir schreiben vieles auf dem Handy und dann liegen da manchmal so Texte rum für den Blog, von denen niemand genau weiß, wer sie eigentlich geschrieben hat).

3. Gibt es Innenpersonen, die ihr lieber mögt/außen habt als andere?
Also. Genauso wie man manche Menschen mehr und manche Menschen weniger mag, mögen wir natürlich auch die Innenpersonen teilweise mehr und teilweise weniger. Da kommt es dann aber natürlich auf die jeweilige Innenperson an, wenn sie mehr/weniger mag.
Das ist aber nicht dasselbe wie 'bestimmte Innenpersonen lieber draußen haben', denn alle Innenpersonen sind ja Innen genauso existent. Manchmal kommt es vor, dass man schon lange nichts mehr von einer bestimmten Innenperson gehört hat und sich dann so denkt 'ich hoffe, sie taucht mal wieder auf'.
Natürlich gibt es aber in bestimmten Situationen Innenpersonen, die wir lieber draußen haben, weil gerade die Kinder zum Beispiel oft von Arztterminen oder Ähnlichem überfordert sind und es ihnen dann sehr schlecht geht, obwohl für andere Innenpersonen ein Arzttermin gar nichts besonderes ist.
Es gibt auch Innenpersonen, die nicht gerne draußen sind, denen wünsche ich dann natürlich auch, dass sie nicht oft draußen sein müssen.
Ich kann sagen, dass ich persönlich (Lana) mir momentan wünsche, weniger draußen zu sein, weil ich momentan fast die gesamte Zeit da bin, wodurch ich mich komplett alleine um den gesamten Alltag kümmern muss, was früher nicht so war und früher hat es auch besser funktioniert. Das hat allerdings auch Gründe, warum ich gerade so viel da bin. Aber ich käme jetzt nie auf die Idee zu sagen "ich wünschte, x wäre besonders viel draußen und y sehr wenig". Das klingt auch irgendwie sehr gemein.

4. Ist es für andere immer ersichtlich, welche Person gerade draußen ist?
Wir haben ein kleines Programm von ruru, wo wir versuchen, immer einzutragen, wer draußen ist, aber da Wechsel ja auch oft durch Trigger passieren und man dann erstmal mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist (oder Innenpersonen draußen sind, die keine Ahnung davon haben), ist es nicht supergenau. Es ist aber zumindest eine einigermaßen richtige Annährung.
Dadurch ist es auf Discord in der Regel einzusehen, zumindest eben, wenn wir gerade online sind. (Wenn wir anderweitig beschäftigt sind, ändern wir es natürlich auch nicht.)
Davon abgesehen ist es aber nicht wirklich ersichtlich. Als wir noch dachten, wir wären ein sehr kleines System, hatten wir mal ausprobiert, sozusagen Erkennungs-Ringe zu haben (indem man immer den Ring der Innenperson trägt, die gerade draußen ist), aber erstens haben wir das die ganze Zeit selbst vergessen und zweitens funktioniert das bei der Menge an Innenpersonen, die mittlerweile bekannt sind, natürlich ohnehin nicht.
Wenn man uns sehr gut kennt, dann kann man teilweise an der Stimmlage, Sprechweise und Wortwahl erkennen, wer draußen ist, aber das kann, soweit ich weiß, nur ruru. Und selbst er liegt da nicht immer richtig.

5. Wie geht ihr mit Zweifeln/dem Leugnen um?
Die Antwort auf diese Frage gibt es im nächsten Post! (Also... sie war einfach so lang, dass das einen eigenen Post wert ist.)

Freitag, 7. Mai 2021

#53: Amnesie

Wir hatten mal eine beste Freundin, in der fünften Klasse. Sie war damals neu nach Hannover gezogen und da wir auch keine Freunde hatten, machten wir viele Schularbeiten zusammen und freundeten uns schließlich an.
Ich erinnere mich noch genau an den ersten Tag der sechsten Klasse, nach den Sommerferien. Wir hatten uns die ganzen Ferien nicht gesehen und sie war auch nicht da. Ganz dunkel meinte ich mich zu erinnern, dass sie gesagt hätte, dass sie wegzieht, aber um ehrlich zu sein fühlte es sich eher an, als hätte ich das geträumt. Da unsere Lehrerin ebenfalls nicht wusste, wo sie war und dann davon ausging, dass sie wohl krank sei, sagte ich mir, dass ich das wohl wirklich nur geträumt hatte, sonst wüsste die Schule ja Bescheid.
Als sie die ganze Woche nicht auftauchte, rief ich sie an, um zu fragen, wie es ihr ging und ihr zu sagen, was wir in der Schule so gemacht hatten und welche Hausaufgaben wir hatten. Kein Anschluss unter dieser Nummer.
Ich fragte in der nächsten Woche dann unserer Lehrerin, die dann wiederum mit dem Schulleiter sprach und schließlich erfuhr, dass sie weggezogen war. Niemand wusste wohin, ich hatte keine Möglichkeit, sie zu erreichen.
An Weihnachten erhielt ich eine Karte von ihr.
Ich schrieb ihr einen sehr wütenden Brief darüber zurück, dass sie mir nichts von dem Umzug gesagt hatte und dass ich mich die ganze Zeit gefragt hatte, wo sie ist und dass ich jetzt so sauer auf sie war, dass ich nie wieder von ihr hören wollte. (Ich war elf, als Entschuldigung.)
Ich wusste nicht, dass ich Amnesie hatte.
(Sie hatte mir höchstwahrscheinlich von dem Umzug erzählt und ich hatte es vergessen.)

Ein Jahr später (oder so) schrieb sie mich auf Schülervz an und wir freundeten uns wieder an und ich verbrachte sogar die Sommerferien bei ihr. Ich erinnere mich sogar noch daran, dass sie durch Zufall im Fernsehen irgendeinen veralteten Schwachsinn über meine Krankheit hörte und mich danach total besorgt anschrieb, weil sie dachte, ich würde in zehn Jahren sterben. (Die Lebenserwartung mit Mukoviszidose ist für uns momentan etwa 65 Jahre, es gibt allerdings oft veraltete Informationen, in denen gesagt wird, dass die Lebenserwartung 25 ist.)
Und dann erinnere ich mich an nichts.
Ich weiß, dass ich 2014 den Kontakt zu fast allen Menschen abgebrochen habe, mit denen wir damals Kontakt hatten, aber ich erinnere mich nicht daran, dass wir zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch Kontakt zu ihr hatten.
Das fiel mir vor ein paar Tagen auf. Ich hatte einfach vergessen, dass sie existierte.

Es so unglaublich viele mögliche Gründe, warum wir keinen Kontakt mehr haben könnten.
Vielleicht haben wir doch 2014 den Kontakt zu ihr abgebrochen und erinnern uns einfach nur nicht mehr.
Vielleicht haben wir vorher den Kontakt abgebrochen, weil sie irgendetwas Unflauschiges gemacht hat.
Vielleicht haben wir etwas Unflauschiges gemacht und sie hat deshalb den Kontakt abgebrochen.
Vielleicht kam sie nicht mit all den psychischen Problemen klar, die wir plötzlich hatten, die immer schlimmer wurden und wollte deswegen keinen Kontakt mehr zu uns haben.
Vielleicht hat sie uns nicht mehr geschrieben, weil sie selbst psychische Probleme hatte und wir haben einfach vergessen, dass sie existiert.
Vielleicht ist sie gestorben und wir haben uns nie gefragt, wo sie ist, weil wir vergessen haben, dass sie existiert.
Ich habe keine Ahnung. Ich werde es vermutlich auch nicht mehr rausfinden. Ich könnte zwar theoretisch bestimmt ihre Adresse rausfinden, da ich ihren Wohnort und Namen weiß, aber vielleicht wäre es auch einfach etwas seltsam, nach zehn Jahren (2010 ist der letzte Kontakt, an den ich mich erinnern kann) anzukommen und zu sagen: 'Hey, ich hab Amnesie und vergessen, warum wir keinen Kontakt mehr haben.'

Es war nur einfach sehr schockierend, verwirrend, offenbarend für mich, dass ich so absolut keine Ahnung habe. Vielleicht weiß es ja auch jemand anders aus dem System.
Und ja. Dass ich einfach vergesse, dass Menschen existieren, kommt nicht selten vor. Manchmal vergesse ich, Freunden auf Nachrichten zu antworten und wenn ich es lang genug vergesse, vergesse ich, dass sie existieren und wenn ich Glück habe, schreiben sie mich dann an, um mich zu erinnern, dass ich noch antworten wollte und dann fällt es mir wieder ein und wenn ich Pech habe, merke ich nach drei Jahren, dass ich sie einfach aus Versehen geghostet habe. (Wobei ich es erst dann Ghosten nennen würde, wenn man wirklich mehrfach die Nachrichten von jemandem ignoriert.)

Ich erinnere mich daran, dass ich irgendwann (ich habe keine Ahnung mehr wann) durch unseren Wohnort lief und von einem etwas jüngeren Mädchen angesprochen wurde. Es war wohl offensichtlich, dass ich keine Ahnung hatte, wer sie war, denn sie fragte, ob ich mich denn nicht an sie erinnern würde.
"Nein, tut mir leid. Von wo kennen wir uns denn?"
Sie sagte es mir und die Worte wurden zu Matsch in meinem Gehirn.
Sie wiederholte es, wieder und wieder, aber es war, als würden die Worte aus meinen Gedanken gelöscht, sobald ich sie gehört hatte.
Heutzutage würde ich sagen: "Tut mir leid, ich hab so eine Störung im Gehirn, die macht, dass ich manchmal nicht mehr richtig höre. Könntest du das aufschreiben?"
Vielleicht wäre dann gewechselt worden. Mir fällt mittlerweile natürlich der offensichtlichste Grund ein, warum ich einen bestimmten Ort nicht aufnehmen können sollte, während ich den Rest des Gesprächs problemlos verstehe. Ein Ort, von dem ich nicht wissen sollte, dass er existiert.
Ich meinte, sie müsste mich verwechseln, aber sie war sich hundert Prozent sicher, dass sie mich kannte. Am Ende tat ich so, als würde ich mich erinnern und sagte mir, dass sie bestimmt die kleine Schwester einer meiner Freundinnen war. Es war vermutlich offensichtlich, dass ich lüge.

Solche Erinnerungen ziehen sich durch mein Leben.
Eine Person, mit der ich mich während der Reha angefreundet habe, bei der ich mir sicher bin, ich hatte sie nach Kontaktdaten gefragt, aber danach weiß ich nichts.
Vielleicht hatte sie mir ihre Kontakdaten nicht gegeben.
Vielleicht hatte ich sie verloren.
Vielleicht hab ich die Freundschaft vergessen und ihr nie geschrieben.

Wie viele Menschen ich wohl vergessen habe, von denen ich absolut gar nichts mehr weiß?

Ja. Auch das ist Trauma. Auch das ist Dissoziation und eine dissoziative Identitätsstruktur und alles dazwischen. Wir haben keine magische Filmamnesie, wo die Erinnerungen ausgerechnet dann zurückkommen, wenn man sich das gerade wünscht. Irgendjemand von uns hat die Erinnerungen wahrscheinlich, aber wir können nur sehr erschwert danach suchen. Manchmal ist es das nicht wert. Vielleicht hängt da Trauma dran. Keine Ahnung. Ich kann es nicht wissen.
Ich schreib das nur, weil Amnesie in meiner Vorstellung früher sehr anders aussah als das, was wir haben. Anderen Leuten geht es da vermutlich ähnlich.
Amnesie ist sehr viel mehr als das, aber es war eine Sache, die mir gerade sehr auffiel und wichtig für mich war.